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"Cats"-Darsteller Gerben Grimmius über sein Leben mit HIV

Am 1. Dezember ist Welt-Aids-Tag. Einer, der sich sehr für dieses Thema engagiert ist Musical-Darsteller Gerben Grimmius. Hier baten ihn zum Interview.

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"Cats"-Darsteller Gerben Grimmius über sein Leben mit HIV
© Sandra Kosel

Vor sechs Jahren wurde bei ihm HIV diagnostiziert. In einem Song „Een goed gespreck“ (deutsch: „ein gutes Gespräch“) hat er seine Krankheit thematisiert. Mit uns sprach der gebürtige Holländer darüber, warum er das Virus als seinen Freund bezeichnet und welche Missverständnisse nach wie vor in unserer Gesellschaft herrschen.

WOMAN: Du hast einen Song geschrieben, in dem es um deine HIV-Erkrankung geht. Warum wolltest du damit an die Öffentlichkeit gehen?
Gerben: Kurz nachdem ich meine Diagnose bekommen hatte, habe ich zufällig meine alte Gesangslehrerin wieder getroffen. Sie erzählte mir, dass sie seit Kurzem wüsste, dass sie Brustkrebs habe. Und ich dachte mir: Ich werde ihr jetzt aber nicht sagen, dass ich gestern auch eine schlechte Nachricht bekommen habe. Und da hat es angefangen, in mir zu arbeiten: Was ist der Grund, warum ich nicht offen darüber sprechen kann? Was ist das in unserer Gesellschaft, dass ich hier stehe und mich nicht traue, es laut zu sagen? Ich wollte das ändern, aber auch in mir musste das alles erst reifen. Fünf Jahre nach meiner Diagnose war ich soweit.

Was ist passiert, nachdem der Song online ging? Wie waren die Reaktionen?
Mein Video wurde ganz viel geteilt, was auch meine große Hoffnung war, denn ich wollte, dass sich meine Botschaft verbreitet und die Leute anfangen, offener darüber zu sprechen. Es gab eigentlich nur ein negatives Kommentar von jemandem, der meinte, es ginge ihm zu weit, dass ich den Virus als Freund bezeichne. Und ich bin der Meinung, dass man offen sein muss für Gespräche und Diskussionen und hab ihm erklärt, warum ich es so nenne. Ich denke, wenn man etwas annimmt und umarmt, kann man besser damit umgehen. Was nicht heißt, dass ich mich nicht freuen würde, gäbe es eine Möglichkeit, mich komplett davon zu heilen. Und es heißt auch nicht, dass ich nicht schwierige Zeiten durchgemacht habe in den letzten fünf Jahren. Aber so ist das Leben. Und ich bin jemand, der in allem das Gute zu sehen versucht. In dem Fall kann ich sagen, dass ich durch das Virus gelernt habe, jeden Tag noch mehr zu schätzen …

Wieso sind HIV und Aids noch immer ein so großes Tabu-Thema?
Die Leute denken: Ach, der ist selbst dran Schuld, hätte er sich halt besser geschützt. Woran es noch liegt: Es herrschen nach wie vor viele Missverständnisse in unserer Gesellschaft. Die Menschen denken: Oh, die sterben jetzt. Oder man kann die Handtücher nicht mehr zusammen waschen … Ich bin auch oft an Schulen, um aufzuklären und merke jedes Mal, wie wichtig das ist. Viele wissen zum Beispiel nicht, dass man den Virus bei guter Therapie gar nicht übertragen kann. Manche wissen nicht mal, wie man sich damit ansteckt … Auch bei Dates habe ich es immer wieder erlebt, dass die Tür plötzlich zuging, als ich von meinem Status erzählt habe.

Ab welchem Punkt sagst du es deinem Gegenüber?
Wenn ich jemanden neu kennenlernte, habe ich recht schnell sehr offen darüber gesprochen. Ich wollte diesbezüglich immer ehrlich sein und dass ich akzeptiert werde, so ich bin. Somit konnte mir derjenige nachher nichts vorwerfen. Und seit der Song draußen ist, braucht man nur meinen Namen zu googeln und alle wissen Bescheid.

War das dann auch so etwas wie ein Befreiungsschlag für dich?
Natürlich. Und eine Art von Verarbeitung. Ich bin auch jemand, der da sein darf. Das ist ein Teil von mir, den ich akzeptiert habe und den ich auch gerne von anderen akzeptiert wüsste.

Was ging dir direkt nach der Diagnose als erstes durch den Kopf?
Ich dachte mir: Wie erzähle ich es bloß meinen Eltern? Ich wollte nicht, dass sie sich Sorgen um mich machen. Ich war gar nicht mit mir selbst beschäftigt. Am Abend nach dem Befund ging ich sogar noch ganz normal ins Theater und habe mir eine Vorstellung angeschaut. Erst nach einem halben Jahr habe ich mit meiner Familie darüber gesprochen. Meine Mutter war bei mir zuhause und meinte: Wie geht es dir wirklich? Da wusste ich, dass ich ihr es sagen musste ...

Wie hat sie darauf reagiert?
Sie hat geweint und hatte viele Fragen. Nachdem ich es ihnen erst sechs Monate nach der Diagnose davon erzählt hatte, konnte ich ihr alles beantworten. Ich konnte ihr auch sagen, dass der Virus nicht mehr nachweisbar war.

Wie lautet dein Appell an die Gesellschaft?
Ich möchte, dass alle verstehen, dass man keine Angst haben muss vor Menschen mit HIV und dass das Stigma rundum das Virus weniger wird.