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#MeToo: Wo stehen wir heute in Österreich? Hat sich wirklich etwas verändert?

Vor zwei Jahren erschütterte die #MeToo-Bewegung die gesamte Welt. Ein erschreckendes Ausmaß an sexueller Belästigung kam ans Licht. Aber hat sich dadurch tatsächlich etwas geändert?

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#MeToo: Wo stehen wir heute in Österreich? Hat sich wirklich etwas verändert?
© iStockphoto.com

Zuerst "nur" eine Meldung, die in Hollywood ohnehin jahrelang ein offenes Geheimnis war. Eine Meldung von vielen. Aber diese Meldung, über die sexuellen Übergriffe und Belästigungen durch den mächtigen Filmproduzenten Harvey Weinstein schlug auf einmal ungeahnte Wellen. Denn sie wurde zum Anlass genommen, dass sich hunderttausende Frauen in sozialen Medien dazu äußerten, dass sie ebenso im Laufe ihres Lebens sexuell belästigt oder gar vergewaltigt wurden.

#MeToo (übersetzt: ich auch) war geboren und beherrschte den öffentlichen Diskurs weltweit wie kein anderes Thema im Jahr 2017. Aber wie sieht es 2019 aus? Hat sich durch #MeToo tatsächlich etwas geändert?

Es ist also fast zwei Jahre her, dass die #MeToo-Bewegung die öffentliche Aufmerksamkeit auf das Thema sexuelle Belästigung lenkte. Es schien, als würde das Bewusstsein für Übergriffe am Arbeitsplatz nachhaltig steigen und sich die Situation verbessern. Auch eine US-amerikanische Studie betreffend den anglo-amerikanischen Arbeitsmarkt bestätigt, dass die Zahl schwerer Übergriffe abgenommen hat und Frauen sich sicherer fühlen, solche tatsächlich zu melden. Dennoch berichten noch immer über 80 Prozent der befragten Frauen von Erfahrungen mit sexueller Belästigung.

Trügt der Schein oder hat sich seit #MeToo die Situation für österreichische Arbeitnehmerinnen wirklich verbessert?

Anders als in anderen Ländern hat #MeToo in Österreich nur wenige Skandale ans Tageslicht gebracht. Einer dieser Fälle betrifft die Tiroler Festspiele Erl, die bereits seit einiger Zeit mit Vorwürfen sexueller Belästigung durch den ehemaligen Festspielleiter Gustav Kuhn konfrontiert waren. Einige Künstlerinnen hatten diese in einem offenen Brief öffentlich gemacht. Nun, im Juli 2019, bestätigte die Gleichbehandlungskommission in ihrem Gutachten das Vorliegen sexueller Belästigung. Nachdem - wie leider allzu üblich in Fällen dieser Art - diverse Personen im Umfeld Kuhns versucht hatten, die Aussagen sowie die Glaubwürdigkeit der Frauen zu diskreditieren.

Eben diesen Bericht bezeichnete Kuhns Rechtsanwalt Michael Krüger in einem Interview als „rechtliches Nichts“. Harte Worte eines Juristen (und ehemaligen Justizministers) über das Ergebnis der Prüfung einer staatlichen Einrichtung, die schließlich eigens zur Feststellung möglicher Verletzungen des Gleichbehandlungsgebots eingerichtet wurde. Doch was heißt das in der Praxis?

„Diese Aussage klingt für die betroffenen Frauen vermutlich wie ein Hohn. Rechtlich gesehen ist es allerdings richtig, dass die Einhaltung von Empfehlungen der Gleichbehandlungskommission nicht mit Zwang durchgesetzt werden können. Weigert sich der oder die ArbeitgeberIn bzw. der Belästiger oder die Belästigerin die Empfehlungen umzusetzen, bleibt nur der Gang zu Gericht. Dieses kann den Sachverhalt dann allerdings auch anders bewerten. Im Gegensatz zum Verfahren vor der Gleichbehandlungskommission ist ein Gerichtsverfahren jedoch mit Kosten verbunden“, sagt dazu die Juristin Yara Hofbauer von der Unternehmensberatung upright, welche sich gezielt für die Verhinderung von sexueller Belästigung am Arbeitsplatz einsetzt. Wir haben sie und ihre Kollegin Alisha Akii gefragt, wo wir jetzt, in Bezug auf #MeToo stehen.

