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Nur nichts hergeben: "Ich lebe im Müll"

Wie kann man sich im Dreck wohlfühlen? In einem Heim leben, das schlecht riecht und so vollgestopft ist, dass man sich kaum bewegen kann? Wir trafen uns mit einer Messie-Frau und ihrer Retterin. Ein Gespräch über Einsamkeit und Verlustängste.

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"Ich lebe im Müll"

"Gemüffelt hat es nach alter Kleidung, Mottenschutz, Schweiß, Parfum und getragenen Schuhen. Und über allem lag eine dicke Staubschicht."

© Jürgen Hammerschmid / privat

Warten Sie auch auf die Frau Zelenka?", kommt die Frau auf mich zu und streckt mir die Hand entgegen: "Hallo, ich bin der Messie." Ich stehe einigermaßen verdutzt vor einer großen, vollschlanken Frau in bunter Sommerbluse und heller Hose, die blonden Haare teilweise unter einer Kappe versteckt: "Wie jemand, der im Müll lebt, schaut sie nicht aus", ist mein erster Gedanke. Auf den zweiten Blick allerdings sehe ich schon eine Verlebtheit im Gesicht. Da hat sich was Trübes und Trauriges eingegerbt. Bei Lydia, 47, (Name von der Redaktion geändert) ist es der Alkohol, wie ich später erfahre. Sie betäubt sich, weil sie ihr Leben sonst nicht aushält.

Aber da ist sie auch schon, die Frau Zelenka. Rosalia Zelenka. In ihrem Büro in Wien-Ottakring wollen wir uns zu dritt treffen, um über das Messie-Syndrom zu reden. Frau Zelenka, 55, hat eine Firma, die Tatorte reinigt - und auch Messie-Wohnungen.

"Ich lebe im Müll"
Rosalia Zelenka (55) mit Desinfektionsspray vor ihrem Firmentransporter (sos-zelenka.at). Die Messie-Expertin hat auch ein Buch zum Thema geschrieben. "Messies", Verlag Innsalz, € 20,90.

"Sie hat mir das Leben gerettet" sagt sie. Und meint das genau so.

Seit die "Entsorgerin" sich vor zwei Jahren erstmals durch Lydias zugemüllte Wohnung kämpfte, kann sie sich deren ewiger Dankbarkeit sicher sein. "Sie hat mir das Leben gerettet", sagt sie. Und meint das genau so.

Denn ihre Hausverwaltung hatte, weil auch auf Lydias Balkon so einiges geruchsintensiv vermoderte, mit Kündigung gedroht. Und die Gefahr, dass dann auch ihr Arbeitgeber etwas erfahren könnte, war groß. Ihr Job als Reiseleiterin aber hält die Ordnungsverweigerin tatsächlich am Leben. "Meine Arbeit ist alles, was mich noch ausmacht", sagt die Messie-Frau. Alle Energie, die sie hat, steckt sie in den Job - und in die Anstrengung, dass nur ja keiner draufkommt, wie's bei ihr daheim ausschaut.

»Ich flüchte in die Arbeit. Hier bin ich mit Menschen zusammen, krieg Lob und positives Feedback.«

Ein oftmals hartes Doppelleben, aber: "Ich flüchte in die Arbeit, bin im Sommer oft 16 Stunden im Einsatz. Hier bin ich mit Menschen zusammen, krieg Lob und positives Feedback." Die Emotionen, mit denen sie sonst klarkommen muss, haben andere Namen: Scham, Schuldgefühle, Ausgrenzung, dezimierter Selbstwert. "Die Einsamkeit ist mein größtes Problem", gibt sie zu. "Ich hab niemanden." Keinen Partner, keine Kinder, keine Geschwister, die Mutter gestorben, mit dem Vater überworfen. Und zu "beste Freundinnen" fällt ihr nur ein Name ein: "Die Riki. Aber ihr Mann hat ihr den Umgang mit "der Schlamperten" verboten."

"Ich war der erste Messie, den die Frau Zelenka kennengelernt hat", sagt Lydia mit selbstironischem Lächeln. Denn normalerweise rückt der Räumtrupp erst an, wenn die Wohnungen leerstehen. Verständigt von Hausverwaltungen, nach Auszug, Delogierung oder Tod des Mieters.

