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Sind wir alle Rabenmütter?

"Sind wir alle Rabenmütter?" fragt die Ausstellung des Kunstmuseums Lentos in Linz. Autorin Sue Holzer war erst beleidigt – und änderte dann ihre Meinung.

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Sind wir alle Rabenmütter?

Foto von Künstlerin Judith Samen

© Rabenmuetter

Als vor ein paar Wochen die Einladung zur Mütter-Ausstellung des Kunstmuseums Lentos ins Haus flatterte, fühlte ich mich erst mal geehrt. Wow, ein wirkliches, echtes Museum fand, dass unser Blog gut zum Thema „Mütterbilder von 1900 bis heute“ passen würde – hieß das nicht irgendwie, dass wir schon fast als Expertinnen in Sachen Mamasein galten? Als ich den Titel der Ausstellung sah, relativierte sich meine Euphorie jedoch relativ schnell: „Rabenmütter“.

Na bravo! Sofort zog ich beleidigt eine Schnute: Wie kamen die beim Thema Rabenmütter ausgerechnet auf uns? Wir waren doch bitteschön alles andere als Rabenmütter?! Die erste Empörung wich jedoch bald dem Zweifel: Was, wenn ich wirklich eine Rabenmutter war? Was, wenn die Ausstellung schwarz auf weiß belegen konnte, dass mich im historischen Kontext selbst Andy Warhol und Keith Haring als miserables Muttertier abstempeln würden?

»Wie kommt man beim Thema "Rabenmutter" auf uns?«

Mein Interesse war also geweckt: Obwohl mein Verständnis von Kunst zwar so ungefähr in der Bilderrahmen-Abteilung von Ikea aufhört, wollte ich mir ansehen, wie sich andere im Laufe der Zeit mit dem Thema Mamasein auseinandergesetzt hatten. Die Ausstellung versprach Werke von Künstlern aus aller Welt und das anschließende Symposium Fachleute aus Kunst und Historik – und außerdem würde es ein Tag sein, an dem ich mal ohne quengelndes Kleinkind am Rockzipfel ein Gratis-Buffet plündern konnte.

Eines sei allerdings bereits vorweggenommen: Das Buffet war an dem Tag definitiv nicht das Interessanteste! Aber fangen wir am Anfang an, nämlich vor der Tür des ersten Ausstellungsraumes. Gespannt und mit gezücktem Stift wartete ich auf den Beginn der Führung und schaute mich in der Runde um: Oje, nur ein vereinzelter Mann und sonst lauter Frauen – das löste in mir bereits die ersten Zweifel aus. Passte ich in diese Runde überhaupt hinein? Wurde das jetzt so ein Feminismus-Ding, in dem wir uns alle gegenseitig versicherten, wie stark wir als Frauen und Mütter waren? Bereits bei den ersten Bildern der Ausstellung verpuffte jedoch mein Bedenken: Hier war ich offensichtlich verdammt richtig.

Bilder von genervten Mamas, die ihre Kinder hinter sich herzogen, Bilder von Babys, die sich der ewigen Schmuserei der Mutter entzogen, Bilder von schwabbeligen Kaiserschnitt-Bäuchen und Hängebusen – das kam mir alles nur zu bekannt vor!

Allein über diesen Raum der Ausstellung hätte ich wahrscheinlich schon 10 Seiten schreiben können, in den anderen Räumen wurde ich aber mit noch so viel mehr Themen überschüttet, dass mir bald der Kopf rauchte: Mutterliebe, Mutterkörper, Mutterkonflikt, Mutterleid, Meine Mutter, Mutterstolz, Mutterleben, Muttersünden – jeder Abschnitt der Ausstellung für sich war ein absolutes Killerthema, das mich meine eigene Rolle als Mama an jeder Ecke hinterfragen ließ.

Als alter Kunstbanause konnte ich zwar bei Weitem nicht mit jedem Bild etwas anfangen und musste bei manchen schon ganz genau hinschauen, um überhaupt zu erkennen, wo da eine Mutter oder ein Kind zu sehen sein sollten – aber auf emotionaler Ebene kam bei allen von ihnen eine klare Botschaft bei mir an: Mama zu sein ist eine Büchse der Pandora. Es bringt so viele Veränderungen, Emotionen, Überlegungen und Überstürzungen mit sich, dass man offensichtlich gar nicht anders kann, als erst einmal überfordert zu sein. Sofort tauchte bei mir die Frage auf: Wenn zumindest Künstler sich mit diesem Thema schon seit 1900 auseinandersetzen und es seit Anbeginn der Zeiten klar zu sein schien, dass das Thema Mutterschaft nicht nur eitel Sonnenschein ist – wie hatte ich selbst das vor meiner eigenen Schwangerschaft nicht mitkriegen können?

