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Leseprobe aus Niki Glattauers neuem Buch "Leider hat Lukas..." - ein Familien-Mitteilungssheft

Ein 13-jähriger Teenagersohn macht bisweilen in der Schule nicht immer nur Freude. Österreichs wohl berühmtester Lehrer Niki Glattauer hält in seinem neuen Buch auf amüsante aber dennoch kritische Art und Weise die Probleme und Kommunikationsschwierigkeiten zwischen Schule, Eltern und Kindern fest.

von

Illustrationen zu "Leider hat Lukas..."
© Verena Hochleitner

Donnerstag, 30. September : Sehr geehrte Frau Gruber!
Leider hat Lukas nach einem Monat (!) Schule noch immer kein Schreibzeug. Außerdem fehlen ihm diverse Hefte und Hefteinbände (siehe auch Eintragung vom 22.9.). Könnten Sie bitte über das Wochenende dafür sorgen, dass seine Schulsachen vollständig sind.
Außerdem braucht er für GZ dringend Tuschstifte und einen weißen Radiergummi. Ein rot-blauer Radiergummi ist für GZ leider ungeeignet! Wenn Sie meine diesbezüglichen Angaben in der GZ-Mappe bitte genauer lesen würden. Frau Professor Sibera lässt Ihnen noch ausrichten, dass das Nasenpiercing Ihres Sohnes beim Turnen stört. Sie wird sich melden.
Mag. Reingard Söllner
PS: Das Mitteilungsheft Ihres Sohnes ist seit zwei Wochen nicht unterschrieben. Bitte nachholen.

Montag, 4. Oktober: Sehr geehrte Frau Gruber! Leider haben Sie auf die letzten Eintragungen ins Mitteilungsheft wieder nicht reagiert. Lukas behauptet, er hätte Ihnen das Mitteilungsheft gezeigt, allerdings fehlen Ihre Unterschriften, leider auch die auf die letzte Eintragung, sodass Ihr Sohn heute bis 13 Uhr in einer anderen Klasse bleiben musste. Er wird dabei Gelegenheit gehabt haben, die Hausordnung zu lernen.
Der Verbleib eines Schülers an unserer Schule hängt entscheidend von seiner Einstellung zur Schule ab, damit sind seine Arbeitshaltung und ein entsprechendes Sozialverhalten gemeint. Wenn Sie Ihrem Sohn bitte den Ernst der Lage klarmachen würden ...
Mag. Reingard Söllner

Lukas: Frau Professor Moss ist ab nächster Woche in Babykarenz. Prof. J. Rowling ist interimistisch die neue Englischlehrerin der 3A. Ich brauche für E: A4-Ringmappe. Einlagen: liniert mit Korrekturrand. 5 Zwischenblätter: SEX (SÜ), HEX I (HÜ ungerade) HEX II (Hü gerade). A5 Vokabelheft mit 3 Spalten!

Liebe Frau Söllner,
Doch, ich habe Ihre Mitteilungen gelesen und zur Kenntnis genommen. Wie Sie vom letzten Schuljahr her wissen, ist es meine Schwäche, dann manchmal auf das Unterschreiben zu vergessen. Was Lukas’ Einstellung zur Schule betrifft: Wir arbeiten daran.
Ich nehme an, dass mit „Tuschstifte“ Pigment-Liner gemeint sind, „Tuschstifte“ gibt es unter dieser Bezeichnung nicht mehr. Pigment-Liner befänden sich jetzt in der Schultasche. Zusammen mit neuen Hauspatschen.
Vielleicht könnten Sie mir jetzt noch erklären, was die Hieroglyphen bedeuten, die mein Sohn ad Englisch ins Heft geschrieben hat. Er kann es nämlich nicht. Mit Ausnahme des Wortes SEX. Aber da ist, denke ich, auch etwas anderes gemeint. mfG, Mag.tra Sabine Gruber
PS: Wenn Lukas’ Nasenpiercing im Turnunterricht stört (Tratscht es? Turnt es nicht mit? Blendet es die Turnlehrerin?), lassen Sie es doch die Hausordnung lernen, vielleicht turnt es dann besser mit.

Illustrationen zu "Leider hat Lukas..."

Die berufstätige Mutter gibt auf und bittet ihren Mann, sich um die Schulangelegenheiten des Sohnes zu kümmern:

Liebe Frau Söllner,
Ich habe in Lukas’ Mitteilungsheft gelesen, dass Sie erkrankt sind. Ich hoffe, es ist nichts Ernstes. Ich bin mir fast sicher, dass Sie sich in Schönbrunn erkältet haben. Ihre dünne Jacke, sehr elegant, sehr attraktiv, aber eben sehr dünn. Wir haben November! Und wir leben in Österreich! Neun Monate Winter. Drei Wochen Sommer. Meistens von Montag bis Mittwoch.
Ich melde mich jetzt, weil ich von Hofrat DDr. Weiser zu einem Gespräch in die Direktion gebeten worden bin. Wir haben telefonisch einen Termin für Donnerstag vereinbart. Und ich habe mir gedacht, wenn ich schon am Donnerstag in der Schule bin, könnte ich gleich in Ihre Sprechstunde kommen, vorausgesetzt, Sie sind bis dahin wieder auf dem Damm. Leider hat mein Wunsch nach einem Gespräch einen unangenehmen Anlass. Um es gleich vorwegzunehmen, es handelt sich um „Mobbing“. Ich hoffe, Ihr Kalender ist nicht wieder mit anderen Müttern ausgefüllt?
Haben Sie übrigens eine Idee, was Hofrat DDr. Weiser von mir möchte? Ich hoffe, es ist nicht das, was ich denke.
Baldige Genesung wünscht
Walter Gruber, Montag, 15. 11.
PS: Ein echt „Österreichisches Wörterbuch“ für Deutsch wird sich in den nächsten Tagen in Lukas’ Rucksack befinden und von dort hoffentlich auch nicht so bald wieder verschwinden. Wenn es mir doch noch gelingen sollte, ein solches käuflich zu erwerben. Bis jetzt – mission impossible!
PPS: Soll ich für Frau Prof. Sibera auch gleich eines besorgen? r (nicht bös gemeint)

Illustrationen zu "Leider hat Lukas..."

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