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Menstruationsapps im Check: Wem gehören unsere Perioden-Daten?

Mit Apps wie Clue oder Flo haben wir unseren Zyklus genau im Überblick. Aber viele davon geben unsere Daten an Drittfirmen weiter. Wie kann man sich schützen? Wir haben dazu zwei Datenschutzexpertinnen befragt.

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Menstruationsapps im Check: Wem gehören unsere Perioden-Daten?

Bei vielen Apps profitieren nicht die Userinnen, sondern große Konzerne.

© iStock

"Deine Menstruation beginnt bald" – Ein Satz, den nur wenige Frauen gerne hören. Menstruationsapps sind aber ganz hilfreich: Sie tracken nicht nur die Periode, sondern den gesamten Zyklus. Wer schwanger werden will, weiß über seine fruchtbaren Tage Bescheid. Dass die App-Anbieter nach "Begleiterscheinungen" wie Kopfschmerzen, Stimmungsschwankungen oder Schlafstörungen fragen, erscheint zunächst unbedenklich. Schließlich hängen diese Beschwerden oftmals mit dem Zyklus zusammen. Viele Menstruationsapps sind aber wahre Datenkraken: Sensible Informationen werden zum Teil an Drittfirmen weitergegeben.

Die Folge: Bettwäsche- und Schokoladenwerbungen landen zeitgerecht in unseren Newsfeeds. "Vielen BetreiberInnen geht es darum, ein individualisiertes Bild von NutzerInnen zu haben, um die Daten für Werbezwecke zu verkaufen", weiß Datenschutzexpertin Daniela Zimmer von der Arbeiterkammer. Mit Hilfe von Angaben zum Alter, dem Geschlecht und der Stimmungslage werden individuelle Verhaltensprofile erstellt. "Die Datensicherheit lässt bei vielen Apps zu wünschen übrig. Gesundheitsbezogene Informationen sind aber besonders schutzwürdig", so die Expertin.

Skandal um Menstruationsapp Flo

Dem beliebten Perioden-Tracker Flo wurde das Sammeln und Weitergeben von Daten zum Verhängnis: Die BetreiberInnen gaben Details von Schwangeren weiter und wurden deshalb rechtlich zur Verantwortung gezogen. Sie verpflichteten sich nach einem Vergleich mit dem Konsumentenschutz dazu, alle Betroffenen zu informieren. Die Drittfirmen waren dazu angehalten, die Daten zu löschen. Insgesamt wurde die App von rund 100 Millionen Frauen verwendet.

Wie Zyklusapps unsere Daten in Geld verwandeln

Frauen sind eine kaufkräftige Zielgruppe – ihre Informationen sind deshalb besonders wertvoll. Immer wieder werden Userinnen aktiv dazu aufgefordert, sensible Fakten preiszugeben. "Wir werden immer schlauer", antwortet die App Clue zum Beispiel nach der Eingabe persönlicher Werte. Sie schnitt bei mehreren Untersuchungen besonders schlecht ab. Doch wer verdient denn eigentlich genau an uns? Ein großer Teil werde für Statistik- und Werbezwecke verwendet, so Zimmer: "Die Wege sind oftmals dunkel. Google kauft Firmen auf, die sich mit Forschung und Entwicklung im Gesundheitsbereich beschäftigen. Für sie sind diese Daten Gold wert."

Daniela Zimmer


Bei einer norwegischen Untersuchung des Kosumentenschutzes wurden sogar konkrete Drittfirmen genannt, die von den Menstruationsapps Clue und MyDays profitieren: "Diese Liste der Konzerne umfasst Google Analytics, Apptimize, Braze und Facebook-Audiences – das alles sind Werbedienstleister." Anzeigen in unseren Social Media-Feeds werden also perfekt auf uns zugeschnitten, wenn wir nichts dagegen tun. Die Verantwortung liegt nämlich tatsächlich bei uns selbst, weiß die Datenschutzexpertin.

»"Clue wird immer schlauer" ... die Großkonzerne auch.«

Mit der Datenschutzerklärung stimmen wir zu

Für die Abfrage von Daten, die für das Tracken der Menstruation nicht zwingend notwendig sind, müssen die BetreiberInnen die Zustimmung der Userinnen einholen. Dies passiert, wenn wir der ewig langen Datenschutzerklärung zustimmen, die die meisten gar nicht erst durchlesen. Ein weiteres Problem – viele davon sind nur auf Englisch aufzufinden oder unverständlich formuliert. Reines Kalkül, meint die Datenschutzexpertin: "Es handelt sich mehr um Desinformation als um Information. Die Zustimmung ist nur dann gültig, wenn vorher verständlich erklärt wurde, was mit den Daten passiert. Dieser Umstand wird von vielen Apps ignoriert."

