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Michael Hufnagl: "Mein Baby"

Noch nie hat WOMAN-Kolumnist Michael Hufnagl so viele Leserbriefe für einen seiner Texte bekommen, wie für diesen. Ein wunderschöner Papa-Text, der zu Tränen rührt.


Michael Hufnagl - Mein Baby Kolumne

Und plötzlich werden sie groß...

© istockphoto.com

Gestern stand WOMAN-Kolumnist Michael Hufnagl live auf der Bühne im CasaNova, um dort aus seinen aktuellen und besten Kolumnen vorzulesen. Michael Hufnagl bekommt laufend Leserbriefe aber ein Text - ja ein ganz spezieller - hatte es den Leserinnen besonders angetan. Im Text "Mein Baby" beschreibt Michael Hufnagl, wie es sich für einen Vater anfühlt sein Baby loszulassen, dabei zuzusehen, wie es ein Teenie und unabhängiger Mensch wird und zu realisieren, wie schnell die Zeit vergeht. "Es war der Text auf den mit Abstand die meisten Leserinnen reagierten", erzählt Michael. "Noch nie habe ich so viele Leserbriefe bekommen." Hier kannst du den Papa-Text noch einmal nachlesen:

"Mein Baby" von Michael Hufnagl

Ich hätte es mir nicht gedacht. Niemals hätte ich mir das gedacht. Aber jetzt muss ich es doch aufschreiben. In meiner Küche hängt ein Bild. Gleich dort, wo sich der Toaster und die Kaffeemaschine befinden. Also an jenem Ort, wo durchaus regelmäßig mit kleineren Wartezeiten zu rechnen ist. Und während derer ich jeden Tag Gelegenheit hätte, mir das Bild anzusehen. Tue ich aber natürlich nicht. Unser Leben ist so voller Tun, voller Rhythmus, voller Selbstverständlichkeit, dass auch die alltägliche Wahrnehmung kaum je Überraschungen bereit hält. Wir wissen, wer wir sind, wo wir sind, und wir können jedes Detail unseres Seins im Schlaf abrufen. So betrachten wir auch immer wieder die gleichen Möbel, Pflanzen oder gar Menschen, ohne uns gelegentlich diesen einen Augenblick bewusster Aufmerksamkeit zu gönnen.

Aber dann, vor wenigen Tagen, geschieht es. Ganz plötzlich. Ich beginne nach sehr langer Zeit, wieder einmal das Bild zu betrachten. Möglicherweise so intensiv wie noch nie zuvor in meinem Leben. Auf dem Bild, das ein großes gerahmtes Foto ist, bin ich zu sehen. Ich liege mit geschlossenen Augen auf einem Sofa, ein paar Haarsträhnen (ja, die hatte sogar ich einmal) fallen mir ins Gesicht. Und auf meiner Brust liegt ein schlafendes Baby. Meine Tochter. Ich halte dieses winzige, zauberhafte Wesen mit beiden Händen fest. Große Hände, kleiner Mensch. Große Zärtlichkeit, unendlich viel Liebe. Mehr geht nicht. Mehr Wärme kann ein Bild unmöglich ausstrahlen.

Ich schaue und schaue und schaue. Ich bin allein. Um mich herrscht Stille. Und ich merke, wie sehr sich mein Blick verdichtet, und dass sich langsam Tränen bilden. Jetzt muss ich mich entscheiden. Die Situation beenden, und etwas tun, wie immer, das mich der Hingabe entreißt. Oder mich einlassen. Mich meiner Geschichte und dem eigenwilligen Schmerz hingeben. So soll es sein. Ich verharre und betrachte mein Kind. Ich schenke mir als leidenschaftlicher Vater Momente der Erinnerung und Gedanken an das vergangene Wir.

Ein Rückblick jagt den anderen. Mit einem Mal geht alles so schnell. Es war einmal das Füttern, das Vorlesen, das Kuscheln. Es war einmal das Spielen, das Schaukeln, das Basteln. Es war einmal diese bedingungslose Gemeinsamkeit. Ich lächle und weine gleichzeitig. Wo ist die Zeit geblieben? Wieso ist alles so schnell vorüber gegangen? Was ist nur aus meinem Baby geworden?

Ich habe früher oft geschmunzelt über die Mütter, die ausgerechnet in meiner Anwesenheit ihre Sentimentalität offenbarten. Ich war zu realistisch, zu lässig, vielleicht zu männlich für die Melancholie. Die Natur ist ein Kommen und Gehen, Kinder werden geboren, älter und erwachsen. Bis sie selbst Kinder kriegen. So einfach ist das. Das nennen wir Leben. Aber es gibt eben noch mehr. Zum Beispiel die Fähigkeit zum Innehalten und Fühlen.

Michael Hufnagl - Mein Baby Kolumne

Meine Tochter ist heute sechzehn Jahre alt. Und an der tiefen Liebe hat sich nichts geändert. Aber die Zeit ist lange vorbei, in der ich Heiratskandidat Nummer eins war. Jetzt erzählt sie Geschichten von Freundinnen, die Sex haben, von Freunden, die kiffen, und von Partys, auf denen alles erwünscht ist, nur ja kein Besuch liebender Eltern. Und während ich das Baby auf meiner Brust betrachte und die vielen Bilder in den vielen Farben vorüberziehen, denke ich mir immer wieder: Meine Güte! Gestern konnte sie noch nicht gehen, und heute fliegt sie schon davon. Ohne mich. In ihre eigene Welt. Und ich kann ihr dabei nur zusehen, sie hin und wieder bei der Hand nehmen und ihr zuflüstern: Wenn Du mich brauchst, ich bin da. Immer.

Das ist schön. Und es tut weh. Auch einem starken Vater. Oder wer weiß, vielleicht dem ganz besonders. Tausend Spitznamen fallen mir ein. Jeder für sich ein Ausdruck der Umarmung in Worten. Und jeder längst ein Tabu. Ich muss laut lachen. Was für ein Bild! Das Kind ist keines mehr. Mir rinnen tatsächlich die Tränen über die Wangen. Ich hätte es mir nicht gedacht. Niemals hätte ich mir das gedacht.

WOMAN-Kolumnist Michael Hufnagl

Themen: Eltern, Kinder

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