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Lipödem: Wenn Sport und Diäten nicht mehr helfen

Dicke, schmerzende Beine, ständig blaue Flecken, zum Scheitern verurteilte Abnehmversuche: typische Symptome für Lipödem. WOMAN-Leserin Bettina berichtet.

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Lipödem: Wenn Sport und Diäten nicht mehr helfen
© Monika Saulich

Bettina trainiert fünf Mal pro Woche. Sie ernährt sich gesund und ausgewogen. Sie ist ehrgeizig, sehr diszipliniert und stolz darauf, dass sie das, was sie sich vornimmt, auch durchzieht. Und trotzdem hat sie es nie geschafft, ihre dicken Beine loszuwerden. Low Carb, Dinner Cancelling, Heilfasten, keine Süßigkeiten, nur eine Mahlzeit am Tag, Austesten von Nahrungmittelunverträglichkeiten, täglich zwei Stunden Fitnesscenter -nichts hat geholfen. "Ein paar Kilo sind schon weggegangen. Aber sobald ich nur ein bisschen nachgelassen habe mit der Disziplin, waren sie sofort wieder da. Und an Hüften, Beinen und Oberarmen hat sich eigentlich überhaupt nichts getan. Das war extrem frustrierend", erzählt die 30-Jährige. Dazu kamen Symptome wie schwere Beine, Druckschmerzen, ständig blaue Flecken ohne bestimmten Grund. "Ich habe oft zu hören bekommen, ich solle halt weniger Schokolade essen oder mehr trainieren. Aber das habe ich ja getan. Ich wusste, irgendetwas ist da nicht normal. Das hat ja in keiner Weise mit meinem Lebensstil zusammengepasst." Und Bettina (voller Name der Redaktion bekannt) hatte recht. Denn sie leidet an Lipödem.

Zu viele Fettzellen

Das ist eine krankhafte Vermehrung von Fettgewebe, vor allem an Hüften, Ober- & Unterschenkeln sowie Armen. Woher die Krankheit kommt, weiß die Medizin nicht genau, klar scheint nur, dass sie im Zusammenhang mit hormonellen Veränderungen ausbricht, also in der Pubertät, im Zuge einer Schwangerschaft oder auch mit dem Wechsel. Betroffen sind davon fast ausschließlich Frauen. Und die gehen meistens einen langen Leidensweg, bis ein Lipödem diagnostiziert wird. Denn in unseren Köpfen und auch in denen der meisten Fachleute ist verankert, dass zu dicke Beine daher kommen, dass man zu viel isst, zu wenig trainiert, zu wenig Disziplin hat. "Fakt ist jedoch, dass Betroffene bei diesem Problem selbst fast nichts aktiv tun können, um eine Besserung herbeizuführen. Die einzige Therapie, die auch nachhaltig hilft, ist Liposuktion, eine Absaugung der krankhaft veränderten Fettzellen", erklärt Prof. Klaus Schrögendorfer. Der Plastische Chirurg ist Primar am Universitätsklinikum St. Pölten und Experte für Lipödem. Ihm ist es ein besonderes Anliegen, das Problem zu entstigmatisieren, betroffenen Frauen diesen Stempel der Selbstverschuldung zu nehmen.

Leidensweg

Das ist auch der Wunsch von Bettina. Ihr Leidensweg begann vor 17 Jahren, mit einsetzender Pubertät, wie die Wienerin erzählt: "Alle Mitglieder meiner Familie sind schlank und sehr sportlich, wir sind immer viel gewandert, haben Tennis gespielt und mehr. Ich war bis zum 13. Lebensjahr komplett normalgewichtig. Aber mit der hormonellen Veränderung in der Pubertät habe ich auf einmal extrem zugenommen. Ich habe schon bald angefangen, sehr auf meine Ernährung zu achten, habe weniger gegessen, auf Schokolade verzichtet, aber das hat gar nichts genutzt. Ständig habe ich blöde Bemerkungen zu hören bekommen. Mehrmals haben mir irgendwelche Burschen gesagt: Bettina, du hast so ein hübsches Gesicht, aber du müsstest halt etwas schlanker sein. Das ist echt verletzend, besonders in so einem sensiblen Alter. Heute wundere ich mich fast, dass ich keine Essstörung entwickelt habe. Aber dazu esse ich wohl einfach zu gern." Schon bald hatte sie den Verdacht, dass da irgendetwas nicht stimmt: "Ich habe wirklich alles medizinisch abgeklärt. Die Schilddrüse, meine Hormone, das Blutbild, eventuelle Lebensmittelunverträglichkeiten, sogar die Darmbakterien. Aber alle meine Werte sind in Bestform. Mein Hausarzt war involviert, mein Frauenarzt, mein Fitnesstrainer, ich habe sogar eine Ausbildung zur Ernährungsberaterin gemacht. Das war so unglaublich frustrierend, ich wollte mich zum Schluss schon gar nicht mehr mit Freunden treffen. Weil ich wusste, wenn wir essen gehen, sind das 500 Kalorien, die ich sofort wieder auf den Hüften habe. Ich war diätresistent und sportresistent. Ich hab mich vom Leben echt veräppelt gefühlt."

