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Mezzosopranistin Elisabeth Kulman im WOMAN-Talk über Beziehungsdeals & Co.

Die Mezzosopranistin gilt neben Netrebko und Garanca als dritte Primadonna. Wir haben die Burgenländerin zum Interview getroffen.
Leider kam es nach dem Interview zu folgender Meldung: Wegen eines Arbeitsunfalls ist Elisabeth Kulman zu Konzertabsagen gezwungen! (Mehr dazu am Ende des Interviews!)


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WOMAN: Frau Kulman, bevor Sie im Oktober zum 200. Geburtstag von Franz Liszt eine CD herausbringen, singen Sie am 28.und 31. Juli bei den Salzburger Festspielen „Das klagende Lied“ von Gustav Mahler – eine Erzählung angelehnt an das Grimm-Märchen, wo ein Bruder aus Machtgier um die Thronbesteigung den anderen tötet. Haben Sie sich mit Ihrem Bruder Raphael, der zwei Jahre älter ist als Sie, auch öfter Grabenkämpfe geliefert?

Kulman: Und wie! Als Kinder haben wir irrsinnig gestritten. Ich habe jetzt noch Narben. Schauen Sie, dieses Loch im Schienbein kommt daher, dass er mir mal ein spitzes Wurfgeschoss hineinrammte. In der Pubertät mutierte er zum sanftesten Wesen überhaupt und seither ist er ein Lämmlein. Verheiratet, zwei Kinder und lebt im Burgenland.

WOMAN: Ließen Sie sich Raphaels Gemeinheiten gefallen?

Kulman: Nein, ich war immer burschikos, nie verweichlicht und hab mich natürlich mit ihm angelegt. Ich war ein verhundster Bua, hatte überall Schrammen und machte mir gar nichts aus dem Prinzessinnen-Traum, wie ihn viele Mädchen haben. Ich trug nur Hosen! Erst als Teenager entdeckte ich die Vorzüge der Weiblichkeit. Heute bin ich glücklich eine Frau zu sein und reiße mich nicht um die Hosenrollen. Ich will meine Weiblichkeit, zum Beispiel ein schönes Dekolleté, nicht verstecken. Auf der Bühne muss ich das meist eh.

WOMAN: Was finden Sie an sich schön?

Kulman: Meine Haare. So eine Mähne hat nicht jeder. Deshalb schneide ich sie auch nicht ab.

WOMAN: Tut’s Ihnen leid, dass Ihre Stimme zur Sopranistin nicht gereicht hat und Sie sich im Altfach ansiedeln mussten?

Kulman: Nein, das war halt so. Mein Körper hat mir die Grenzen aufgezeigt – ich treffe die ganz hohen Töne eben nicht mit Leichtigkeit, sondern nur mit Anstrengung. Durch diese Erkenntnis bin ich meinem inneren Wesen näher gekommen. Ich habe begriffen, dass das Leben zu kurz ist für Kompromisse. Ich lasse mir nichts umstülpen, was nicht zu mir passt.

WOMAN: Hat das jemand schon mal probiert?

Kulman: Ja, ich bekam mal ein unmoralisches Angebot. Doch ich lehnte ab, weil ich mir selbst treu bleiben will. Auch wenn ich deshalb mitkleinen Nebenrollen gestraft wurde und zwei Jahre auf der Ersatzbank saß, habe ich nie den Glauben daran verloren, dass ich eines Tages in der ersten Ligamitspiele. Spätestens seit meinem Debüt bei den Salzburger Festspielen imVorjahr bei „Orpheus und Eurydike“ und „Anna Bolena“ an der Wiener Staatsoper, wo ich Netrebkos Pagen Smeton gab, hat man mein Potenzial erkannt und schätzt es!

WOMAN: Haben Sie jetzt noch Lampenfieber?

Kulman: Wenn ich in der Oper bin, ist es wie in einer Art Familie. Ich denke gar nicht so daran: was wird das Publikum denken? Ich schaue, dass ich mit meiner künstlerischen Leistung zufrieden bin und michimmer noch um ein Stück steigere. Ich freu mich schon auf Salzburg, da gibt’s sicher eine Gelegenheit, wieder mit den Kollegen im „Triangel“ ein Bier trinken zu gehen. Aber tiefe Freundschaften entwickeln sich schwer. Wir sind alle viel zu flatterhaft.

WOMAN: Während „Anna Bolena“ hat die Netrebko am Abend mal bei sich zuhause für Sie gekocht!

