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Glaubt nicht alles, was ihr hier seht!

Fotografin Marie Hyld postet auf Instagram zahlreiche Pics ihrer glücklichen Beziehung. Nicht ungewöhnlich? Doch! Denn diese Intimität ist eine optische Täuschung! In der Realität hat sie ihre "Partner" erst wenige Minuten davor kennengelernt.

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Glaubt nicht alles, was ihr hier seht!
© Instagram: mariehyld

Könntest du dir vorstellen, dich mit einem Tinder-Match zu einem ersten Date zu verabreden und dich nach wenigen Minuten mit ihm im Bett zu räkeln? Oder nackt unter der Dusche, auf dem Küchenkasten oder Fensterbrett? Oder - vor ihm auf dem Klo zu sitzen? Nein? Marie Hyld schon.

Die Künstlerin startete ein Fotoprojekt das sie später "Lifeconstruction" nannte. Dabei wollte die 25-Jährige "die Oberflächlichkeit der Online-Welt vorführen". Die Dänin war genervt von den perfektionierten Happy-Life Posts, durch die wir uns tagtäglich scrollen. "Menschen kreieren in den Sozialen Netzwerken ihre eigene Welt und ich wollte wissen, was es dazu braucht." Hyld erzählt von den Anfängen ihrer Idee. Davon, dass sie Leute matchte, die von ihrem trivialen Leben erzählten. Sie waren bereit für etwas, das sie aus der Komfortzone kicken würde. "Mein Vorschlag, gemeinsam intime Fotos in ihrem Zuhause zu shooten, kam an", sagt Marie. Die Vorgabe war, sich zu treffen und sogleich so zu tun als sei man schon jahrelang in einer Beziehung.



Beziehung für einen Shoot

Welche Motive würden sich wohl durch diese Rollenspiele ergeben? Beim Betrachten der entstandenen Bilder kann man jedenfalls kaum glauben, dass die Leute an Hylds Seite nicht tatsächlich jeweils Liebhaber oder langjährige Partner sind. Eine Grenzerfahrung für Marie. Sie erzählt offen über Schwierigkeiten, mit denen sie bei "Lifeconstruction" zu kämpfen hatte: "Zu Beginn jeden Treffens war ich ein nervliches Wrack. Ich kannte diese Menschen nicht, wusste nichts über sie und auch nicht, wie weit ich gehen konnte. Ich wusste ja nichts über sie. Aber ich musste loslassen und vorgeben, dass alles toll ist. Eine Beziehung, die überhaupt nicht existierte, sollte perfekt inszeniert werden. Wir haben uns auch zwischen den Shoots so verhalten als wären wir ein Paar oder würden uns zumindest gut kennen."

Kaum zu glauben, dass es bei so viel dargestellter Nähe nicht tatsächlich zu Intimitäten gekommen ist! Marie antwortet etwas ausweichend: "Ich wollte ironische Nähe schaffen. Und ja, bei den Shoots klappte das. Aber das ist ja auch die Message, die ich mit meinen Fotos senden will: Wir müssen diese innigen Momente suchen und uns öfter im echten Leben sehen."



Marie über eine ihrer Begegnungen

Aber lassen wir Marie erzählen, wie schwer ihr die Abgrenzung zwischen Realität und Täuschung dann doch gefallen ist. Als Kommentar zu einem Pic schrieb sie: "Zur Begrüßung überreichte er mir eine Topfpflanze, wie bei einem echten Date. Und es war wohl so. Thor war Deutscher und hatte diesen durchdringenden Akzent, den ich liebte. Er war ein gutaussehender Mann und war sich dessen zweifellos bewusst! Zehn Minuten später hatte ich diese seltsame Stimmung und begann mich zu fragen, ob wir wirklich die gleichen Absichten hatten oder ob ich in eine Art Date-Falle geraten war. Und wenn das der Fall wäre: 'Wie zum Teufel sollte ich da rauskommen?' (...) Er gab jedenfalls alles und das brachte mich zum Lächeln (...) Ich stellte die Kamera neben sein großes Bett, auf dem er lag und kroch langsam an seine Brust. Mein Kopf lag auf seinem Oberkörper und lauschte seinem starken Herzschlag. Er streichelte liebevoll meine Schulter mit seinem Daumen. Das Erleben von körperlicher Wärme und Liebkosung eines völlig Fremden, den ich vor wenigen Minuten getroffen hatte, faszinierte mich. Schließlich musste ich mich jedoch der Tatsache stellen, dass ich die verbleibende Spannung in mir einfach nicht beseitigen konnte. Ich brach ab und wir verlegten das Fotoshooting vor seine Wohnung, wo zahlreiche Spaziergänger 'zur Sicherheit' auch da waren. Wir unterhielten uns. Er krempelte seine Ärmel hoch, breitete die Arme aus, beugte die Beine, um mich in hochzuheben und lachte laut. Nach dem Shooting saß ich in meinem Auto, griff nach meiner Kamera und suchte nach einem glaubwürdigen Bild. Ich blieb bei einem hängen, auf dem wir aussahen wie ein Paar, das sich vor Verlangen aneinander klammerte. Damals wusste ich, dass niemand jemals in der Lage sein würde, die Wahrheit über dieses angespannte Treffen zu sagen ..."