Knackpunkt

Zum Aha-Erlebnis kam es im Sommer 2017: "Da hatte ich -wie ich heute weiß -einen Schub. Auf einmal habe ich acht Kilo zugenommen, ohne auch nur irgendetwas verändert zu haben. Zusätzlich fühlten sich meine Beine extrem schwer an, ich spürte ständig so eine Art Ziehen und Pumpen, die Haut hat total gespannt. Anfangs dachte ich noch, das kommt vom Sport und vom Stress. Aber dann habe ich die Symptome gegoogelt und bin sehr schnell auf Lipödem gestoßen." Insgesamt drei ärztliche Atteste bei Spezialisten haben diese Vermutung bestätigt. "Endlich habe ich gewusst, was das Problem ist! Das war eine große Erleichterung. Und es hat so gutgetan, zu sehen, dass ich nicht schuld bin! Seither geht es mental bergauf, ich kann wieder liebevoll mit mir umgehen, meinen Körper besser annehmen. Der hat ja echt viel aushalten müssen. Probieren Sie mal, mit Lipödem abzunehmen. Das ist wie einen Marathon laufen, nur erreicht man nie das Ziel."

Mut machen

Im November 2017 hatte Bettina eine Liposuktion an den Oberschenkeln. 6,4 Liter Fett hat Dr. Schrögendorfer ihr im Spital abgesaugt. "Für mich war klar, ich lasse diese OP stationär machen. Es gibt auch Angebote, wo man am gleichen Tag nach Hause geht. Aber das ist ein großflächiger Eingriff, das war mir zu gefährlich. Und die ersten drei Tage waren schon heftig." Aber am vierten Tag hat Bettina angefangen, sich wieder zu bewegen: "Täglich 10.000 Schritte, das war mein Ziel &die habe ich auch geschafft." Sport durfte sie nach vier Wochen wieder machen: "Ich habe jetzt ein ganz neues Lebensgefühl. Da ist so viel Ballast weg, der ja auch nicht zu mir gehört hat. Ich habe neue, liebe Leute kennengelernt, kann am Abend essen gehen und das einfach genießen! Davor haben ja nur noch Sport und Ernährung mein Leben bestimmt. Und jetzt kommen auch noch die Oberarme dran." Bettina hofft, dass ihre Geschichte dazu beiträgt, dass für andere der Leidensweg nicht so lang ist wie bei ihr.

Prof. Klaus Schrögendorfer, Plastischer Chirurg und Primar am Universitätsklinikum St. Pölten, ist Lipödem-Experte. plastische.at. Wir haben ihn ein paar Fragen zu Lipödem gestellt.

Was ist Lipödem?

"Das ist eine übermäßige Ansammlung von Fettzellen", erklärt der Plastische Chirurg &Experte für Lipödem, Prof. Klaus Schrögendorfer. Die Fettzellen "entgleisen" und vergrößern sich ungebremst. Bei fortschreitendem Verlauf lagert sich zwischen ihnen Flüssigkeit ein. Die Ursache dafür ist nicht geklärt, man vermutet genetische und hormonelle Auslöser. Betroffen sind fast nur Frauen. Die Krankheit tritt meist im Zuge hormoneller Veränderungen wie Pubertät, Schwangerschaft oder Wechsel auf.

Wie erkennt man es?

Typisch sind im Verhältnis dicke Hüften, Ober-und Unterschenkel, Oberarme. Dazu kommen blaue Flecken ohne besondere Ursache, Druckschmerzen und Spannungsgefühle der Haut. "Einige meiner Patientinnen können keine Jeans anziehen, da sie den Druck nicht aushalten", weiß Schrögendorfer. Diäten und Sport helfen nicht. "Man muss sich bewusst machen, dass das eine Krankheit ist, die dicken Beine haben nichts mit Disziplinlosigkeit zu tun. Es ist mir wichtig, Betroffene von diesem Stigma zu befreien. In unterschiedlichen Ausformungen ist wahrscheinlich jede zehnte Frau davon betroffen", betont der Experte.

Was hilft?

Nachhaltig ist nur die Entfernung der krankhaften Fettzellen durch Liposuktion. Medikamente gibt es keine. Je nach Ausprägung kann man bis zu zehn Liter Fett absaugen. Die einmal entfernten Zellen kommen nicht wieder, insofern ist die OP nachhaltig. Allerdings können verbleibende Fettzellen weiter wachsen, dann kann noch eine OP nötig werden. Das ist kein kosmetischer, sondern ein medizinisch notwendiger, großflächiger Eingriff. Schrögendorfer empfiehlt deshalb, diesen stationär durchzuführen. Ausfallzeit: zumindest zwei Wochen, großflächige Hämatome sind normal. Sport ist nach etwa vier Wochen wieder möglich, Bewegung wird aber schon vorher empfohlen, um Thrombosen zu vermeiden. Drei Monate muss man eine Kompressionshose tragen.
KOSTEN. Die OP wird von der Krankenkasse bezahlt, die Bewilligung ist allerdings chefarztpflichtig. Privat durchgeführt kostet sie, je nach Größe, ab 5.000 bis etwa 10.000 Euro.

Thema: Diät