Kulman: Nicht nur für mich, sondern für das ganze Team. Sie hat Salate zubereitet und leckere russische Speisen. Sie ist eine perfekte Gastgeberin, eine fantastische Köchin. Die Frau hat Geschmack! Und man spürt, dass ihr das Bewirten große Freude macht. Ständig scharwenzelte sie um den Tisch herum, schenkte Wein nach und reichte Brot. Sie hat sich aber damit keinen Stress gemacht, sondern war total entspannt dabei. Die Frau ist wirklich cool! Diese Bodenständigkeit und Natürlichkeit gefällt mir.

WOMAN: Als Burgenländerin sind sie aber auch verwurzelt und kennen das einfache Leben, oder?

Kulman: Ja. Mein Vater war Beamter, er lebt leider nicht mehr, und meine Mutter Hausfrau. Ich mag diese Einfachheit und die Opernwelt mit ihrem ganzen Schein war mir immer suspekt. Ich dachte, alle Opernsängerinnen sind Walküren! Oder Diven, die mit Federboa herumlaufen und die Puppen tanzen lassen. Ich bin ein bescheidener Mensch, brauch keine zwei Kästen voll mitglamourösen Kleidern. Obwohl ich’s hab (lacht) . Ich komme mit wenig aus – im Kopf und prinzipiell. Und so habe ich immer das Gefühl für das Wesentliche. Für das, was wichtig ist.

WOMAN: Was ist Ihnen wichtig?

Kulman: Mich selbst nicht zu verraten und zu verleugnen. Als Mensch durchläuft man ja viele Entwicklungsstufen, aber jetzt kann ich sagen: ich bin ich! Mögt mich oder lasst es bleiben! Ich werde mich nicht verstellen oder mich jemandem anbiedern. Man kann nicht jedem gefallen. Aber diese Erkenntnis ist wirklich ein langer Weg. Als Künstlerin kämpfte ich nämlich oft um die Aufmerksamkeit so nach dem Motto „Seht doch her, was ich kann!“ Mit den Salzburger Festspielen hatte ich plötzlich ein unglaubliches Renommee. Und seit dem Hype um „Anna Bolena“ kann ich wirklich loslassen, muss niemandem mehr was beweisen. Das ist ein sehr befreiendes Gefühl! Anna Netrebko hat mich dazuinspiriert.

WOMAN: Inwiefern?

Kulman: Bei den Proben war sie immer total relaxt. Sie hat’s nicht nötig die „Anna Bolena“ zu singen – finanziell oder vom Standing her – die Frau hat schon alles erreicht, was man erreichen kann. Sie singt nur, weil es ihr Spaß macht, nicht um zu zeigen: „Ich kann Belcanto singen“.

WOMAN: Wie ist es eigentlich für Ihre Mama, wenn sie sich Ihre Karriere ansieht?

Kulman: Schön, denke ich. Sie kommt oft zu meinen Konzerten und das Singen war auch immer ihr Traum. Meine Mutter ist Organistin in derKirche. Deshalb musste ich sonntags und auch unter der Woche immer zur Heiligen Messe gehen. Ich war sogar Ministrantin. Ich habe auch immer gern gesungen, war bei einer ungarischen Volkstanzgruppe dabei. Und als ich nach der Matura meinte, ich will Slawistik studieren undGesang, blieb ihr nichts anderes übrig, als mich zu lassen. Denn ich war Vorzugsschülerin, maturierte mit lauter Einsern und war zudem extrem rebellisch. Die Pubertät mit mir war sicher die Hölle! Meine Mutter ist – wie ich auch – eine sehr starke Persönlichkeit und das war Ursache für viele Konflikte.

WOMAN: Bleiben wir kurz bei den Noten: Waren Sie eine Streberin?

Kulman: Nein, aber ich habe schnell gelernt. Die Schule war eine Spielerei! Geschichte und Geographie haben mich zum Beispiel nicht besonders interessiert. In Mathe war ich Klassenbeste und wenn niemand die Aufgaben lösen konnte, erwarteten alle von mir, dass ich es kann. Deshalb brütete ich solange, bis ich die Lösung hatte. Alles andere wäre eine Niederlage gewesen! Dafür ist die Diplomarbeit meines Sprachstudiums noch ausständig. Die Musik war mir wichtiger...

WOMAN: Und was war mit den Burschen? Gingen sich bei all dem beruflichen Ehrgeiz auch Beziehungen aus?

