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Schluss mit dem Hammer im Kopf!

Viele Betroffene sind am Verzweifeln. Nichts scheint gegen die rasenden Kopfschmerzen zu helfen. Auslöser dafür gibt es viele. Hormone, Darmbakterien, auch mentale Belastungen spielen mit. Hier die neuesten Erkenntnisse.

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Schluss mit dem Hammer im Kopf!
© istockphoto.com

Der Kopf pocht wie verrückt, oft nur auf einer Seite. Licht und Lärm sind beinahe unerträglich, dazu kommt häufig Übelkeit bis hin zum Erbrechen. Gut zehn Prozent aller Österreicher, vorwiegend Frauen, leiden unter Migräne-Attacken. Manche Betroffene haben sie mehrmals im Monat, andere nur ein bis zwei Mal im Jahr. Dahinter steckt eine neurobiologische Funktionsstörung, so viel ist sicher. Die genauen Ursachen und was dabei im Gehirn passiert, versteht die Wissenschaft jedoch noch nicht vollständig. Erbliche Faktoren spielen eine Rolle, aber nicht alle Betroffenen sind familiär vorbelastet. Ein relativ neues Forschungsgebiet in dem Zusammenhang sind der Darm und seine Bakterienflora. Auch die hormonelle Situation hat großen Einfluss. Auslöser des quälenden Kopfwehs sind etwa Stress und mentale Einflüsse. Wir haben mit drei Experten gesprochen.

Unklare Ursachen

Zu viele Botenstoffe. Was bei einem Migräneanfall passiert, weiß man: Das Gehirn setzt plötzlich vermehrt Botenstoffe frei, vor allem große Mengen Serotonin, das eigentlich als Glückshormon bekannt ist. Durch die übergroße Ausschüttung wird die Durchblutung schlechter, was eine Kettenreaktion in Gang setzt. Unter anderem werden die Schmerzrezeptoren empfindlicher. Erst wenn sich das System beruhigt hat, vergehen die Qualen und das Gehirn ist wieder voll leistungsfähig. Sind die Ursachen einer Attacke auch noch nicht ganz klar, so sind die Trigger, die Auslöser, relativ gut bekannt. "Ein Trigger ist wie der erste Stein in einer langen Reihe von Dominosteinen. Fällt er um, setzt er einen Prozess in Gang", erklärt der Arzt, Migränespezialist und Autor Dr. Ulrich Selz. Im Buch "Migräne Ade!" (caralin Verlag, € 30,80) beschreibt er neue Erkenntnisse & Sichtweisen sowie eine ganze Lawine von möglichen Triggern wie: Veränderungen im Tagesablauf, zu wenig Schlaf, Alkohol, Lärm, beruflicher oder privater Stress und körperliche oder psychische Erschöpfung. Auch Wetterumschwünge, Medikamente sowie bestimmte Nahrungsmittel können Migräne begünstigen. Häufig sind auch hormonelle Schwankungen, durch die Schilddrüse oder durch das weibliche Sexualhormon im Verlauf des Zyklus ausgelöst, Ursache eines Anfalls. "Oft tritt der typische Kopfschmerz das erste Mal in der Pubertät auf, wenn sich die Hormone umstellen. Und viele Frauen haben immer an einem ganz bestimmten Punkt in ihrem Monatszyklus eine Attacke. Die muss nicht unbedingt mit dem Einsetzen der Blutung zusammenfallen", weiß Dr. Selz und mahnt zur Vorsicht bei hormoneller Verhütung: "Manche Patientinnen profitieren anfangs von der Pille. Erfahrungsgemäß hat sie aber langfristig keine positive Auswirkung, eher umgekehrt." Klären deshalb deinen kompletten Hormonstatus unbedingt mit einem Facharzt ab.

Linderung bei akuten Anfällen versprechen zwei Arten von Schmerzmittel: Jene aus der Gruppe der Triptane und nicht-steroidale Antirheumatika. Langfristige Behandlungserfolge, die die Anfalldichte auch verringern können, zeigen Akupunktur, Wärmetherapien, Massagen oder Osteopathie, da oft auch Spannungen im Bewegungsapparat Auslöser sind. Besonders intensiv wird aktuell der Zusammenhang zwischen Darm und Migräne erforscht.