»Leider haben wir auch schon mal eine Leiche unter den Müllbergen gefunden«

"Leider haben wir auch schon mal eine Leiche unter den Müllbergen gefunden", so die Firmenchefin. Lydia hatte sich, ganz ungewöhnlich, selbst an die Firma "SOS-Zelenka" gewandt. "Ich bin ein Messie, bitte helfen Sie mir!"

"Ich schloss erst einen Scherz nicht aus" erinnert sich die Räumungs-Spezialistin. Was sie schnell wieder vergaß, als sie vor der Wohnung in der Wiener Innenstadt, 80 Quadratmeter mit Balkon, eingetroffen war. "Die Tür ließ sich, eines Bergs von Schuhen wegen, gerade so weit öffnen, dass ich eintreten konnte." Die Bewegungsfreiheit wurde kaum größer, denn der Weg führte weiter unter völlig gebeugten Kleiderständern hindurch, über kniehohe Papierhaufen, Heere von Plastiksackerln, riesige Bücherstapel sowie leere Flaschen und Gurkengläser. Ungewaschene Töpfe und Pfannen gaben noch mal den Extrakick.

Und hat's sehr gemüffelt? "Ja, nach alter Kleidung, Mottenschutzmitteln, Schweiß, Parfum und getragenen Schuhen", beschreibt Zelenka schonungslos das Bouquet. "Und über allem lag eine zentimeterdicke Staubschicht." Das dadurch erzeugte Kribbeln in der Nase war aber nichts gegen die nächste Offenbarung: "Als Lydia plötzlich mit zwei Teddybären ankam und meinte: ,Das sind meine Kinder', ist mir kurzfristig ganz anders geworden. Wo war ich da hineingeraten?" Dann mussten die "Kinder" allerdings eh schlafen gehen, in Lydias Schmuddelbett, auf dem sich Gewand, Polster und vergilbte Prospekte türmten.

Auf die Frage, warum sie die Bettwäsche so lange nicht gewechselt hatte, wusste sie sofort eine Antwort: "Weil mir der immer gleiche Geruch ein Geborgenheitsgefühl gibt." "Cosy" nennt Lydia ihren Einrichtungsstil, und die einzig freigeschaufelte Schneise zum Sitzen "ihr Nest". Der deutsche Psychotherapeut und Messie-Experte Rainer Rehberger erklärt das Phänomen übrigens mit einer frühkindlichen Bindungsstörung, die Betroffene dadurch kompensieren, dass sie eine emotionale Beziehung zu ihren angesammelten Gegenständen auf bauen.

"Ich lebe im Müll"
GUTE NACHT. Ein Bett, auf dem kaum mehr Platz zum Schlafen bleibt. Aber der Müll gibt Messies oft das Gefühl von Geborgenheit. Schlechte Gerüche können sie meist einfach ausschalten.

Was genau bei ihr schief lief, kann "das Einzelkind" aus einem kleinen Ort in Niederösterreich nicht wirklich sagen. Aber eine Mutter, die wenig daheim und verfügbar war, und ein Vater, der "mich nie lobte" und selbst von Sammelwut befallen war, könnten sie geprägt haben. Erst schien jedoch alles easy. "Ich hab studiert, Geschichte und Germanistik", erzählt Lydia. Nicht fertig, aber immerhin. "Sie ist witzig, gebildet und spricht drei Sprachen", legt Rosalia Zelenka ein Kompliment ein.

Als die Mutter starb, brach alles zusammen.

Aber um das Leben erfolgreich zu meistern, fehlte, wie oft bei Messies, Entscheidendes: Die innere Struktur, die Fähigkeit, planvoll zu handeln, die in der Kindheit angelegt werden muss. Und dann auch die Fähigkeit zur Selbstfürsorge. Als die Mutter, an der Lydia hing, 2003 an einem Herzinfarkt starb, brach alles zusammen. "Ich hab ihren Tod nie wirklich verwunden."

Mit Antidepressiva, kurzzeitigen Therapien, die nicht wirklich anschlugen, und vor allem dem Tröster in Promille kam sie irgendwie über die Runden. "Wenn ich Schwierigkeiten hatte, verzweifelt war, hab ich mich betrunken. Dann konnte ich auch ausfällig werden, obwohl ich eigentlich ein dezenter und schüchterner Mensch bin."