Kulman: Naja, nix G’scheites! Es gab Phasen, wo mir Beziehungen völlig wurscht waren. Vor allem in dem Jahr des Fachwechsels, wo ich elf Partien studierte, um alles neu aufzubauen. Jetzt bin frei von dem Druck, eine bestimmte Leistung erbringen zu müssen. Mein Freund Georg Breinschmid hat mich diesbezüglich sicher unterstützt. Ein Partner gibt einem immer Kraft, allein schon, weil er dich gern hat. Mit ihm bin ich nun seit fünf Jahren zusammen. Wir lernten uns während einer CD-Produktion kennen. Und dadurch, dass wir ähnliche Jobs haben – er ist Jazzmusiker, Kontrabassist – bringen wir das nötige Verständnis für einander auf. Wir erleben beide gerade einen tollen Karriereflow.

WOMAN: Haben Sie keine Angst, dass Sie sich dadurch als Paar verlieren oder zumindest entfernen?

Kulman: Nein, denn die Gefahr besteht nur dann, wenn dieBalance nicht stimmt. Wenn einer also super erfolgreich ist und der andere nicht weiter kommt. Das, was wir haben, ist ein unglaubliches Glück.

WOMAN: Sie wohnen auch zusammen und abends ziehen Sie beide sich jeder in ein anderes Zimmer zurück und üben. Regen sich da nicht die Nachbarn auf?

Kulman: Bis jetzt nicht. Mich wundert’s eh!

WOMAN: Und was machen Sie gemeinsam?

Kulman: Chinesisches oder japanisches Essen im Internet bestellen oder wir schauen DVDs am Laptop – Kino schaffen wir selten. Und wir produzieren unsere eigenen CDs, das sind unsere Babys.

WOMAN: Gutes Stichwort: Elina Garanca ist gerade schwanger. Wollen Sie auch bald Mama sein?

Kulman: Es ist so unpopulär das zu sagen: aber wir wollen keine Kinder. Und auch eine Heiratsurkunde hat für unsere Liebe keine Bedeutung. Ich bin Patentante bei der älteren Tochter meines Bruders. Das ist toll, aber ich bin viel zu sehr Feuer und Flamme für meine Berufung, da ist für was anderes kein Platz. Ich war mal in der Sauna und sprach mit einem Kollegen genau über dieses Thema. Und plötzlich mischte sich eine fremde Dame ein: „Ja, warum wollen’S denn keine Kinder haben, Gnädigste? Kinder sind doch so was Schönes! Sie haben doch keine Ahnung, wovon Sie reden...“ Das war absurd - und ich mag mich dafür nicht rechtfertigen müssen.

WOMAN: Müssen Sie eh nicht. Aber vielleicht passiert’s ja eines Tages doch...

Kulman: Darüber denke ich nach, wenn’s soweit ist. Abtreiben werde ich sicher nicht!

WOMAN: Was ist das Beste an Ihrer Beziehung?

Kulman: Dass Georg mich dazu bringt, ich selbst zu werden. Bei ihm kann ich sein, wie ich bin. Das ist das Schönste, was ein Mensch einemanderen schenken kann.

WOMAN: Und das war mit vorigen Männern nie so?

Kulman: Ich war immer sehr wählerisch...

WOMAN: Aber Sie hatten schon Sex vor Georg?

Kulman: (lacht schallend) Das würde ich schon so sagen! Meine Mutter war entsetzt, als ich schon mit 14 meinen ersten Freund anschleppte! Mit dem war ich sogar zwei Jahre zusammen. Aber übernachten durfte er nie bei mir.

WOMAN: Wie war Ihr erstes Mal?

Kulman: (lacht) Jetzt ist es besser! Man lernt ja dazu...

WOMAN: Zurück zur Arbeit: Ende August debütieren Sie bei der Ruhrtriennale als „Brangäne“ in „Tristan und Isolde“.

Kulman: Genau, ich bin Isoldes Vertraute und tausche den Todestrank, den Isolde aus Verzweiflung nehmen will, gegen einen magischen Liebestrank aus. Daraufhin verliebt sie sich unsterblich in Tristan. Ich fungiere sozusagen als Liebesstifterin.

WOMAN: Kuppeln Sie manchmal auch privat?