Die Darm-Hirn-Achse

Durchlässig. Dass bestimmte Nahrungsmittel Migräne-Attacken auslösen, wissen praktisch alle Betroffenen. Selz erwähnt, dass oft Nahrungsmittelunverträglichkeiten wie Lactose- oder Histaminintoleranz dahinterstecken. Lasse dich deshalb auf eventuelle Sensibilitäten testen. Vermeidet man die entsprechenden Lebensmittel, hilft das vielen. Neue Erkenntnisse weisen allerdings darauf hin, dass das nur die Spitze des Eisberges ist. "Man muss den Darm & seine Funktionsweise in viel größerem Zusammenhang sehen", betont Allgemeinmedizinerin Hilke Müller, die sich in ihrer täglichen Praxis intensiv mit dem Darm und seiner Auswirkung auf den gesamten Körper – auch auf das Gehirn – auseinandersetzt. Denn bestimmte Bakterienstämme des Mikrobioms im Bauch werden mit dem Kopfschmerz in Verbindung gebracht. Wieso das? Hilke Müller erklärt: "An sich bildet der Darm mit dem Mikrobiom eine Barriere. Nährstoffe und Vitamine, die in den Blutkreislauf dürfen, werden von toxischen Substanzen, die ausgeschieden werden müssen, getrennt. Entzündungen können diese Barriere allerdings durchlässig machen. Dann gelangen toxische Substanzen in den Blutkreislauf. Man nennt das 'Leaky Gut'-Syndrom." Über das Blut kommen die Giftstoffe in die Leber, wo sie eigentlich noch einmal gefiltert werden. Doch wenn unser größtes Entgiftungsorgan durch ein Übermaß an Toxinen überlastet ist, können diese sogar bis ins Gehirn vordringen. Dort schwächen sie bestimmte Immunzellen des Gehirns, ein Migräne-Anfall kann entstehen."

Und wie kommt es zu solchen Entzündungen? "Der Darm ist der Hauptsitz unseres Immunsystems. Beim gesunden Menschen leben dort bis zu 500 verschiedene Bakterienstämme, die jeweils bestimmte Aufgaben erfüllen. Je mehr davon durch dauerhaft falsche Ernährung, wie zu viel Gluten aus dem Weizen, übermäßigen Zuckerkonsum oder verarbeitete Fette in Fertigprodukten, absterben, desto schwächer wird das Immunsystem und versucht sich mit Entzündungen gegen diese schlechten Einflüsse zu wehren. Auch ständiger Stress, Infektionskrankheiten oder gehäufte Antibiotikagaben greifen die Darmflora an", erläutert die Expertin. Je nachdem welche Bakterien im Mikrobiom fehlen, kann das die Ursache für die eine oder andere Krankheit sein. Bei Migräne fehlen speziell jene, die Buttersäure produzieren. Die Forschung nimmt mittlerweile an, dass dieses Mangelproblem sogar

Heilung durch Darmsanierung

Regeneration. Was tut man also, wenn man ein "Leaky Gut"-Syndrom vermutet? Eine gezielte Untersuchung gibt es nicht. Die beste Hilfe ist eine Darmsanierung. Diese kann man mit professioneller Unterstützung machen, am besten in einem F. X.-Mayr-Zentrum (z. B. La Pura Women's Health Resort im Kamptal, Vivamayr in Altaussee, Parkhotel Igls bei Innsbruck). Wer selbst zu Hause etwas für sich tun will, startet mit drei Wochen Entgiftungskur mit basischer Ernährung. Das bedeutet: kompletter Verzicht auf Alkohol, Zucker, Fleisch, Fisch und Milchprodukte. Stattdessen kommen viel (grünes) Gemüse, Kartoffeln, scharfe und bittere Pflanzenstoffe, Vollkorngetreide, Hülsenfrüchte, alles schonend gegart, und hochwertige pflanzliche Öle auf den Teller. Das kann nicht nur Migräne verbessern, der Wohlfühlfaktor steigt generell.

Stress als Trigger

Mentale Ursachen. Doch Migräne muss nicht nur von körperlichen Faktoren ausgelöst werden. Auch psychische Belastungen kommen als Trigger infrage. "Ärger, den man in sich hineinfrisst, kann etwa Stresssituationen, die das Immunsystem schwächen, hervorrufen", erläutert Lebens- und Sozialberaterin Maria Feytl. Sie arbeitet schwerpunktmäßig mit Migräne-Betroffenen und macht sich mit ihnen auf die Suche nach unbewussten Stressmustern (migraene.coach). "Überlegen Sie, wann die Kopfschmerzen das allererste Mal aufgetreten sind. Ist da etwas Bestimmtes passiert? Kann es sein, dass Ähnliches im Vorfeld eines Anfalls geschieht? Da können sich unbewusste Muster zeigen." Eine wichtige Frage ist auch, wie man mit sich selbst umgeht. Gönnt man sich nötige Pausen oder betreibt man ständig Raubbau an den eigenen Kräften?" Die Migräne kann auch eine Art Handbremse gegen Überforderung sein", gibt Feytl den Hinweis. Es lohnt sich, auch diesem Ansatz einmal nachzugehen.