» Jetzt ist mir alles wurscht. Ich hab keine Unordnung, keinen Geruch, kein Gefühl registriert, ich war wie gestorben.«

Das innere Chaos schlug sich immer heftiger auch im Außen nieder. "Ich war nie ein besonders ordentlicher Mensch, aber irgendwann kam ich zu dem Punkt: Jetzt ist mir alles wurscht. Ich hab keine Unordnung, keinen Geruch, kein Gefühl registriert, ich war wie gestorben."

Eine immer ausgeprägtere Kaufsucht, von Experten als eine Art Selbstzuwendung definiert, trug ihren Teil zur fortschreitenden Vermüllung bei. Bis heute kann sie an keinem Schnäppchen vorbeigehen. Wenn irgendwo "im Multipack billiger" steht, greift sie zwanghaft hin. Wieder hergeben kann sie Überflüssiges aber nicht.

»Da stecken Verlustängste dahinter: Menschen gehen, Gegenstände bleiben.«


"Da stecken Verlustängste dahinter", weiß sie selber. Psychotherapeut Rehberger geht mit "unerträglicher Verlassenheitserfahrung" und "Traumata nach Trennungen" als Trigger fürs Messietum noch weiter. "Menschen gehen, Gegenstände bleiben." Die Trennung von jedem einzelnen davon, und sei es nur ein Zettel, lässt die schmerzlichen Erfahrungen neu aufleben."

Immer wieder mal wollte ich mich von dem Chaos befreien, aber ich hab's einfach nicht geschafft", erzählt Lydia. Eine Last, die sie auch die letzten beiden Beziehungen kostete. Peter zum Beispiel, in den sie "sehr verliebt" war. "Ich hab ihm immer kleine Deko-Sachen in seine Wohnung gebracht." Als er ihr eines Tages den ganzen Krimskrams in ein Tuch eingewickelt zurückbrachte, war sie sehr verletzt. Inzwischen ist Peter längst weg, das Tuch liegt noch immer unausgepackt im Wohnzimmer.

Der letzte Lover verabschiedete sich 2011. "Er hatte eine Stauballergie", hält Lydia die Erklärung kurz. Aber, will sie klarstellen, einen Partner zu finden, wäre die Erfüllung ihres größten Wunsches. "Ich möchte nicht mehr so allein sein." Wie das gehen soll? "Ich rede ja nicht von Zusammenleben."

Doch über allem steht unangefochten ihr geliebter Job. Dass sie den über die Krisen hinweg rettete, scheint wie ein Wunder. Sie muss jedenfalls zumindest so viel Kleidung waschen, dass nichts auffällt, sich doch so pflegen, dass niemand die Nase rümpft. Kann sich keine Alkoholfahne leisten. Sie muss die Miete zahlen und die Post, die sie als bedrohlich empfindet, doch öffnen, bevor es kracht. Wie das Schreiben der Hausverwaltung, durch das sie ihren Job bedroht sah und das Auslöser für ihren Hilferuf bei "SOS-Zelenka" wurde.

Rosalia Zelenka, die übrigens auch ein Buch über ihre Tätigkeit, "Messies, Licht und Schatten eines Menschen", geschrieben hat, kam zu ihrem Job per Zufall. "Ich hatte eine Stelle als Tatortreinigerin angenommen, dann wurde ich auch in Messie-Wohnungen geschickt." Da braucht man doch einen starken Magen? "Das und Interesse an der Herausforderung", meint die 55-Jährige, die heute ihr eigener Chef ist.

Fragen wie: "Wie entsorge ich, wie reinige ich am besten, wie transportiere ich alles ab" müssen immer wieder neu beantwortet werden. "Its a dirty job, but someone's got to do it", wie die Engländer sagen würden. Aber sie und ihr Team, "richtige Riegel", machen die Arbeit, meist in Schutzanzug und Maske, wirklich gern. "Wir sind stolz auf das, was wir tun." Weil's Sinn ergibt. "Ich denke, das Messietum ist ein zunehmend größer werdendes Problem", so Zelenka. "Es geht Hand in Hand mit der Vereinsamung."

