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Hast du eine Macke? Na hoffentlich doch!

Denn so eine kleine Marotte macht dich liebenswert, ganz besonders und stärkt im besten Fall sogar dein Immunsystem. Nur nerven darfst du damit weder dich noch die anderen. Wann eine Spinnerei dann doch therapiert werden muss, hat unserer Redakteurin die Psychologin und Buchautorin Kristina Fisser gefragt. Plus: eine Auswahl der herrlichsten Spleens.

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Hast du eine Macke?
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Ich selbst hab sie auch nicht alle. Ich gehöre zu denen, die nach Verlassen der Wohnung mindestens ein Mal zurückkommen müssen, um den Gasherd zu überprüfen. Alles abgedreht? Dabei habe ich ja eh vorher schon drei Mal geschaut und mir als Erinnerungshilfe sogar einen Kulistrich auf den Handrücken gemalt. Nützt nichts. Und manchmal muss ich noch ein weiteres Mal zurück wegen des Lockenstabs. Macke eben. Die Straßenbahn ist mir deswegen schon davongefahren, aber sonst? Da gibt's ja noch ganz andere Sachen.

Zwanghaft an fremden Schuhen riechen zu müssen oder sich vor Luftballons zu Tode zu fürchten (er könnte ja im Gesicht zerplatzen). Jemand gestand mal im Fernsehen, dass er den Drang verspüre, Spinnen über sich krabbeln zu lassen. Oder denk mal an den armen Monk, der vor lauter Marotten und Neurosen gar nicht mehr kann ohne Assistentin. Ja, und genau das ist eben die Frage: Wann ist so ein Spleen noch harmlos und wann gehört er behandelt? Die Psychologin Kristina Fisser hat darüber ihr Buch "Dachschaden kann man nicht versichern" geschrieben.

Denn man kann den Schrullen auch durchaus nützliche Seiten zugestehen. Immerhin hat der schottische Psychiater David Weeks schon vor Jahren in einer Studie festgestellt, dass Menschen, die zu ihren Macken standen, weniger häufig psychisch krank oder drogenabhängig wurden und ein ausgesprochen gutes Immunsystem hatten. Vermutlich, weil es ihnen herzlich egal war, was andere über sie dachten. Das kann schon entstressen. Was man sonst noch über das freundliche Urteil "der/die spinnt ja" wissen muss: Hier bitte!

Klären wir zuerst mal ab: Was genau ist eine Macke?
FISSER: Eine Verhaltensweise, die uns oder anderen auffällt, ohne vollständig die Kriterien einer psychischen Erkrankung zu erfüllen. Zum Beispiel, dass man seine Kugelschreiber auf dem Schreibtisch immer zurechtrückt, bevor man den Arbeitsplatz verlässt.

Das klingt ja noch harmlos. Manche Macken an anderen finden wir ja auch direkt liebenswert. Warum?
FISSER: Weil es unsere Ecken und Kanten sind, die uns von anderen unterscheiden. Häufig lässt es sich ja auch gut mit kleinen und auch größeren Macken leben. Sie sind unsere Besonderheiten. Wie langweilig wäre es, wenn alle gleich wären!

»WAS IN DIE GESELLSCHAFT PASST, DAS IST FÜR UNS NORMAL.«

Wer bestimmt eigentlich, was normal ist und was nicht?
FISSER: In der Psychologie listen wir anhand von Katalogen genau auf, welche Kriterien ausschlaggebend dafür sind, dass jemand als psychisch krank gilt. In der Praxis hüten wir uns vor Begriffen wie normal oder nicht normal. Ich würde nie einen meiner Patienten fragen: "Ist das denn normal, was Sie da denken?" Ich würde ihn dazu auffordern, sich selbst Fragen zu stellen wie: "Ist dieser Gedanke hilfreich?""Ist das sinnvoll?" Oder: "Will ich so sein?"

Unsere Gesellschaft ist da weniger genau mit Beurteilungen, möchte man meinen.
FISSER: Schon. Was in die Gesellschaft passt, was nicht stört, was keinen Stress bereitet, das ist für uns normal. Was nicht den üblichen Gebräuchen entspricht, eben nicht. Mit 20 noch keine Freundin? Verklemmt, Mutterkomplex. Ein Kind, das mit fünf noch in die Hose macht? Traumatisiert, zumindest ein bisschen zurückgeblieben.

Dabei sind, wie Sie schreiben, Abweichungen vom Durchschnitt durchaus "ganz normal". Wann sollte man aber nun eine Behandlung ins Auge fassen?
FISSER: Ein guter Maßstab ist immer, wenn starker Leidensdruck für einen selbst oder die Umwelt da ist. Viele, mit denen ich zu tun habe, haben selbst Angst davor, nicht ganz normal zu sein, und möchten das abklären.

