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#MeToo: Als Männer noch die Hutnadel einer Frau fürchteten

Anfang des 1900er Jahre fingen Frauen vermehrt an, allein unterwegs zu sein. Die Freiheit hatte eine Schattenseite: Sie wurden vermehrt von Männern belästigt.

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1910 Frauen
© Public Domain

2017 wird hoffentlich als das Jahr in der Geschichte eingehen, in dem die #MeToo-Bewegung weite Kreise gezogen hat. Und man hat das Gefühl, dass die weiten Kreise sich nicht so bald verziehen werden, sondern wirklich eine Gesellschaft zum Umdenken und Handeln bewegen. Doch egal wie hart das auch klingen mag: Die sexuelle Belästigung von Frauen ist eine so alte Geschichte, wie die Zeit selbst.

Und auch wenn #MeToo die bis jetzt erfolgreichste Bewegung ist, die Frauen zum Reden motiviert, haben Opfer auch früher schon über ihr Leid gesprochen. Sie haben sich an die Medien gewandt, an die Polizei und noch höhere Stellen, doch am Gesamtbild hat es wenig geändert.

Das erste Mal frei unterwegs und sofort belästigt: Frauen in den 1900er Jahren.

Trotzdem sollte man von den mutigen Frauen der 1900er Jahre berichten, die sich nicht nur medial gegen ihre Peiniger gewehrt haben, sondern auch mit viel handfesteren Methoden. Doch alles auf Anfang, denn dies ist die Geschichte von Leoti Blaker, einer jungen Touristin aus Kansas. Blaker besuchte New York 1903 und fuhr mit einer überfüllten Postkutsche durch die Großstadt. Neben ihr saß ein älterer, reich wirkender Herr.

Dieser ließ sich nicht nur vom wackelnden Gefährt gegen die junge Frau drängen, sondern legte auch noch seinen Arm um ihren unteren Rücken. Leoti Blaker hatte genug: Sie zückte ihre Hutnadel und stach damit den Aggressor. Er schrie vor Schmerz auf und flüchtete beim nächsten Halt. "Er war so ein sympathischer Gentleman und es tut mir Leid, dass ich ihm wehgetan habe" , berichtete sie der New York World. "(..) New Yorker Frauen mögen ja eine solche Belästigung tolerieren, aber ein Kansas-Girl tut das nicht!"

1910 Frauen
(c) Public Domain

Die Geschichte von Leoti Blaker steht für alle Frauen, die in den frühen 1900er Jahren an öffentlichen Plätzen belästigt wurden. Es war tatsächlich so, dass Frauen zu jener Zeit noch nicht sehr lange frei und allein unterwegs waren. Sie hatten sich dieses "Privileg" erkämpft und nutzten es auch. In vielen der damaligen Männer, die den Anblick so vieler unbeaufsichtigter Frauen nicht ertrugen, löste dies etwas aus. Sie wurden zu "Mashers". "Mashing" könnte man mit dem heutigen Begriff "Catcalling" übersetzen.

Aus Medien- und Zeitzeugenberichten sei die Lage in ganz New York fürchterlich gewesen. Vom Zoo, über die öffentlichen Verkehrsmittel bis hin zu einsamen Straßen: Nirgendwo waren Frauen von den übergriffigen Männern sicher. In dieser Zeit waren riesige Hüte in Mode gekommen, die aufgrund ihrer ausladenden Form nur mit einer Hutnadel auf dem Kopf der Damen fixiert werden konnten. Diese Hutnadel war oft bis zu 20 Zentimeter lang und mit einem sehr spitzen Ende ausgestattet.

Hutnadel, die echte Waffe der damaligen Frau.

Das Modeaccessoire wurde recht bald zu einer beliebten Selbstverteidigungswaffe, die selbst die Suffragetten befürworteten. Männer begannen diese Waffe ernsthaft zu fürchten, denn wenn sie mit einem zerkratzten Gesicht gesehen wurden, wusste das Umfeld Bescheid. In manchen amerikanischen Staaten hatte man sogar so viel Angst vor den selbstermächtigten Frauen, dass Abgaben für zu lange Hutnadeln eingeführt wurden.

Die Hutnadel-Panik hielt aber nur bis zum Ende der großen Hüte an. Im ersten Weltkrieg kamen kurze Frisuren wie der Bob in Mode und die Größe der Hüte passte sich dementsprechend der Haarlänge an. Das Schwert der Frau, wie die Hutnadeln von einem Politiker namens Herman J. Bauler genannt wurden, geriet in Vergessenheit. Doch der Kampf für die Freiheit der Frau wird in Erinnerung bleiben.