Soziale Isolation ist schon eine größere Bedrohung als Übergewicht

Soziale Isolation ist, so die neuesten Erkenntnisse, schon eine größere Bedrohung als Übergewicht. 30.000 Menschen gelten in Österreich als Messies. Vielleicht sind es aber auch mehr. Das Messie-Syndrom ist eine tiefgreifende Zwangsstörung, wie Experten wissen. Sie kann mit Depressionen, Süchten, Beziehungsschwierigkeiten einhergehen. Lydias einzige Gefährten, wir erinnern uns, sind zwei abgeschmuddelte Teddybären...

"Der Kühlschrank war vollgestopft mit Waren, die teils Jahre alt waren", kommt Rosalia Zelenka inzwischen nochmals auf die Tiefpunkte ihres Noteinsatzes in besagter Wohnung zurück. Gegen diesen Gestank war das "Waten durch knietiefe Berge von Schmutzwäsche im Bad" ein Spaziergang.

Da kann Rosalia Zelenka nicht anders, als sie in den Arm zu nehmen.

Das WC erspart sie uns. Bis auf ein direkt rührendes Detail: "Am Klo hing ein Foto von einer Frau mit langen, blonden Haaren, wie Claudia Schiffer in ihren besten Tagen", schildert sie. Als Lydia plötzlich neben ihr steht und direkt verschämt sagt: "Das bin ich", kann Rosalia Zelenka nicht anders, als sie in den Arm zu nehmen. "Ich war so erschüttert, was Drogen bei Menschen anrichten können." Als sie Lydia bei einem späteren Aufräumbesuch alkoholisiert antrifft, stellt sie klar: "Noch einmal, und ich bin weg."

Dass sie eine Unterstützerin gefunden hatte, die weit über das normale berufliche Maß hinaus bereit war, ihr zu helfen, hatte die Messie-Frau verstanden. Helfen hieß, gemeinsam Zettel für Zettel durchgehen, Klamotte für Klamotte, Zeitung für Zeitung, Buch für Buch. Frühlingsgesteck für Frühlingsgesteck, Osterhase für Osterhase.

"Man dealt um jedes Stück! Immer gegen das Argument: Das kann man ja noch brauchen", so die Helferin, deren Geduld schon auch hart auf die Probe gestellt wurde: "Ein Kochtopf, total angebrannt", gibt sie ein Beispiel: "Ich sag: ,Den hau ma weg.' ,Nein', protestiert die Lydia. ,Der war urteuer.' ,Okay, aber den machen Sie selber sauber.'" Ob das je geschehen ist, darüber schweigen die Annalen.

Tatsache ist, dass Lydias Heim zwar noch immer eine Messie-Wohnung ist, aber nach etlichen Wagenladungen aussortierter Dinge schon viel überschaubarer vermüllt. Sie schläft noch immer am Sofa, weil das Bett belegt ist, und die Badewanne hat noch immer einen, wenn auch kleineren, schwarzen Rand. "Aber ich versuch das, was wir erreicht haben, irgendwie zu halten."

Und wenn's gar nicht mehr geht, ruft sie ihre "Retterin" an. Die allerdings Grenzen setzen muss. "Die Lydia ist sonst unersättlich in ihrer Zuneigung." Eine Therapie würde Lydia übrigens schon gern wieder machen. Aber es sollte eine Einzeltherapie sein. Und die, so berichtet sie, zahlt ihr die Kasse nicht. Und vor einer Gruppentherapie, die es auf Schein gäbe, scheut sie zurück. Jetzt ist sie schon ziemlich müde. Sich wieder ihren Dämonen gestellt zu haben, hat Kraft gekostet.

Ein Foto will sie nicht machen, auch nicht von hinten. Man versteht's. Sie will nur mehr heim in ihre Burg. Schlafen und am nächsten Morgen fit sein fürs andere Leben. Unfassbar eigentlich - und gleichzeitig unendlich tapfer.

"Ich lebe im Müll"
Foto aus einer Messie- Wohnung, das die Räumungs-Expertin selbst schoss. Messies können sich von keinem Stück trennen, bauen eine emotionale Bindung zu angesammelten Gegenständen auf.
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