Ein gutes Beispiel für Schrulle oder nicht ist etwa die Aufschieberitis.
FISSER: Prokrastination kann aus unterschiedlichsten Gründen entstehen und ist aus psychologischer Sicht zunächst keine Erkrankung. Wenn es zu ausgewachsenen Symptomen, z. B. zu einer Depression oder auch einer Prüfungsangst kommt, ist der Psychotherapeut eine wichtige Anlaufstelle. Mein Tipp: Handy aus, realistisch planen, kleine Schritte Richtung Ziel und nicht vergessen, sich für die Arbeit zu belohnen!

Sie selbst sind ja, wie man erfährt, auch nicht ganz frei von Marotten!
FISSER: Ja. Beim Tennisspielen bin ich unglaublich ehrgeizig und gern auch mal jähzornig. Da fliegt schon ab und zu ein Schläger oder ich muss das Spiel unterbrechen. Ein Grund, weshalb ich keine Turniere spiele. Unangemessene Gefühle nennen sie das.

Neben Ausrasten gibt's da auch unkontrolliertes Heulen, Hang zum Drama usw.?
FISSER: Auch hier zählt das Ausmaß. Haben die emotionalen Krisen echte Konsequenzen für das eigene Leben, wenn etwa die Partnerschaft belastet wird oder der Arbeitsplatz gefährdet ist, dann kann eine Therapie grundlegende Veränderungen bringen. Eine erste Abhilfe kann die sogenannte "entgegengesetzte Körperhaltung" sein. Koche ich vor Wut, tief durchatmen, die Handflächen bewusst öffnen und ein Lächeln aufs Gesicht zaubern. Wenn Sie sich schämen, nehmen Sie eine stolze Körperhaltung ein. Aufrichten, Schultern zurück, Kinn heben!

Und wie ist das bei Putzwahn oder beim Waschzwang?
FISSER: Bei ausgewachsenem Putz-, Wasch- oder auch Kontrollzwang würde ich eine Therapie dringend anraten. Bei Zwangserkrankungen ist die Chronifizierungsgefahr sehr hoch.

Und ich, ähm, die ich zurücklaufen muss, um den Herd zu kontrollieren?
FISSER: Da gibt es tatsächlich eine sehr breite Spanne, in der man sich noch im gesunden Bereich befindet. Wenn man allerdings merkt, dass das Kontrollieren häufiger wird und sich auch auf andere Gegenstände ausdehnt, kommen wir schon in den bedenklichen Bereich.

Menschen, die zu ihren Macken stehen, sollen ein besseres Immunsystem haben...
FISSER: In der Tat kann eine psychische Balance großen Einfluss auf Körper und Immunsystem haben.

Und welchen Spleen hast du? Eine Sammlung:

  • BESCHILDERT. "Ich ertrage es nicht, wenn bei anderen Etiketten bei einem Kleidungsstück rausschauen. Kann ich sie nicht reinstecken, muss ich den Raum oder den Autobus verlassen."
  • KONTROLLOR: "Ich muss, nachdem ich das Auto zugesperrt habe, an die drei Mal zurückkommen und durchs Seitenfenster schauen, ob ich die Handbremse auch wirklich angezogen habe."
  • TEURER PREIS. "Ich muss an jedem Gewinnspiel, das ich irgendwo entdecke, teilnehmen. Sonst nagt es dauernd an mir. Ich hab auch schon einiges gewonnen, aber es geht sehr viel Zeit drauf."
  • GERUCHLOS. "Wenn jemand knapp an mir vorbeigeht, muss ich die Luft anhalten. Fremde Körpergerüche oder gar Parfum halte ich nicht aus."
  • GROSSE SEITE. "Ich kann nur daheim aufs Klo gehen. Hotelaufenthalte sind höchstens drei Tage mit in Kauf genommener Verstopfung möglich."
  • VERTIEFT. "Wenn ich mich konzentriere, und sei es nur beim Zeitunglesen, zupfe ich mich ständig am Ohr."
  • LEISE SOHLEN. "Ich rieche gern an fremden Schuhen. Das muss ich natürlich heimlich machen. Leder oder Plastik, ist die spannende Frage."
  • KRACHER. "Jeden Abend ein Packerl Chips. Ohne das ist mein Tag nicht abgerundet. Noch hält sich mein Gewicht in Maßen, aber... "
Dachschaden kann man nicht versichern

IRRE IST MENSCHLICH, meint die deutsche Psychologin Kristina Fisser in "Dachschaden kann man nicht versichern", Goldmann, € 12,40. Coautorin ist die Lektorin Carina Heer.