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Mein Urlaub in Ägypten

Im Norden des Landes sterben Menschen, im Süden feiern Touristen. WOMAN-Redakteurin Nadja Kupsa war vor Ort - und erlebe eine skurrile Show, die trotz Krieg weitergeht.

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Mein Urlaub in Ägypten

Im Süden entspannen Touristen, während im Norden Menschen sterben.

© Stefanie Sima | Getty Images

"Wir feiern gerade meinen 25. Geburtstag. Als plötzlich das Handy von Madeh läutet und sich seine Augen binnen Sekunden mit Tränen füllen ", schildert WOMAN-Redakteurin Nadja Kupsa, die davon erzählt wie sich ihr Ägypten-Urlaub vom Paradies in einen trauriger Ort verwandelte, in dem viele Tränen flossen.

Madeh und Nadja in Naama Bay

Ägypten im Umbruch

Es ist Krieg und ich bin hier. In Ägypten. Hier, wo sich seit Juli 2013 Muslimbrüder und Militär einen erbitterten Kampf um die Macht liefern. Um jene Macht, die die einen nach demokratischen Wahlen erhielten, die anderen jetzt durch einen Putch zurückeroberten. Es wird geschossen, demonstriert, gemordet. Vergangen sind jene Zeiten, in denen alles danach aussah, als würde ein friedlicher Umbruch - von der Diktatur zu Demokratie - gelingen.

Eine Autobombe

Als meine Mama un dich den Urlaub gebucht habe, war es noch ruhiger in der jetzigen Krisenregion. Ich wollte einfach noch mal ans Meer, mich erholen, schnorcheln, ein bisschen ausgehen. Und eben meinen Geburtstag feiern. Da ich mich für einen Strandaufenthalt in Sharm el Sheikh am Roten Meer entschieden hatte und nicht für einen Städtetrip in Kairo, hatte ich auch keine Bedenken, direkt von den Aufständen betroffen zu sein. Diese Hoffnung aber zerstreut sich bereits am zweiten Tag. Bei einem Ausflug in die Sinai Wüste erzählt uns ein Einheimischer von einer Autobombe, welche zwei Tage zuvor in der Nähe unseres Hotels gefunden wurde. Ich bin geschockt. Ab nun können meinen Mama und ich nicht mehr von Entspannung sprechen!

Hunderte Todesopfer

Im Hotel-Restaurant lerne ich Madeh kennen, er ist 24 Jahre alt und kommt aus einer Stadt nördlich von Kairo. Von ihm erfahre ich, dass am Morgen vom 14. August 2013 mindestens 600 Menschen bei Protesten ums Leben gekommen sind. Die Regierung verhängt eine nächtliche Ausgangssperre. Niemand darf das Hotel verlassen. Meine Mama sieht mich besorgt an...

»Verlier niemals die Hoffnung. Bessere Zeiten werden kommen!«

Ein Anruf aus Kairo

Es ist noch nicht zu Ende. Als ich am Donnerstag erwache, werde ich mit einem herzlichen
„Alles Gute zum Geburtstag, Maus.“ begrüßt. Geburtstag? Achja, genau.. Ist mir völlig egal. Ich bin nicht in Geburtstagsstimmung. Ich fühle mich noch immer depressiv und verängstigt von den Geschehnissen des Vortages. Sämtliche Exkursionen werden an jenem Tag abgesagt - mein heiß ersehnter Tauchausflug fällt aus. Als Trostpflaster überraschen mich meine Mutter und Madeh (welcher uns bereits ans Herz gewachsen ist) mit einem wunderschönen Dinner am Strand inklusive Geburtstagskuchen und Blumen. Ich freue mich und beginne den Abend zu genießen. Doch plötzlich klingelt Madehs Handy. Er hebt ab und er bricht in Tränen aus. Seine Schwester übermittelt ihm die traurige Nachricht, dass zwei seiner ehemaligen Schulfreunde am Vorabend erschossen wurden. Madeh sitzt am Boden und weint. Wir weinen mit ihm. „Ist schon okey“, sagt er. „Wir sind daran gewöhnt... es werden noch viele Leute sterben. Als ich 2011 bei den Demos meinen besten Freund verloren hatte, da wusste ich schon: Es ist noch nicht zu Ende .“

Skurrile Show

Trotz der dramatischen Neuigkeiten ist Madeh schon am nächsten Morgen wieder als Kellner im Einsatz. Eine Gruppe italienischer Touristen feiert vormittags bereits ausgelassen. Einer von ihnen beginnt über Madeh Scherze zu reißen. Es ist ein perverser Anblick, der einem hier geboten wird. Während in Madehs Heimatstadt Freunde und Familie ums Leben kommen, muss er hier im „Urlaubsparadies“ respektlose Touristen bedienen. Und trotzdem erklärt er mir, als Uni-Absolvent, dass er dankbar ist für seinen Job und dankbar dafür, dass überhaupt so viele Touristen nach Ägypten kommen.

Die bald vorbei ist?

Andere Touristen wirken wie üblich entspannt bis gelangweilt, man hört Kinder im seichten Wasser plantschen. Plötzlich wird die Urlaubsklangkulisse von einem tiefen, lauter werdendem Dröhnen unterbrochen. Ein Militärhubschrauber fegt unter ohrenbetäubendem Lärm über unsere Köpfe hinweg und mir wird bewusst: Sharm el Sheikh ist eine Seifenblase. Eine Seifenblase, die noch aufrecht erhalten wird, aber bald – selbst hier im Urlaubsmekka Ägyptens - zerplatzen könnte.

Hoffnungsschimmer zum Abschied

Am Tag unserer Abreise sind wir einerseits froh Ägypten ohne Probleme verlassen zu können, andererseits aber auch traurig unsere Freunde in einem sich wieder verändernden Land zu wissen. Wie wird es weitergehen in Ägypten? Nur schwer nehmen wir Abschied von Madeh, meine Mutter beginnt zu weinen. Madeh drückt mir zum Abschied einen kleinen Stoffbären in die Hand und sagt etwas, das er wohl allen Ägyptern sagen will: „Verlier niemals die Hoffnung. Bessere Zeiten werden kommen!

Thema: Reise