Wieso hatte ich mir diese ganzen Ängste, Sorgen und schwer zu kontrollierenden Gefühle, die da mit absoluter Sicherheit auf mich zukommen würden, nicht mal ansatzweise vorstellen können??

Auch auf diese Frage gaben mir die Bilder der Ausstellung und die darauf folgenden Vorträge zumindest eine annähernde Antwort: Weil Mutterschaft nicht nur das größte Mysterium, sondern offensichtlich auch nach wie vor das größte Tabu unserer Zeit ist. Dem sinngemäßen Zitat, dass man in einer Runde von acht Leuten im Restaurant noch eher zugibt, zum Therapeuten zu gehen, als sich als Mutter überfordert zu fühlen, konnte ich nur voll zustimmen – offensichtlich ist es salonfähiger, verrückt zu sein, als sich als schlechte Mutter zu outen. Über die Schattenseiten des Mamadaseins zu sprechen erschreckt, schockt und eckt an. Schließlich sollten wir doch alle mit einem Schlag vollkommen von unübertrefflichem Glück überrollt werden und jegliche eigenen Bedürfnisse automatisch vergessen, wenn wir erst mal Mama sind!

»Man gibt eher zu, zum Therapeuten zu gehen, als dass man als Mama überfordert ist«

Wenn das nicht eintritt, wenn man trotz überwältigender Liebe zu seinem Kind auch manchmal einfach nur müde, genervt oder überfordert ist, wenn man trotz Freude am Mamasein manchmal auch noch etwas für sich selbst möchte, dann steht man da und fragt sich: Bin ich deswegen jetzt eine Rabenmutter? Und das will natürlich keiner von sich behaupten, das würde einen so tief im Inneren kränken, dass man es lieber gar nicht erst anspricht. Und hier beginnt der mütterliche Teufelskreis: Keine mag darüber reden und jede fühlt sich schlecht, weil sie deswegen denkt, sie wäre die einzige, die das Ideal der Bio-Brei kochenden, Kinderlieder singenden, frühfördernden Superwuzzimegamama nicht mit links erfüllt.

Vielleicht mag es Mamas geben, die seit Geburt ihres Kindes noch keinen Tag an sich gezweifelt haben und für die freue ich mich wirklich von ganzem Herzen, aber für alle anderen sind Auseinandersetzungen mit dem Thema Mamasein wie sie in der Ausstellung des Lentos stattfinden, ein wichtiger Schritt zu mehr Gelassenheit und Mamastolz.

„Rabenmütter“ bietet 1000 gute Denkanstöße, um sich mit seiner eigenen Rolle als Mutter, Tochter oder Oma auseinanderzusetzen – aber am Ende des Tages muss man vielleicht auch gar nicht immer alles krampfhaft zu Tode analysieren, sondern einfach mal machen, komplett aus dem Bauch heraus (wo ja sinnigerweise auch die kleinen Racker herkommen). Ich zumindest habe durch den Tag in Linz herausgefunden, dass ich dem ursprünglichsten Mutterbild der Madonna wunderbar entspreche. Nur eben nicht der Madonna mit dem selig schlafenden Jesukindlein im Arm, sondern der Madonna, die sich im Video zu „Hung up“ im rosa Presswurst-Anzug komplett zum Affen macht. Und wenn mich das zur Rabenmutter macht, dann bin ich es mit Stolz!

Alles Infos zu “Rabenmütter“ und der sicher lustigen Rabenbaby-Tour durch die Ausstellung gibt’s hier: LENTOS

Über die Autorin: Susanne Holzer ist freie Autorin aus Salzburg. Gemeinsam mit Sybille Maier-Ginther schreibt sie im ehrlichen Mama-Blog „Hand aufs Herz“ darüber, wie das Leben mit Kind wirklich ist. Mehr von den beiden gibt’s auf Hand Aufs Herz.

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