Keine großen Skandale bedeutet nicht, dass es keine Belästigungen mehr gibt

Und die beiden sind sich einig: Aus den fehlenden großen Skandalen darf nicht geschlossen werden, dass die österreichische Arbeitswelt belästigungsfrei wäre. Der Fall Kuhn habe mediale Aufmerksamkeit erregt, doch sexuelle Belästigung sei leider immer noch alltäglich.

Ein wesentliches Problem sei dabei, dass sich viele ArbeitgeberInnen damit schwertun würden, das Thema für ihr Unternehmen fassbar zu machen. „#MeToo hat sicherlich zu einem höheren Bewusstsein für sexuelle Belästigung bei der Arbeit geführt“, sagt Alisha Akii, „aber es muss ein nachhaltiges Umdenken stattfinden und dieses auch strukturell umgesetzt werden.“

Es gibt keine Branche, die gar nicht betroffen ist

Nach dem anfangs großen Zuspruch für die Bewegung und der öffentlichen Aufmerksamkeit war zu hoffen, dass Unternehmen mittlerweile aktiv gegen sexuelle Belästigung vorgehen und das selbstbewusst kommunizieren würden, „denn es gibt sicherlich Unterschiede, aber eigentlich keine Branche, die gar nicht betroffen ist.“ Trotzdem machen die beiden, deren Unternehmensberatung ArbeitgeberInnen im Umgang mit sexueller Belästigung am Arbeitsplatz berät, häufig die Erfahrung, dass immer noch die Scheu davor überwiegt, sich offen mit dem Thema zu befassen.

ArbeitgeberInnen scheuen immer noch den Umgang mit dem Thema sexuelle Belästigung

Das führe dazu, dass nur in recht wenigen Unternehmen Ansprechpersonen, Beschwerdestellen oder neutrale, klare Prozesse eingerichtet seien. Hofbauer: „Wenn die Zuständigkeiten nicht klar definiert sind, gibt es weiterhin Verunsicherung bei den potenziellen Verantwortlichen und erst recht den betroffenen Personen.“ Die zuständigen Anlaufstellen benötigen ein umfassendes Wissen über das Thema und einen erhöhten Sensibilisierungsgrad. Eine vertrauensvolle und zuverlässige Anlaufstelle erhöht auch die Wahrscheinlichkeit, dass Betroffene sich tatsächlich an diese wenden. Denn sich in seinem Arbeitsumfeld anzuvertrauen erfordert an sich schon einiges an Mut und Kraft.
Außerdem muss gewährleistet sein, dass ArbeitgeberInnen ihren gesetzlichen "Abhilfepflichten" nachkommen - denn in Österreich sind diese verantwortlich für ihre ArbeitnehmerInnen und Untätigkeit kann sogar zur Schadensersatzpflicht führen.

Es braucht Unternehmen, die Haltung zeigen und das Bewusstsein unter den MitarbeiterInnen fördern

Dass Betroffene wie im Fall der Festspiele Erl mit ihren Erlebnissen an die Öffentlichkeit treten, ist ein Kraftakt, zu dem bedauerlicher- aber auch verständlicherweise nur wenige bereit sind. Denn immer noch werden betroffene Personen mit Häme und starkem Gegenwind konfrontiert. „Umso wichtiger ist es, dass sexuelle Belästigung über alle Branchen hinweg auch weiterhin die nötige Aufmerksamkeit erhält. Es braucht Unternehmen, die Haltung zeigen, das Bewusstsein unter den MitarbeiterInnen fördern und ein offenes Klima und Unterstützung signalisieren“, so Akii.

Die vielfältigen Folgen von sexueller Belästigung

Dabei sollte das Wohl der MitarbeiterInnen im Fokus stehen und nicht nur juristische Aspekte. Dazu Hofbauer: „Die rechtlichen Folgen von sexueller Belästigung sind ein Faktor, auf den das Thema häufig reduziert wird. Dabei geht es um sehr viel mehr. Ebenso wichtig sollte die Frage sein, welche Konsequenzen die Belästigung auf eine Person, ihr Wohlbefinden und ihre beruflichen Entfaltungsmöglichkeiten hat. Erst zweitrangig ist es, ob die Belästigung einen rechtlichen Tatbestand erfüllt.“
#MeToo hat wichtige Impulse geliefert und den Diskurs vorangetrieben. Doch es fehlt leider immer noch am grundsätzlichen Bewusstsein für die negativen Auswirkungen, die sexuelle Belästigung auch ganz ohne rechtliche Folgen nach sich ziehen kann.