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Mama-Blog: Cranio was?

Die Stillberaterin rät zu einer Cranio-Sacral-Behandlung, unsere Mama-Bloggerin Sybille Maier-Ginther probiert's mit ihrem Baby. Und äußerst gemischten Gefühlen.

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Mama-Blog: Cranio was?

Cranio-Sacrales Stillen? Wenn's hilft....

© iStockphoto

Als mir meine Stillberaterin im Krankenhaus riet, mit meiner Tochter zur Cranio-Sacral zu gehen, dachte ich zunächst: Jetzt schlägt‘s aber dreizehn! Nicht genug damit, dass ich mich auf ihren nicht allzu sanften Druck hin unfreiwillig der internationalen Stillliga angeschlossen hatte, für die das Stillen sozusagen der „heilige Gral“ unser aller Existenzen ist, jetzt wollte sie auch noch mein kleines, süßes, zugegebenermaßen etwas zum Drama neigende Baby einer Sekte zuführen?!

»Weil mir gegen das Perma-Schreien der Zuckermaus auch nix Besseres einfiel...«

Nachdem ich allerdings kurz Wikipedia befragt hatte, mir gegen das Perma-Schreien meiner Zuckermaus auch nichts Besseres einfiel und es vor allem nach der Geburt ohnehin so viel Wachzeit wie möglich totzuschlagen galt, vereinbarte ich einen Termin bei einer Expertin für diese... nennen wir es mal einfachheitshalber „Berührungstherapie“. So manches Kind soll ja durch dieses Handauflegen wie durch ein Wunder schon von allerlei Leiden, Pest und Krätze befreit worden sein. All jenen sei gesagt, dass mich das ehrlich freut! Bei meiner ersten und letzten derartigen Sitzung (oder sagt man Séance?) dagegen kam ich mir eher vor wie im falschen Film.

Es begann schon damit, dass im Wartebereich ein Bub mit hässlichen, eitrigen Pusteln im Gesicht mit Genuss wirklich jedes vorhandene Spielzeug abschleckte, das sich in der ramponierten Kiste entdecken ließ. Gott sei Dank war meine Tochter noch nicht in einem Alter, in dem sie das unbedingt nachmachen wollte. Wir wurden also aufgerufen und die Begrüßung fiel noch nett aus. Als mein Baby aber auf das lieb gemeinte „Gutzi, gutzi, gutzi!“ der Expertin nicht aufhören wollte zu flennen, meinte diese entschieden: „Naja, so kann ich aber nicht arbeiten!"

Ich entgegnete darauf fast schon entschuldigend: „Naja, wegen dem dauernden Jammern bin ich ja hier?!“ Irgendwie schien die gute Frau es dann doch nicht übers Herz zu bringen, uns auf direktem Wege wieder rauszuwerfen und zitierte uns stattdessen zu einer Liege, auf die ich die Kleine legen sollte.

»Plötzlich wanderte eine Pustel-Bub-Spucke-Rassel in den Mund meines Kindes...«

Erst mal aus der Tragetasche genommen und meinem permanenten Wippen entzogen, begann aber ihr Heulkrampf natürlich erst recht. Mit einem tiefen Seufzer, der wohl die irrsinnige Zumutung dieser Aktion zum Ausdruck bringen sollte, machte sich die Expertin dennoch tapfer ans Werk und legte meiner Tochter die Hand auf die Brust. Wer in dem Moment gebannt auf ein Wunder gehofft hatte (also ich), wurde leider enttäuscht.

Mein Kind so laut brüllen zu hören, war selbst für mein bereits mit Hornhaut überzogenes Trommelfell ein Grenzgang. Noch lauter wollte allerdings ich schreien, als Madame Cranio sich anschickte, eine gerade frisch mit Pustel-Bub-Spucke lackierte Rassel aus dem Wartebereich in den Mund meines Kindes zu befördern, was immer sie damit auch bezwecken wollte. Dank guter Kinderstube hielt ich mich jedoch gerade noch zurück.

„Können Sie Ihr Kind denn nicht beruhigen?“ kam darauf noch ein Versuch der Frau Diplom-Cranio. Ich, nun schon etwas trotzig: „Wenn das so einfach wäre, würde ich Ihre werte Geduld heute nicht so überstrapazieren!“. „Sie muss ruhig liegen“, meinte mein Gegenüber. Ich: „Ruhig ist sie nur, wenn sie schläft oder an meiner Brust nuckelt“. Sie: „Ich nehme an, wir bringen das Kind jetzt nicht zum Schlafen!“

Ich genervt: „Das sehen Sie richtig!“ Sie, etwas lauter als nötig: „Um Gottes Willen, dann stillen Sie!“ Da ich im Begriff war, der guten Frau (man könnte auch sagen: dem Drachen) 120 Euro in den Rachen zu schieben, ließ ich es auf diesen letzten Versuch ankommen, obwohl mir schlagartig klar wurde, warum mir die fanatische Stillberaterin ausgerechnet diese Cranio-Expertin empfohlen hatte.

Während meine Tochter also sicher schon zum zehnten Mal an diesem Tag die Molkerei bemühte, fummelte die Expertin am Köpfchen meines Babys und an meinem Busen herum. Nach etwa fünf Minuten war der ganze Spuk vorbei und damit auch meine letzte Hoffnung auf eine Heilung à la „Das Wunder von Lourdes“ gestorben. Das dürfte ich mir auch nicht erwarten, meinte die gute Frau, denn dazu müsste ich noch etwa fünf bis sechs Mal wiederkommen.

„Bestimmt!“ dachte ich bei mir und erklärte auf ihre tatsächlich ernst gemeinte Frage nach dem nächsten Termin nur noch mit einem gequälten Zwinkern: „Wissen Sie was, wir rufen Sie an! Kann sein, dass nicht nur mein Baby, sondern auch mein Bedarf schon gestillt ist!“.

Beinahe hätte ich durch dieses Erlebnis den Glauben an die Alternativmedizin im Allgemeinen verloren, hätte nicht ein paar Monate später unser Kinderarzt durch ein paar gezielte osteopathische Handgriffe eine Haltungsanomalie meiner Tochter quasi im Vorbeigehen geheilt. Scheint wohl wie überall ein paar schwarze Schafe/böse Drachen zu geben. Hilft‘s nix, schad‘s nix, würd meine Oma sagen, vorausgesetzt man hat das nötige Kleingeld für sowas.

Über die Autorin: Sybille Maier-Ginther ist freie Autorin in Salzburg. Zusammen mit ihrer Freundin Susanne Holzer schreibt sie vergnüglich über ihre Schwangerschaft und das Leben als Mutter. Mehr von Susanne und Sybille gibt es unter Facebook.com/handaufsherzblog .

Themen: Kinder, Familie

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"So kann ich nicht arbeiten!" - genial diese Frau :-) - und noch besser die Geschichte!

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