»Wie hast du geschlafen? Leidest du an Kopfschmerzen?«

Die App Clue sichert sich mit einer Klausel in der Datenschutzerklärung ab. Man solle den BetreiberInnen und den Drittfirmen eine Email zukommen lassen, falls man mit der Weitergabe der Daten nicht einverstanden sei, heißt es. "Das ist für KonsumentInnen de facto nicht zumutbar." Das Problem an der ganzen Sache? Die behördlichen Schranken fehlen: Es gebe keine Prüfungen seitens der Plattformen, die diese Apps anbieten, weiß Zimmer. Wer sie downloadet, hat keine automatische Garantie, dass die Datenschutzrichtlinien ordnungsgemäß eingehalten werden. "Erst wenn es Beschwerden gibt, schauen sich Datenschutzbehörden die Sache näher an." Als Endverbraucherin sollte man sich also fragen: Müssen Zyklusapps tatsächlich über Größe und Gewicht Bescheid wissen? Oder über die Einnahme von Medikamenten?

Daten gegen Gratis-Nutzung: Warum sollte mich das stören?

Viele pflegen einen offenen Umgang mit ihren Daten. Ob sie maßgeschneiderte Facebook-Ads bekommen oder nicht, ist ihnen egal. Informationen, die man einem Arzt oder einer Ärztin anvertrauen würde, gelangen so in eine Art Öffentlichkeit. "Man muss sich fragen, ob man große Werbedienstleister dabei unterstützen möchte, noch dominanter zu werden. Die Vielfalt an Angeboten leidet letztendlich darunter", so die Datenschutzexpertin. Würde sie selbst Menstruationsapps benutzen? "Ich persönlich würde Gesundheitsdaten nur in Hände legen, deren Ruf untadelig ist und die viele Referenzen aufweisen. Ansonsten kann man auch manuell am Kalender mitschreiben", so Daniela Zimmer.

Wie erkennt man nun eine seriöse Menstruationsapp?

Wir haben uns noch weiter schlau gemacht und bei der Datenschutzexpertin Ulrike Gutkas nachgefragt. Sie rät dazu, bereits bei der Beschreibung im App-Store darauf zu achten, welche Daten abgefragt werden:

  • "Klicken Sie bei der Beschreibung im App-Store auf 'mehr'".
  • "Scrollen Sie dabei auch ans Ende der Beschreibung."
  • "Lesen Sie die dort platzierten Datenschutzhinweise."
  • "Sollten die Datenschutzhinweise fehlen, suchen Sie nach einer anderen App."
  • "Sollten die Datenschutzhinweise auf eine Webseite verweisen, lesen Sie sie auf der Webseite."
  • "Generell ist es hilfreich, die ausführliche Version auf der Webseite zu lesen."

"Achten Sie auf die Hersteller – sind diese in der EU angesiedelt, ist das ein gutes Zeichen", erklärt die Datenschutzexpertin. Die App solle den Verbrauchern schließlich eine verschlüsselte Speicherung zusichern und die Datenweitergabe ohne explizite Zustimmung unterlassen. "Werfen Sie außerdem einen ausführlichen Blick ins Impressum des Herstellers. Beachten Sie die leicht auffindbare Angabe der zuständigen Firma", rät Gutkas.

Sichere Menstruationsapps:

Die britische Nichtregierungsorganisation Privacy International hat einige Menstruationsapps unter die Lupe genommen. Das Ergebnis war ernüchternd: Fast alle App-AnbieterInnen gaben Daten weiter. Period Tracker (von GP International LLC) war laut der Untersuchung die einzige vertrauenswürdige Anwendung in Großbritannien. Untersucht wurden unter anderem: Maya, MIA, Flo, Simple Design, Clue, My Period Tracker by Linchpin Health, Ovulation Calculator und Mi Calendario .

Ulrike Gutkas empfiehlt die App Vivellio: Die BetreiberInnen haben ihren Sitz in Linz. Zudem wird in der ausführlichen Datenschutzerklärung klar dargelegt, was mit den Informationen der Userinnen passiert. Infos dazu gibt es sowohl im Store als auch auf der Webseite.

Auch die App Drip, die von der Berliner Programmiererin Marie Kochsiek gegründet wurde, bietet eine Alternative zu datensammelnden Apps. Alle Daten werden nur am Gerät gespeichert und können auf Wunsch jederzeit gelöscht werden. Die App ist im Google Play Store erhältlich.