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Liebe im Dunkeln: wie ist die Gefühlswelt für Menschen, die von Geburt an blind sind?

Wie fühlt sich Liebe an, wenn man nicht sehen kann? Die Wienerin Fleur Knapp ist von Geburt an blind – ihre Umwelt kennt sie nur von Erzählungen. Ein Einblick in ihre Gefühlswelt.

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Liebe im Dunkeln: wie ist die Gefühlswelt für Menschen, die von Geburt an blind sind?
© Mani Hausler

Es ist einer der ersten wärmeren Frühlingstage im März. Die Sonne strahlt vom Himmel, Pärchen spazieren verliebt durch die Stadt. Frühlingsgefühle liegen in der Luft. Fleur Knapp versucht so viele Sonnenstrahlen wie nur möglich zu erhaschen. „Zuhause verbringe ich jede freie Minute auf meinem Balkon“, freut sich die Wienerin über die laue Luft. Nichts ist für die junge Frau schöner, als wenn die Sonne hoch am blauen Himmel steht und quasi auf sie herablacht. Und das, obwohl die 35-Jährige das schöne Schauspiel gar nicht bewundern kann, denn Fleur Knapp ist von Geburt an blind. Ihr Sehnerv hat sich nicht vollständig ausgebildet. Doch auch wenn sie es nicht sehen kann, weiß Fleur genau, wie sich so ein Frühlingstag anfühlt, denn dafür sind ihre anderen Sinne geschärft. „Mein Gehör ist mein wichtigstes Organ“, erklärt sie und lauscht dem fröhlichen Vogelgezwitscher. Sie riecht aber auch das frische Gras und spürt das Lüftchen auf ihrer Haut.

Dass sie Dinge nicht sehen kann, damit hat sich die Telefonistin – „Ich bin mit meinem Leben zufrieden“ – gut abgefunden. Zu schaffen macht ihr lediglich, dass sie zu ihren Mitmenschen keinen Blickkontakt halten kann. „Um diese Art der zwischenmenschlichen Kommunikation tut es mir sehr leid. Wenn ich jemanden kennen lerne oder etwas sage und von meinem Gegenüber kommt keine Antwort, würde ich schon gerne wissen, welchen Gesichtsausdruck derjenige gerade hat.“

Flirten & Bauchkribbeln.
Deshalb lässt sie sich auch lieber von Männern ansprechen, anstatt selbst die Initiative zu ergreifen. Das klappt am besten beim gemütlichen Zusammensitzen mit Freunden, denn „Diskothekengeherin bin ich definitiv keine. Aufgrund meiner Sehbehinderung bin ich sehr lärmempfindlich. Da lerne ich lieber im kleinen Kreis Leute kennen.“

Worauf sie dabei achtet? „Sicher nicht auf die Optik“, kontert Fleur resolut, „mir ist vollkommen egal, ob jemand dick, dünn, groß oder klein ist. Mich interessiert es auch nicht, wenn Freundinnen meinen, einer sähe nicht so gut aus. Ich will den Charakter eines jeden Einzelnen erforschen. Das Einzige, was ich schon gerne mag, sind lange Haare. Und wenn Männer gut riechen.“ Zwischen Verehrern mit und ohne Augenlicht macht sie bei der Partnerwahl keinen Unterschied. Fleur erzählt: „Ich hatte schon beides. Natürlich ist die Lebensqualität mit einem sehenden Partner höher, man kann viel mehr unternehmen. Wenn zwei Blinde aufeinandertreffen, ist man meist auf eine dritte Person angewiesen.“

Nur langsam baut die Wienerin dann Vertrauen auf, denn schon zu oft wurde sie von den Männern enttäuscht. „Und da“, so Fleur, „ist es vollkommen egal, ob sie sehend oder blind sind – Männer mit einer Sehbehinderung mögen vielleicht in gewissen Situationen gefühlvoller sein, können aber genauso gut den Chauvie raushängen lassen.“

Beziehungstroubles.
Zum ersten Mal Schmetterlinge im Bauch hatte sie mit 14, bei einem Jungen aus ihrer Klasse. So richtig ernst wurde es mit 19, da war sie sogar für zweieinhalb Jahre verheiratet. Mit Franz, einem sehenden Chorsänger. „Ich habe mich Hals über Kopf in ihn verliebt. Aber mit der Zeit habe ich gemerkt, dass Franz sehr vereinnahmend ist. Heute weiß ich: Einsperren lasse ich mich von keinem mehr!“

Amor war der zierlichen Wienerin bislang noch nicht wirklich hold. 2000 glaubte sie ihre große Liebe gefunden zu haben, bis die Beziehung im Jänner 2004 zerbrach. Der Liebeskummer nach der Trennung war groß. Fleur: „Über zwei Jahre habe ich gelitten. Doch seit damals bin ich wieder bereit für die Liebe.“

Lebensfreude.
Ein potenzieller Partner muss ganz viel Gefühl mitbringen, aber auch abenteuerlustig sein, genauso wie Fleur selbst. Trotz ihrer Sehbehinderung erkundet sie gerne fremde Länder – von der Karibik über Mallorca bis in den fernen Osten. Gespannt erzählt sie: „Dabei begleitet mich immer eine gute Freundin, die mir alles beschreibt. Alleine würde das nicht gehen.“ Ihr nächstes Ziel: eine Reise nach Jordanien.

Bis es jedoch so weit ist, muss sie sich mit dem Balkon ihrer 58-Quadratmeter-Wohnung im 14. Wiener Gemeindebezirk begnügen. Dort lebt sie seit rund fünf Jahren. Fleur weiß genau, wie weit der Weg von der Küche ins Bad ist, wo Teller und Besteck zu finden sind oder wie sie die Mikrowelle bedienen muss. „Und am liebsten entspanne ich mich am Abend nach der Arbeit auf meiner blauen Ledercouch“, erzählt sie. „Die wollte ich unbedingt in der Wohnung haben. Ich mag den Geruch von Leder, und Blau ist meine Lieblingsfarbe! Blau – wie ein strahlender Himmel mit viel Sonnenschein. Mir ist es sehr wichtig, dass mir die Leute Farben beschreiben, ich will ja mitreden können.“ Deshalb war Fleur auch bei einer Farbberaterin. „Ich will optisch gut aussehen, achte beim Kleiderkauf darauf.“ Shoppen geht sie immer mit Freundinnen, um sicherzugehen, dass „mir die Verkäufer nichts einreden, was mir gar nicht passt“.

Genauso offen, wie über ihr Leben spricht die 35-Jährige auch über Sex. „Wenn ich mich bei einem Menschen geborgen fühle, ist Sex eine wunderbar intime Sache“, so Fleur, und sie fügt schmunzelnd hinzu: „Wenn es zur Sache geht, knipse ich aber das Licht aus, schließlich sollen sich auch sehende Menschen in bestimmten Momenten ganz auf ihr Gefühl verlassen können.“

Thema: Liebe