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Doktorspiele für zu Hause

Im Zeitalter der Selbstoptimierung, in dem alles schnell und perfekt gehen muss, werden medizinische Selbsttests immer populärer. Doch wie aussagekräftig sind sie wirklich? Und: Machen sie ohne ärztlichen Beistand überhaupt Sinn? WOMAN hat bei Experten nachgefragt.

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Doktorspiele für zu Hause
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Eine Situation, die fast jede Frau kennt: Man pinkelt auf ein Stäbchen und wartet dann – je nach Ausgangssituation – hoffnungsvoll oder angsterfüllt die paar Minuten, bis ein oder zwei Linien erscheinen. Der Schwangerschaftstest ist der Prototyp für medizinische Selbsttests, und er ist mit 99 Prozent Sicherheit auch wirklich zuverlässig. Aber mittlerweile gibt es die Möglichkeit der Selbstdiagnose für beinahe jedes Problem: Für Eisenmangel, Blut im Stuhl, Gluten-, Lactose-oder Histaminunverträglichkeit, erhöhten Cholesterinwert und um zu erkennen, ob eine Infektion viral oder bakteriell ist. Um nur einige aufzuzählen (mehr unten)! Getestet werden dafür Urin, Stuhl, Speichel oder Blut. Doch wie zuverlässig sind die Ergebnisse? Und wie sinnvoll ist es, wenn Laien die eigene Gesundheit bewerten? Wir haben mit einem Physiker, der an der Entwicklung solcher Tests beteiligt ist, und einer Allgemeinärztin gesprochen.

Schluss mit Dr. Google

"Die Tests funktionieren ganz simpel", erklärt Ronny Wegner, Physiker und Testentwickler beim Medizinprodukte-Hersteller Veroval (selbsttest.at). Je nachdem, was getestet wird, muss sich der Patient eine Urin-, Stuhl- oder Blutprobe abnehmen und diese auf einen Teststreifen auftragen. "Der Teststreifen ist mit den entsprechenden Antikörpern bestückt. Damit werden sogenannte Biomarker aufgezeigt. Es entsteht eine Farbreaktion, die, vergleichbar einem Schwangerschaftstest, ein negatives oder positives Ergebnis anzeigt."

Die Genauigkeit der einzelnen Tests liegt bei 94-99 Prozent, man könne sich also auf die Ergebnisse verlassen, wie Wegner versichert: "Die Zuverlässigkeit unserer Testergebnisse wurde in mehreren klinischen Studien mit den höchsten Standards in der Medizin verglichen." Auch wenn man jetzt denken könnte, dass der Physiker über sein Produkt natürlich nur Positives berichtet, ist ein Argument nicht von der Hand zu weisen: "Viele Menschen wollen mehr Eigenverantwortung übernehmen und nicht vom alleinigen Urteil eines Arztes abhängig sein. Gut 60 Prozent der Europäer machen sich im Internet schlau über gesundheitliche Probleme. Was man dort findet, ist aber zum Teil sehr zweifelhaft oder schlichtweg falsch", erklärt Wegner, weshalb professionell entwickelte Selbsttests immer wichtiger werden. Dazu kommt, dass viel zu viele Menschen gesundheitliche Probleme einfach ignorieren. Wegner sieht mit den Selbsttests hier eine Möglichkeit, die Gesundheit unkompliziert zu unterstützen.

Fehlende Beratung

Die Aussicht, auf fast jedes Problem rasch und unkompliziert eine Antwort zu erhalten, macht den Trend zu Selbsttests nachvollziehbar. Mediziner stehen ihm naturgemäß kritisch gegenüber. "All das macht aus einem Laien keinen Arzt", meint Allgemein- und Ernährungsmedizinerin Dr. Daniela Themmer (juvenismed.at) über die Entwicklung. Für sie gibt es sinnvolle und unsinnige Angebote: "Ein Schwangerschaftstest ist absolut sinnvoll. Gerade in so einer Situation möchte man ja schnell Klarheit und geht dann ohnehin zum Arzt. Auch Vaterschaftstests über den Speichel sind zuverlässig. Die sind sogar vor Gericht zugelassen. Schwieriger wird es allerdings bei den meisten anderen Do-it-yourself-Tests. Hier wird ein riesiges Angebot vorgelegt, das der Patient gar nicht beurteilen kann, weil ihm das medizinische Fachwissen dazu fehlt." Dazu kommt, dass viele Tests keine Lösung des Problems bieten. Wird etwa festgestellt, dass das Cholesterin erhöht ist, sich Blut im Stuhl befindet, ein Eisenmangel besteht oder z. B. eine Infektion bakteriell ist und deshalb Antibiotika angesagt sind, muss man ohnehin zum Arzt für eine weitere Behandlung. Der wird sich aber nicht auf einen Selbsttest verlassen und eine nochmalige Überprüfung der Werte im Labor veranlassen. Der Patient hätte sich das Geld also auch sparen können. Und dann gibt es auch noch Tests, die schlichtweg keinen Sinn machen, etwa der für den Keim Helicobacter pylori, der für Gastritis verantwortlich sein kann. Themmer erklärt: "Bei den angebotenen Testkits wird das Blut auf Antikörper untersucht. Allerdings tragen diese viele Menschen in sich, sie haben über eine akute Entzündung keine Aussagekraft. So ein Selbsttest kostet aber bis zu 150 Euro. Beim Arzt zahlt das die Krankenkasse."

