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Interview: "Wie meine Mutter in einer Telefonzelle einfach verschwand"

Als Leonie Wahl 10 Jahre alt war, sah sie, wie ihre Mutter in einer Telefonzelle "verschwand": Sie kam als fremde Person heraus. Sie hatte ihre erste schizophrene Krise.

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Interview: "Wie meine Mutter in einer Telefonzelle einfach verschwand"
© Walter Mussil

Vom 14. bis 30. November wird es auf der Bühne ein bizarres Schauspiel zu sehen geben, welchem ein einschneidendes Ereignis in der Kindheit von Leonie Wahl zugrunde liegt: In ihrem Stück "This Is What Happened In The Telephone Booth" präsentiert die Tänzerin erstmals eine Geschichte, die sie selbst erleben musste. Kurz bevor ihre Familie in den Urlaub fahren wollte, verschwand ihre Mutter in einer Telefonzelle, um ihren Geliebten anzurufen. Als sie zurückkehrte, war sie plötzlich ein anderer Mensch geworden. Sie war völlig außer sich und nicht mehr zu beruhigen. In diesem Moment hatte sie ihre allererste schizophrene Krise.

Dieses Ereignis beschäftigt Wahl bis heute. Bis heute kann sie sich nicht erklären, was damals in der Kabine vorgefallen ist. Auch Leonie Wahls Mutter selbst weiß bis heute nicht, was mit ihr dort passiert ist.

Auch Leonie Wahls Mutter selbst weiß bis heute nicht, was mit ihr dort passiert ist.

„Ich glaube aber, dass ich genau deshalb Künstlerin geworden bin. Ich bin Tänzerin geworden, weil mir damals bewusst wurde, dass die wesentlichen Dinge, die das Leben verändern, nicht mit Worten erzählbar und erklärbar sind,“ so Leonie Wahl. Wir haben mit der Tänzerin und Choreographin gesprochen:

In ihrem neuen Stück verarbeiten Sie ein Erlebnis aus ihrer eigenen Kindheit: Könnten Sie uns etwas genauer erzählen, was damals geschehen ist?
Leonie Wahl: Meine Mutter, meine Schwester und ich lebten mit mit einigen anderen als Hippie-Aussteigerfamilie aus der Schweiz in der Toskana. Meine Eltern waren da bereits seit Jahren getrennt, und wir wuchsen am Land auf. Meine Mutter packte uns, ich war gerade 10 Jahre alt, in ihr Auto und wollte ihren Freund vom Bahnhof abholen. Da wir kein Telefon besaßen, blieb sie unterwegs bei einer Telefonzelle stehen um ihn anzurufen. Nach einem kurzen Gespräch kehrte sie zurück und war vollkommen verändert.

Sie war außer sich, vollkommen panisch, für mich fast nicht mehr zu erkennen. Sie erzählte, dass aus ihrer Hand Blut schoss und die ganze Zelle vollgespritzt hatte. Sie hörte Stimmen, die sie warnten, dass etwas ganz Schreckliches passieren würde und sie den Tod riechen kann. Für uns Kinder war das ein enormer Schock und in weiterer Folge wurde die Polizei gerufen und wir alle ins Krankenhaus gebracht. Die folgende Nacht verbrachten meine Schwester im Revier der Carabinieri. Später erfuhr ich, dass sie da ihre erste psychotische (schizophrene) Episode erlitt.

Was haben Sie damals empfunden?
Leonie Wahl: Ich fühlte mich, als wäre mir der Boden unter den Füßen weggezogen worden, weil ab da war nichts mehr so wie es vorher war!

Und wie präsentieren Sie dies nun auf der Bühne?
Leonie Wahl: Wir beschäftigen uns in dieser Arbeit mit der Transformation. Also der plötzlichen Veränderung von Menschen durch traumatische oder andere Erlebnisse. So vergleichen wir die geistige Zerrüttung meiner Mutter zum Wahnsinn mit der Begegnung eines Menschen mit der Kunst. Denn ich habe oft erlebt, dass die aktive oder passive Kunsterfahrung einen Menschen so stark in den Bann ziehen kann, dass er zu einem anderen wird, sich seine Betrachtung der Welt, manchmal sein ganzes Leben verändert. Kunst vermag einfach so viel! Nicht umsonst wird Kunst in so vielen Bereichen als therapeutisches Mittel eingesetzt, weil sie so unmittelbar auf alle unsere Sinne einwirkt, und dadurch ihre ganze Kraft offenbaren kann.

