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Freude oder Frust: Sind wir vom Lockdown-Ende überfordert?

Mit 19. Mai öffnen Restaurants und Co. endlich wieder. Sind wir dafür überhaupt bereit? Oder haben wir uns schon so ans Daheimbleiben gewöhnt, dass wir die Freiheit verlernt haben?

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© iStock

Wir leben mittlerweile seit über einem Jahr in einer globalen Pandemie. Nach vielen Auf und Abs ist in Österreich nun ein Lockdown-Ende in Sicht. Der Handel hat seit zwei Wochen wieder aufgesperrt, nun ziehen mit 19. Mai Restaurants, Fitnessstudios und diverse Freizeiteinrichtungen nach.

Geht’s dir auch so? Man hat das Gefühl, man muss sofort wieder wohin und verspürt vielleicht sogar Freizeitstress. Aber wie sinnvoll ist es, nur weil wieder alles aufsperrt, auch gleich überall hinzugehen? "Scheinbar gibt es bei einigen Leuten einen enormen Druck, Versäumtes nachzuholen", bemerkt der Wiener Umweltmediziner Hans-Peter Hutter. "Sie fangen an, alles Mögliche zu reservieren und zu planen. Sinnvoll ist das sicherlich nicht. Trotzdem aus meiner Sicht auch verständlich, dass man nach so einer langen Zeit wieder etwas unternehmen will."

»Grundsätzlich sollte man Stress, so gut es geht, vermeiden.«

Wir sprechen über den Begriff FOMO (fear of missing out), die Angst, etwas zu verpassen. "Da geht es auch um Selbstdisziplin. Die einen haben sie mehr, die anderen weniger", meint Hutter. Die Frage ist, wie lange es anhält, dass man unbedingt so vieles wie möglich – und am besten alles sofort – erleben will. "Das klingt für mich ein bisschen nach Torschlusspanik. So sollte es aber nicht sein." Von einer Tätigkeit zur anderen hetzen ergibt für den Public-Health-Experten wenig Sinn.

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Hans-Peter Hutter (c) Dujmic

"Völlig egal, ob Freizeit- oder Berufsstress. Stress heißt, es gibt eine Belastung für den Organismus. Psychisch und auch physisch. Das ist natürlich leichter gesagt als getan, aber grundsätzlich sollte man Stress, so gut es geht, vermeiden." Seine Empfehlung: Genießen und Entspannen. "ENTspannen und sich sofort von etwas Neuem EINspannen zu lassen!" Es geht vielmehr darum, sich einige wenige Freizeitaktivitäten auszusuchen, diese aber auch wirklich aktiv zu genießen.

Während einige aus dem Tisch-Reservieren und der Urlaubsplanung schon gar nicht mehr rauskommen, fühlen sich andere vom Lockdown-Ende überfordert.

Haben wir uns so ans Daheimbleiben gewöhnt, dass wir die „Freiheit“ verlernt haben?

"Es ist spannend zu sehen, was dieser Lockdown mit uns Menschen macht", meint die oberösterreichische Psychologin Silvia Plasser. Sie bezieht sich dabei auf die Aussagen des deutschen Gehirnforschers Gerold Hüther: "Es gibt gewisse menschliche Grundbedürfnisse, darunter auch soziale, wie zum Beispiel sich mit Menschen zu treffen. Werden diese über einen längeren Zeitraum nicht gestillt, lernt das Gehirn irgendwann, ohne sie auszukommen bzw. sie nicht mehr als solche wahrzunehmen."

Sie erinnert sich an eine Karikatur aus einem Schulbuch, wo ein Elefant an einen Baum gebunden ist und immer den selben Pfad tritt. Als ihm die Kette abgenommen wird und sich ihm die sogenannte Freiheit eröffnet, geht er trotzdem den altbekannten Weg. "Gewohnheiten sind schließlich auch die Komfortzone, die es zu verlassen gilt, wenn man über sich hinauswachsen möchte. Um in die Phase des Lernens zu kommen, muss man hin und wieder die gute alte Komfortzone, wo alles einfach und vertraut ist, verlassen. Deshalb ist auch das mit der Freiheit manchmal alles andere als leicht. Das eigene Leben selbstbestimmt zu gestalten, ist eine große Herausforderung. Ich glaube, es ist immer leichter zu sagen, man hätte ja gar nicht anders gekonnt", erklärt Plasser.

»Viele Menschen wollen diese Schnelllebigkeit nicht mehr mitmachen.«

Gleichzeitig ist es unglaublich wichtig für die Psyche, wieder rauszugehen und Dinge zu unternehmen, selbst wenn man sich gestresst davon fühlt: "Wenn man Angst vor etwas hat, unsicher ist oder sich einer gewissen Situation nicht gewachsen fühlt – was nicht heißt, dass man es nicht wäre – neigen wir Menschen dazu, diese Dinge zu vermeiden. Dieses Verhalten ist ein sehr gängiger Schutzmechanismus. Kurzfristig funktioniert das vielleicht, aber wenn wir Dingen immer nur aus dem Weg gehen, haben wir selten die Möglichkeit zu merken, dass etwas vielleicht doch nicht so schlimm ist wie anfangs gedacht." Fahrradfahren als Beispiel. Wenn man über einen langen Zeitraum nicht Rad gefahren ist, ist man vielleicht nervös, wenn man es wieder tut, aber man verlernt es nicht. "Genau so wenig verlernen wir die tiefe Sehnsucht in uns, freie und verantwortungsbewusste Wesen zu sein, die das eigene Leben sowie die Gesellschaft aktiv mitgestalten wollen."

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Silvia Plasser (c) privat

Wir jammern über Langeweile und fühlen uns vom Lockdown-Ende überfordert

"Ich denke, dass es für einige Leute sehr angenehm war, mehr Zeit zu haben", so Plasser. "Man hat angefangen, bewusster zu überlegen, wie man seine Freizeit gestaltet. Bei Einladungen, Aktivitäten und Co. hat man plötzlich nicht mal mehr Ausreden gebraucht, weil man sowieso vieles nicht durfte." Plötzlich musste man sich nicht mehr entscheiden: "Gehe ich auf Party eins, zwei oder zehn?" Dieses Gefühl, dass es wo anders noch spannender sein könnte, das gab es nicht mehr. Deshalb ist mit dem Lockdown eine Stressreduktion einhergegangen. FOMO war weg. Corona hat uns viele Entscheidungen abgenommen.

"Ich vermute, dass viele Menschen diese Schnelllebigkeit nicht mehr mitmachen wollen", meint Plasser. "Es ist ein Zeitgeistphänomen, umtriebig und erfolgreich zu sein. Dieses Phänomen birgt auch Gefahren: Langeweile wird oft so erlebt, als wäre man unwichtig oder nicht gefragt." Uns wird suggeriert, dass uns nicht fad sein darf. Nur jemand mit vollem Terminkalender ist auch wirklich was wert. "Dabei kann Langeweile auch kreatives Potenzial in Bewegung bringen – wenn man es zulässt." Das ist manchmal gar nicht so leicht. Doch wir mussten lernen, einen Gang runterzuschalten. Vielen tat das gut. Wo wir wieder bei Hans-Peter Hutters Ratschlag wären: Sich weniger vornehmen, dafür diese Aktivitäten bewusst genießen.

Thema: Coronavirus

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