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Marcel Hirscher: „Ich wollte nur noch meine Ruhe haben“

Er hat mit 26 erreicht, was niemand vor ihm geschafft hat, und vier Mal den Gesamtweltcup gewonnen. Aber: Wie viel Spaß ist dabei, wenn man sich täglich bis ans Äußerte quält? Skistar Marcel Hirscher im ehrlichen Interview über sportliche Schinderei, Millionenverträge und eine Frauenquote beim ÖSV.

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Marcel Hirscher beim Trainieren
© Florian Rainer

Eine Alm im salzburgerischen Abtenau: Hier, auf knapp 1.000 Metern Seehöhe, freuen sich Wanderurlauber über den Ausblick auf den Dachstein. Andere mühen sich mit dem Mountainbike den Berg hinauf. Idyllisch. So wie man’s sich am Berg eben vorstellt. Plötzlich: Lauter Hip-Hop aus einer alten Scheune: „Work hard, play hard.“ „Mehr Power“, schreit ein Trainer dazwischen. „Es muss brennen!“ Sein Schüler kickt in Höchstgeschwindigkeit in einen Boxsack vor ihm.

Hier trainiert Ski-Superstar Marcel Hirscher mit seinem Coach Gernot Schweizer. Jeden Tag stählt er rund zwei Stunden lang seine Muskeln, um sich auf die kommende Saison vorzubereiten. Bei 40 Grad Außentemperatur genauso wie bei Regen. Liegestütze, Gewichte stemmen, Gleichgewichtsübungen – Hirscher geht an seine Grenzen. Bis er nicht mehr kann. Zwischendurch scherzt er mit uns, hüpft in den kurzen Verschnaufpausen mit Turnringen herum, dann schreit und stöhnt er wieder. Die Emotionen gehen hoch: „Eine gewisse Leidensfähigkeit gehört dazu. Du brauchst einen inneren Motor, der dich antreibt. Wenn ich mich mit allem zufriedengeben würde, wäre das meiner Meinung nach der erste Schritt vom Rückschritt.“ Und den will er momentan noch nicht – auch, wenn er schon oft darüber nachgedacht hat, wie er im Interview mit WOMAN erzählt:

WOMAN: Marcel, wie ist dieses Pensum überhaupt schaffbar?
Marcel Hirscher: Es ist keine Dauerlösung, das ist klar! Ich setze jetzt alles auf eine Karte und stecke meine ganze Energie
in das Skifahren – aber für einen begrenzten Zeitraum! Dass es so lange so gut funktioniert, hat sich eigentlich eh niemand erwartet... Und ganz ehrlich: Es freut mich einfach noch nicht, aus dem Licht zurückzutreten. Im Sommer ist es auch locker auszuhalten, da macht’s mir Spaß. Während der Saison hingegen kann es mir schon zu viel werden, dann geht’s einfach nicht mehr.

Marcel Hirscher beim Trainieren

WOMAN: Wann merken Sie, dass Sie am Limit sind?
Marcel Hirscher: Wenn ich nicht mehr schlafen kann und es einfach keine Gaudi mehr ist. Dann kann ich nicht mehr jedem, der ein Autogramm oder Foto will, so freundlich gegenübertreten, wie ich das gern tun würde. Weil ich einfach keinen Nerv mehr dafür habe.

Marcel Hirscher beim Trainieren

WOMAN: Wann waren Sie zuletzt so richtig unvernünftig?
Marcel Hirscher: Noch nie... Natürlich bin ich als Jugendlicher weggegangen, vielleicht nicht so oft und so lange wie andere, aber ich war schon auch fort.

Marcel Hirscher beim Trainieren

WOMAN: Das ist zehn Jahre her. Heute leben Sie jeden Tag nach einem strikten Programm?
Marcel Hirscher: Nachdem ich mein eigener Chef bin, muss ich sehr strukturiert an den Tag herangehen. Sonst würde ich jetzt wahrscheinlich noch in der Kiste liegen...