Wie haben Sie dies verarbeitet?
Leonie Wahl: Ich bin bald (mit 16 Jahren) von daheim weggegangen um in Deutschland und Holland eine Tanzausbildung zu machen, meinen eigenen Weg zu gehen, aber sicher auch um der Situation zu entkommen, einen Umgang damit für mich zu finden. Ich denke, ich bin Tänzerin geworden, weil ich begriff, dass man die wesentlichsten Dinge des Lebens, die einen so stark beeinflussen und uns zu wesentlichen Änderungen treiben, nur sehr schwer rational und mit Worten erklären kann. Auslöser für gewisse Situationen erscheinen uns oft lächerlich und banal, weil man oft nicht die Ursachen dafür sehen kann oder will. Kunst macht für mich das Unsichtbare erfahrbar.

Gibt es Strategien für Angehörige, die Sie empfehlen?
Leonie Wahl: Ich glaube, es gibt keine allgemeine Strategie für den Umgang mit geistig zerrütteten Menschen, denn diesem Umstand liegen ja auch physiologische Ursachen zugrunde, die oft nur durch richtige Medikation in den Griff zu kriegen sind. Ich bin zwar damals zu meinem eigenen Seelenheil geflüchtet, habe aber nie aufgehört mit meiner Mutter engen Kontakt zu halten, und Verständnis für sie aufzubringen. Wenn es ein Mittel gibt, allen Beteiligten in dieser Situation zu helfen, ist es meiner Meinung nach die Enttabuisierung, sprich der offene Umgang mit der Krankheit in allen Lebenslagen und zu jeder Zeit. Dafür bin ich meiner Mutter bis heute dankbar, dass sie dazu die Kraft hatte.

Hat sich Ihre Mutter danach noch um Sie kümmern können?
Leonie Wahl: Ja, auch wenn es ihr sehr viel abverlangt hat, und wir trotz allem niemals den Respekt vor ihr verloren haben! Vielleicht ist das auch das wichtigste Mittel, damit umzugehen, den Respekt nicht zu verlieren und diese Art oder diese Menschen einfach abzutun. Diese Leiden sind ja weiter verbreitet als man glaubt, viele Familien müssen mit Persönlichkeitsstörungen von Anverwandten umgehen!

Haben Sie zuvor schon Autobiographisches in der Kunst verarbeitet?
Leonie Wahl: Ja, abgesehen davon, dass man letztlich meistens Dinge verarbeitet, die ganz stark mit einem selbst zusammenhängen, habe ich mich in meiner letzten Arbeit damit auseinandergesetzt, wie ich - erzogen in Freiheit, Grenzenlosigkeit, Vertrauen und positiver und vor allem feministischer Weltanschauung - auf eine harte, gnadenlose, urbane, patriarchalen Gesellschaft geprallt bin.

Wie ist heute ihr Verhältnis zu Ihrer Mutter?
Leonie Wahl: Sehr gut, nur sehen wir uns leider durch die räumliche Distanz sehr selten.

Und wird sie sich das Stück ansehen?
Leonie Wahl: Nein, durch viele Umstände ist ihr Reisen fast unmöglich.

THIS IS WHAT HAPPENED IN THE TELEPHONE BOOTH

Termine: 14./15./16./21./22./23./28./29./30. 11. 2019 / Beginn: 20.00 Uhr
Location: OFF.WHITE.BOX, Kirchengasse 41, 1070 Wien
Karten unter: karten@off-theater.at
Normalpreis € 18,- / Ermäßigt € 15,- / StudentInnen, SchülerInnen, Zivildiener € 10,-
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Choreografische Leitung: Leonie Wahl / Regie: Ernst Kurt Weigel
Entwicklung und Performance: Hannah Timbrell, Leonie Wahl, Kajetan Dick, Gerald Walsberger, Michael Welz / Vocals: Tamara Stern / Ausstattung: Devi Saha
Eine Koproduktion von: orgAnic reVolt, das.bernhard.ensemble, netzzeit