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"Für ein Mädchen spielst du gut Gitarre …"

Wir müssen reden – über Gleichberechtigung! Nervt nämlich, dass sich Gender Equality in vielen Bereichen noch immer nicht durchgesetzt hat. Die britische Nachwuchs-Künstlerin Zoe von Wyldest wird für ihren Kommentar über Frauen im Musikbusiness gerade in ihrer UK-Heimat gefeiert. Lest selbst, warum …

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"Für ein Mädchen spielst du gut Gitarre …"

Die Singer-Songwriter-Producerin Zoe von Wyldest startet am 8. März, dem Weltfrauentag, eine internationale Initiative von Yamaha Music, bei der „Emerging Talents“ aus aller Welt vorgestellt werden.

© Marius Knieling (YAMAHA Music Europe GmbH)

"Für ein Mädchen spielst du gut Gitarre …" – Diesen Kommentar habe ich im Laufe meiner Karriere oft gehört.

Es ist traurig, dass wir nach über 75 Jahren Einsatz für die Gleichstellung der Geschlechter noch immer an der Oberfläche der wahren Gleichberechtigung kratzen. Und wenn es um die Musikindustrie geht, haben wir noch einen langen Weg vor uns.

Ich komme immer wieder darauf zurück, was Jehnny Beth von Savages 2016 zu Vice sagte: „Eine Frau in der Musik zu sein, ist wie eine Frau, die ein Sandwich isst.“ Mit anderen Worten: Keine große Sache. Zumindest sollte es kein Ding sein. Spulen wir vier Jahre nach vor – 2020 ist es leider noch immer ein Thema.

Die Präsentation des Line-ups zum „Reading and Leeds“-Festival zeigt, wie männerdominiert die Branche ist: Nur 21 Prozent der Acts sind weiblich. Hier noch eine weitere Zahl: Laut Weltwirtschaftsforum soll die Gleichstellung der Geschlechter sogar erst in 99,5 Jahren erreicht sein. Ich weiß nicht, wie es euch geht, aber so lange will ich nicht warten …

Ich bin ganz normal aufgewachsen: Eltern, drei Kinder. Meine Mutter war Köchin in einer Schule, mein Vater war Autoverkäufer. Mama arbeitete weniger Stunden, holte uns von der Schule ab, kochte das Abendessen. Papa kam von einem langen Arbeitstag nach Hause, aß zu Abend, wir schauten die Serie "Eastenders" im Fernsehen an und gingen dann schlafen. Am nächsten Tag das gleiche Szenario … Trotz des gewöhnlichen Alltags haben meine Eltern immer jeden Traum, den ich hatte, unterstützt und mich im Glauben erzogen, dass ich alles tun/sein konnte, was ich wollte – trotz meines Geschlechts.

Sie kauften mir meine erste Gitarre, sie ermutigten mich, Fußball zu spielen. Sie unterstützen mich bis heute. Und obwohl meine Freundinnen und Freunde aus meiner Kindheit anfangen, Häuser zu kaufen und zu heiraten, haben sie nie auch nur angedeutet, dass ich das tun sollte. Sie verstehen nicht ganz, was ich eigentlich wochenlang unten in meinem Studio mache, aber sie fördern mich in meiner Leidenschaft, nehmen mich ernst.

Wenn du eine kleine Frau bist (158 Zentimter um genau zu sein), gehen die Leute manchmal einfach davon aus, dass ich mich an einem Mischpult nicht auskenne. Aber ich bin an einem Punkt in meiner Karriere angelangt, an dem ich mich selbstsicher fühle und weiß, wie man ein technisches Gespräch führt. Ich spreche gerne über Vorverstärker, Mikrofone, Pro Tools, Monitore, Gitarrenpedale. Ich bin jetzt Produzentin, die Person hinter dem Pult, die das Sagen hat. Ich gebe Ratschläge, welche Instrumente benutzt werden sollen, ich spiele die Lead-Gitarre auf den Platten meiner männlichen Freunde.