Kulman: Nein. Ich mag das auch nicht, wenn das mit mir jemand versucht. Bei Georg und mir hat niemand nachgeholfen, wir haben selbst gemerkt, dass wir uns mögen. Er hat mich ganz klassisch umworben – und ich hab das genossen, denn zu dem Zeitpunkt lautete mein Credo: „Ich renn keinem Mann mehr nach. Wenn, dann muss der Mann mir nachrennen!“ Ich war davor oft initiativ gewesen, aber letztlich ging das immer in die Hose. Ich hab immer mehr Liebe geschenkt als die anderen. Da beschloss ich: „Das will ich nimmer, das tut mir zu weh.“ Georg hat mich umgarnt, mir so viel Aufmerksamkeit geschenkt, wie es sich jede Frau wünscht...

WOMAN: Hat Georg auch einen Nachteil?

Kulman: Er war 20 Jahre lang extrem starker Raucher, rauchte Kette und zwei Packerl am Tag. Das kam überhaupt nicht in Frage. Für mich hat er über Nacht aufgehört. Das hat mich so beeindruckt, dass ich meinen Teil unseres Deals auch einlöste: ihm treu zu sein!

WOMAN: Ihr Laster war also die Freigeistigkeit...

Kulman: Wenn das ein Laster ist! Bis jetzt funktioniert es super – für uns beide. Georgs Liebe erfüllt mich so, dass ich niemanden anderen brauche. Obwohl in unserem Metier ja tendenziell die sexuellen Freidenker zu finden sind!
Musik ist eben erotisierend!

WOMAN: Wenn man auf der Bühne küssen muss, können da auch mal die Schmetterlinge im Bauch aufsteigen?

Kulman: Dort ist alles erlaubt. Ich lass auf der Bühne alles zu. Und das stört Georg nicht. Letztens haben wir über einen Mann, den ich sehr interessant finde, gesprochen und ich sagte zu Georg: „Wenn ich jetzt nicht mit dir zusammen wäre, würde ich den nicht von der Bettkante stoßen!“ – Er reagiert dann immer so süß und sagt „Gut, dass WIR jetzt zusammen sind!“ Wir reden offen über alles...

WOMAN: Es heißt „Gelegenheit macht Diebe“. Und auch Georg könnte es passieren. Wären Sie dann Freigeist genug, um einen Seitensprung zu verstehen?

Kulman: Das macht Georg nicht. Aber aus Erfahrung weiß ich, dass jedes Fremdgehen belastend ist und einem nur Kraft nimmt. Besser ist es, wie es jetzt ist.

WOMAN: Mögen Sie privat Theatralik? Verwirrung im zweiten Akt, Versöhnung im dritten...?

Kulman: Diese Machtspiele und Szenen kann ich nicht leiden. Ich knalle höchstens mit den Türen, wenn ich sauer bin. Ich bin ein grader Michl und gerade, wenn’s um Gefühle geht, die weh tun können, lass ich die Finger von Strategiespielchen.

MEHR zu Elisabeth Kulman finden Sie in WOMAN 15/2011!

Interview: Petra Klikovits

Dramatischer Bühnenunfall bei der ersten szenischen Probe (19. Juli 2011) zu “Tristan und Isolde” in Bochum
Im Zuge der szenischen Arbeit kam es durch ein Missgeschick zu einem heftigen Schlag direkt auf den Kehlkopf der Sängerin, einhergehend mit totalem Stimmverlust sowie starken Schwellungen und Einblutungen der Stimmlippen. Die Sängerin wurde sofort ins Bochumer St. Elisabeth-Hospital eingeliefert und stationär behandelt. Nach Einschätzung der Ärzte ist unter Einhaltung absoluter Stimmruhe mit einer langsamen Genesung innerhalb der nächsten Wochen zu rechnen. Die Chancen auf vollständige Heilung ohne bleibende Schäden sind gut.

"Ich bin von dem Unfall zutiefst geschockt, denn der Kehlkopf ist der empfindlichste Körperteil, quasi die Achillesferse des Sängers/der Sängerin. Die Stimme zu verlieren, ist ein Alptraum; sie ist unser Kapital, unsere Stradivari. Ich bin dankbar und glücklich, dass die Zeichen gut stehen, dass ich meinen geliebten Beruf irgendwann, hoffentlich bald, wieder ausüben darf!"

Die geplanten Auftritte der nächsten Wochen musste Elisabeth Kulman mit großem Bedauern absagen. Davon betroffen sind zwei Mahler-Liederabende gemeinsam mit dem Ensemble Amarcord Wien beim Festival RheinVokal (24. Juli 2011) und beim Attergauer Kultursommer (26. Juli 2011) sowie Gustav Mahlers "Das klagende Lied" mit den Wiener Philharmonikern unter Pierre Boulez am 28. und 31. Juli 2011 bei den Salzburger Festspielen.