Marcel Hirscher beim Trainieren

WOMAN: Einmal umdrehen und weiterschlafen ist da nie drinnen?
Marcel Hirscher: Nein! Mein Trainer wartet auf mich, und sonst schmeißt mich sowieso die Laura (die beiden sind seit sieben Jahren liiert, Anm.) aus dem Bett.. (lacht) Ich kenn das auch anders. Früher bin ich öfter mal eine halbe Stunde später gekommen, aber das gehört sich nicht, und funktioniert so nicht.Wenn du erfolgreich sein willst, musst du diszipliniert sein. Und das erwarte ich mir auch von meinem Umfeld.

Marcel Hirscher beim Trainieren

WOMAN: Ich stell es mir, ehrlich gesagt, total anstrengend vor, wenn man immer an einer besseren Version von sich selbst arbeiten muss. Wie getrieben fühlen Sie sich?
Marcel Hirscher: Ich stoße täglich an meine Grenzen, und es wird von Jahr zu Jahr härter. Aber da muss ich jetzt dranbleiben, ohne Kompromiss! Ich habe diese Chance bekommen, und die werde ich nützen. Dafür höre ich dann einfach ein paar Jahre früher auf. Mit 36 noch immer irgendwo herumzuhüpfen, das interessiert mich nicht! Dann will ich mein Leben anders genießen.

Marcel Hirscher beim Trainieren

WOMAN: Wie viel Spaß ist jetzt dabei?
Marcel Hirscher: Teils sehr viel, es ist aber auch sehr viel Professionalität. Vor vier Jahren war noch viel mehr jugendlicher Leichtsinn dabei! Das hat drastisch abgenommen. Und genau das hat mich dann auch so massiv gestört. In der Saison 2013/2014 ist mir alles schon so am Arsch gegangen, ich wollte nur mehr meine Ruhe haben! Damals hab ich mich auch noch viel mehr leiten lassen. Wenn ein Fotograf gemeint hat, er muss mich besonders kreativ fotografieren, habe ich das mitgemacht. Auch wenn es mir unangenehm war. Heute sag ich: „Putz di...“ Ich hab mir meine Regeln aufgestellt, und das macht mich viel freier.

Marcel Hirscher beim Trainieren
VOR DEM INTERVIEW AUSGEKNOCKT? Einen Versuch war es wert: Weltmeister Marcel Hirscher mit Redakteurin Melanie Zingl im Boxduell. Ob er so das Gespräch umgehen wollte? Keine Chance! Zum Interview musste er nach dem zweistündigen Training trotzdem antreten.

WOMAN: Ich hab vor Kurzem ein Porträt über den Deutschen Markus Deibler gelesen. Er war einer der weltbesten Schwimmer und hat im Vorjahr mit 24 seine Karriere beendet. Heute ist er Eisverkäufer, weil er endlich glücklich sein wollte. Können Sie das nachvollziehen?
Marcel Hirscher: Ich hab schon ganz oft darüber nachgedacht, aufzuhören. Viel öfter, als manche glauben. Für mich ist das Wichtigste, dass noch Spaß dabei ist. Ich glaube, es geht nicht darum, ob du Millionen verdienst oder gerade mal so viel, dass du damit gut über die Runden kommst... Es geht darum, im Leben glücklich zu sein. Mir taugt Skifahren einfach, Rennfahren ist geil. Und wenn du ein Wettkampftyp bist, brennt’s dir vor der Saison schon unter den Fingernägeln.

Marcel Hirscher beim Trainieren

WOMAN: Führen Sie eigentlich ein selbst- bestimmtes Leben?
Marcel Hirscher: (überlegt kurz): Nicht so sehr, wie ich das gerne hätte. Es ist ausbaufähig. Viele Dinge bleiben auf der Strecke – alle gemütlichen Sachen, mit Freunden bei einem Bier zusammenzusitzen zum Beispiel. Und ich würde mich gerne freier bewegen können, nicht ständig unter Beobachtung stehen. Ein bisschen mehr Anonymität wäre schon schön.

WOMAN: Wie sehr beeinflusst die Berühmtheit Ihren Alltag?
Marcel Hirscher: Anfangs habe ich damit überhaupt nicht umgehen können. Du gehst in Wien auf der Mariahilfer Straße und zehn Leute gehen dir nach. Aber man gewöhnt sich daran. Und es ist natürlich schön, wenn einem diese Wertschätzung entgegengebracht wird, nur weil man schnell Ski fährt.