Meine Motivation kommt aus einem positiven Netzwerk an Menschen aus meiner Umgebung. Es ist wichtig, dass wir Frauen uns gegenseitig unterstützen und dass Männer auf die Fähigkeiten ihrer weiblichen Kolleginnen vertrauen. Ich habe das Glück gehabt, mit einigen sehr talentierten und wunderbaren Menschen zusammenzuarbeiten, die mir vertraut haben. Und erst jetzt kann ich einen der Hauptgründe erkennen, warum es nicht mehr Frauen in technischen Positionen in der Musikindustrie gibt: Die Gesellschaft gibt Frauen in der Musikszene ein zweifelhaftes Gefühl.

»Wir sehen Frauen auf der Bühne, die meistens den Gesang übernehmen – umgeben von Männern, die sich um die technischen Dinge kümmern.«

Wir sehen Frauen auf der Bühne, die meistens den Gesang übernehmen – umgeben von Männern, die sich um die technischen Dinge kümmern und den Großteil der Instrumentierung übernehmen: Lead-Gitarre, Schlagzeug, Bass. Ich erinnere mich, dass ich als Kind „Sänger werden wollte, wenn ich groß bin“. Frauen werden zu oft als „Sängerinnen“ kategorisiert, in einer von Männern betriebenen Maschinerie.

»Wir können mehr tun, als nur ein glänzendes Kleid anzuziehen.«

Aber wir können mehr tun, als nur ein glänzendes Kleid anzuziehen und an einem Klavier zu sitzen … Einer der Hauptgründe, warum ich Instrumente lernen wollt, war Avril Lavigne. Ich erinnere mich noch daran, wie ich in einer Welt von Girl-Bands und Lipgloss aufwuchs und dann sah, wie dieses Mädchen, das Skateboard fahren und Gitarre spielen konnte, das Spiel für mich veränderte.

»Wir müssen einfach mehr Frauen auf der Bühne sehen. Junge Mädchen müssen es sehen, damit sie das Selbstvertrauen haben, es auch zu tun.«

Ein weiterer Wendepunkt war, als ich 2011 zum ersten Mal Warpaint gesehen habe – vier unglaubliche Musikerinnen, die die O2 Academy in Oxford zerfetzt haben. Ich war euphorisch und es hat mich dazu bewogen, die Kreation meiner Musik in meine eigenen Hände zu nehmen. Wir müssen einfach mehr Frauen auf der Bühne sehen. Junge Mädchen müssen es sehen, damit sie das Selbstvertrauen haben, es auch zu tun. Junge Mädchen müssen das Vorurteil überwinden, das uns jahrzehntelang eingeimpft wurde – nämlich dass es für Frauen zu kompliziert und schwierig ist, ihre eigene Musik aufzunehmen und zu produzieren. Das stimmt einfach nicht.

Es geht nicht um schicke Klamotten, es geht nicht einmal wirklich darum, eine Menge Erfahrung zu haben. Es geht um die Musik, die in einem steckt, und darum, sie herauszuholen. Wenn ihr ein Budget und Kontakte zu Leuten aus der Branche habt, ist das wunderbar, aber stellt sicher, dass ihr mit Leuten zusammenarbeitet, die eure Fähigkeiten erkennen, euch fördern, unterrichten und – was am wichtigsten ist – euch als Künstlerinnen ernst nehmen.

»Wenn du die Leidenschaft hast, ist es für uns alle erreichbar, glaubt mir«

Wenn ihr, wie ich am Anfang, nicht über die Finanzen und Kontakte verfügt, investiert einfach in ein billiges Audio-Interface, ein Mikrofon und ein paar Kopfhörer und beginnt, eure eigene Musik zu machen. Wie überall ist es learning by doing. Dein erster Mix wird vielleicht nicht für einen Grammy nominiert werden, aber er wird dir gehören und bedeutet, dass du die Machst hast, deine Musik in deine Hände zu nehmen. Letztendlich wirst du Musik auf einem Niveau produzieren, dass sie neben der neuen Billie Eilish-Single gespielt wird, und ganz ehrlich: Wenn du die Leidenschaft hast, ist es für uns alle erreichbar, glaubt mir.

Es klingt kitschig, aber Wissen ist Macht, und niemand, auch nicht die altgedienten Sexisten, die sich noch in den Ritzen der Musikindustrie verstecken, können euch das jemals nehmen.