Das Problem mit dem Essen

Besonders viele Angebote gibt es im Bereich der Nahrungsmittelunverträglichkeiten. Betroffene haben oft einen langen Leidensweg plus Ärztemarathon hinter sich, um zu einer Diagnose zu kommen. Vielen wird auch gesagt, ihre Störung sei nur psychosomatisch. Eine von ihnen ist Bianca Gfrei, Gründerin des Selbsttest-Start-ups kiweno (kiweno.com). Erst nach mehreren Jahren und vielen Fehldiagnosen fand sie zu einem Spezialisten für Unverträglichkeiten, der eine richtige Diagnose erstellte. Um anderen einen ähnlichen Leidensweg zu ersparen, hat sie mit einem wissenschaftlichen Team mehrere Tests entwickelt, die Laktoseunverträglichkeit, Histaminintoleranz oder Glutensensitivität nachweisen sollen. Zuletzt wurde das Testverfahren, in dem bestimmte Antikörper abgefragt werden, allerdings wissenschaftlich infrage gestellt. Es könnten fälschlicherweise Allergien festgestellt werden, die die Patienten gar nicht haben. Themmer: "Mit diesen Tests werden auch Listen an Lebensmitteln, die man vermeiden sollte, ausgeliefert. Zu mir kommen dann verzweifelte Patienten, die das Gefühl haben, sie dürften jetzt nichts mehr essen. Hier ist die fehlende ärztliche Betreuung echt ein Problem." Ein Selbsttest kann hier also ein Anstoß sein, aber medizinische Betreuung und Ernährungsberatung durch einen Experten nicht ersetzen.

Typische Kunden

Wer ist nun die Zielgruppe für diese Tests? Da decken sich die Daten von Veroval und kiweno. 60-70 Prozent der Kunden sind weiblich, jung oder mittleren Alters, gebildet, oft berufstätig und sehr gesundheitsbewusst. Für sie ist persönliches Wohlbefinden Ziel und Ausdruck eines neuen Lebensstils, in dem Eigenkontrolle eine wesentliche Rolle spielt. Zeitersparnis und Bequemlichkeit sind weitere Kriterien, zum Selbsttest zu greifen. Oft wäre es ja nicht mit einem Arzttermin getan. Dazu kommt, dass die Symptome für ein Problem wie Eisen- oder Vitamin-D-Mangel oft diffus sind. Nicht alle Parameter werden vom Arzt in einer Routineuntersuchung abgefragt. Gerade bei Nahrungsmittelunverträglichkeiten ist eine Diagnose oft schwierig. Das weiß auch Dr. Themmer: "Der Fachbereich der Ernährungsmedizin ist noch jung, es gibt leider noch nicht viele Ärzte, die diese Ausbildung haben. Um hier gut behandeln zu können, braucht es aber ein sehr konkretes Fachwissen."

Kein Ärzteersatz

Einig sind sich alle Anbieter, dass ihre Tests kein Ersatz für den Arzt sind. Sie sehen ihre Aufgabe im Bereich Prävention und Gesunderhaltung. Prävention ist aber auch das Anliegen der meisten Mediziner, die dazu raten, diese beim Arzt zu machen. Dr. Themmer empfiehlt die jährliche Gesundenuntersuchung: "Da werden alle wesentlichen Parameter abgefragt – und sie wird von der Krankenkasse bezahlt. Bei regelmäßiger Untersuchung wird auch der Gesundheitsverlauf sichtbar. Geht man dann noch jährlich zum Gynäkologen, Zahnarzt und Muttermalcheck, ist das eine rundum ausreichende Vorsorge."

Die beliebtesten Selbsttests

Eisenmangel

Ein Blutstropfen wird auf einen Teststreifen aufgebracht. Wichtig ist, dass der Ferritinwert ermittelt wird. Eisen im Blut ist nur eine Momentaufnahme, es hat keine Aussagekraft. Z. B. von Stada, online, ca. € 20,-.

Laktoseintoleranz

Die Atemluft wird mit einem Röhrchen ins Labor geschickt und analysiert. Ergebnis nicht für alle eindeutig. 10-15 Prozent der Betroffenen haben einen falsch negativen Befund. Z. B. von kiweno, online, € 59,-.

Harnwegsinfekt

Bei leichtem Brennen oder Bauchweh ist oft nicht klar, ob es sich bereits um einen Infekt handelt. Bei positiver Testung kann man schnell gegensteuern und so oft Medikamente verhindern. Z. B. von Veroval, € 14,90.

Antibiotika

Nur wenn ein grippaler Infekt bakteriell ist, machen Antibiotika Sinn. Gegen Viren wirken sie nicht. Nimmt man sie zu oft nur vorsorglich, kann eine Resistenz entstehen. Bluttest von Veroval, in der Apotheke, € 24,50.

Beauty-Test

Schönheitsparameter wie kräftiges Haar, starke Nägel, strahlende Haut hängen mit der ausreichenden Versorgung mit Zink, Selen, Vitamin B12 zusammen. Blut- & Speichelttest von kiweno, online, € 139,-.

Magen-Vorsorge

Der H.-pylori-Keim kann für Gastritis verantwortlich sein. Antikörper zeigen aber nur ein Risiko auf, sie haben keine Aussagekraft über eine akute Entzündung. Bluttest z. B. von Stada, online, ca. € 17,-.