WOMAN: Wie prominent fühlen Sie sich?
Marcel Hirscher: Ah, international im Vergleich zu echten Sport-Heroes bin ich ein kleiner Fisch. In so einem Ranking komm ich nicht mal unter die Top 100.

WOMAN: Jetzt untertreiben Sie! Laut einer Studie sind Sie 4,7 Millionen Euro wert. Summen, die sich ein Durchschnittsbürger gar nicht vorstellen kann. Bleibt Ihnen da nicht auch die Puste weg?
Marcel Hirscher: 4,7 Millionen gehen sich nicht aus (lacht). Ich komme aus sehr normalen Verhältnissen und habe schon deppat geschaut, als ich mit 16 meinen ersten Vertrag unterzeichnet habe. Da ging’s gar nicht um viel Geld, aber es war einfach so cool, mal überhaupt was mit Skifahren zu verdienen. Ich hätte mir damit mein Studium finanzieren können, das wäre top gewesen. Dann hatte ich mein erstes erfolgreiches Jahr hinter mir. Und bin erst einmal angestanden...

Marcel Hirscher beim Trainieren

WOMAN: Überfordert mit dem Erfolg?
Marcel Hirscher: Ich hab mich am Finanzsektor ja überhaupt nicht ausgekannt: Vertraust du Externen? Wo investierst du? Wie legst du das Geld an? Oder verbrennst es gleich? Das stresst schon einmal. Alle, die das lesen, werden mich jetzt wahrscheinlich innerlich watschen und sich denken: „Du Trottel!“ Aber trotzdem: Es ist eine Herausforderung, mit der man mit 20 erst einmal zurechtkommen muss.

WOMAN: Und was tun Sie mit dem vielen Geld? Sind Sie sparsam?
Marcel Hirscher: Ich arbeite hart und weiß, was jeder Euro wert ist. Deshalb versuche ich auch wirklich immer sehr genau abzuwägen: Ist es mir das jetzt wirklich wert? Brauch ich wirklich das neueste Telefon? Aber ja, solche Sachen gönne ich mir mittlerweile dann auch einfach, weil es mir taugt.

WOMAN: In Ihrer Welt dreht sich alles um den Skisport. Wie viel bekommen Sie da von aktuellen Themen wie der Griechenland-Krise oder Traiskirchen mit?
Marcel Hirscher: Mir ist es wichtig, dass ich da informiert bin, klar! Und Laura interessiert sich auch sehr fürs Weltgeschehen, da komm ich gar nicht aus (lacht). Aber ich bin Skifahrer und muss mich nicht öffentlich dazu äußern. Wenn es um mein Fachgebiet geht, können wir stundenlang darüber reden, da stehe ich zu jedem Wort, aber nicht, wenn es um die politische Entwicklung in Syrien geht. Dazu will ich in der Presse keine Stellung beziehen. Denn worüber du nicht sprechen kannst, darüber sollst du schweigen.

WOMAN: Anna Fenninger hat in den vergangenen Wochen sehr stark polarisiert. Werden Sie als Mann beim ÖSV bevorzugt?
Marcel Hirscher: Ich hab auch schon Probleme mit dem Verband gehabt, doch ich habe das Gespräch gesucht, wir haben das geregelt, und seitdem funktioniert es sehr gut. Sicher würde ich mehr Geld verdienen, wenn ich alleine wäre, aber ich möchte in zehn Jahren auch noch Skirennen sehen. Wenn ich mich jetzt aus dem System losreißen würde, würde das gesamte System kollabieren.

WOMAN: Wäre eine Frauenquote beim ÖSV denkbar?
Marcel Hirscher: Das kann ich schwer beurteilen. Skifahren ist ein rauer Sport, da müssen die Leute oft 50 Kilo schweres Equipment den Berg raufschleppen. Deshalb gibt es auch so wenige weibliche Mitarbeiterinnen bei uns. Aber mehr Frauen wären spitze! Das würde dem gesamten Team guttun und einen neuen Spirit reinbringen.

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Thema: Society