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Miste doch mal dein Hirn aus!

So viele Gedanken, so viele Sorgen und immer so viel zu tun. Um wieder klarer zu sehen und innerlich zur Ruhe zu kommen, braucht der Kopf seine Auszeiten. Aber was hilft beim Ausmisten "da oben"? Es muss nicht immer Meditieren sein, auch Tagträume und Nichtstun bringen viel.

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Miste doch mal dein Hirn aus!
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Blitzschnell - und sehr anpassungsfähig. Das menschliche Gehirn ist ein Wunderwerk, das sich auf veränderte Bedingungen perfekt einstellen kann. Sogar auf die Ruhelosigkeit, die unsere Zeit prägt -zwischen Smartphone checken, Small Talk und all den Eindrücken, die uns von der Außenwelt ins Bewusstsein und Unterbewusstsein gespült werden.

60.000 Gedanken sind es, die Menschen pro Tag beschäftigen. Nur drei Prozent davon sind positiv.

60.000 Gedanken sind es, die Menschen pro Tag beschäftigen, heißt es in Studien. Nur drei Prozent davon sind positiv. Man sorgt sich gern. Doch das verursacht Stress für Körper und Kopf. "Gehirn und Geist interagieren permanent. Gedanken an Dinge, die uns beschäftigen und belasten, führen zu physiologischen Stressreaktionen", sagt Gerhard Blasche, Erholungsforscher an der MedUni Wien. "Je mehr solcher Gedanken, desto größer die wechselseitige Verstärkung." Ein fataler Kreislauf. "Daher wäre es ein wichtiges Ziel, den Geist zu besänftigen, um auf diese Weise den Körper zu beruhigen".

Nicht einfach. Überlastung prägt unsere Zeit, Nonstop-Tun zählt zu den Lifestyle-Accessoires der Moderne. Fragt man Menschen, wonach sie sich sehnen, antworten mehr denn je: nach Ruhe, nach Stille. Und was tun sie im Urlaub? Sie sind erst wieder rastlos und arbeiten To-do-Listen ab. Es ist eben nicht einfach, mentale Gewohnheiten zu überlisten. Detox fürs Gehirn, das wär's - heißt: regelmäßige Pausen im Kopf. Ausmisten, endlich! Aber wie geht's, ohne dass man sich für immer ins Kloster zurückziehen muss?

Stress? Überforderung?

ZEITDRUCK UND ZERISSENHEIT. Zunächst die Frage, was verloren gegangen ist und was wir uns wieder aneignen sollten, um zur Ruhe zu kommen. Fleur Sakura Wöss veranstaltet Zen-Seminare, meditiert selbst seit vielen Jahren und hat ein Buch geschrieben: "Innehalten. Zen üben. Atem holen. Kraft schöpfen" (Kösel). Sie meint: "Es ist der Zwischenraum, der fehlt. Früher wurden Auszeiten dazu benützt, innezuhalten. Heute leben wir in anstrengenden Zeiten, alles ist machbar. In vielen Bereichen hat das, was ist, überhandgenommen. Es gibt von allem zu viel: zu viele Informationen, Ideen, Vorgaben, Ziele. Demgegenüber sind uns die Freiräume in den vergangenen Jahrzehnten mehr und mehr abhandengekommen." Menschen, die zu ihr meditieren kommen, klagen über Stress und Überforderung. Wöss bat sie, niederzuschreiben, was sie Kraft kostet. Auf den Flipcharts stand dann etwa: "Wenn alles auf einmal passiert und erledigt werden muss","innere Zerrissenheit", "Zeitdruck" sowie "Ablenkung von eigentlichen Vorhaben".

Ein wichtiges Ziel ist es daher, Räume zu schaffen, wo nichts passiert

Um einen eigenen Rhythmus zu finden und zu inneren Freiräumen, wäre wichtig, sich selbst und seinen Körper vermehrt zu spüren und zu beachten. "Er gerät immer mehr in den Hintergrund, alles wird mit dem Geist gemacht", meint Wöss. "Stopfhirn" nennt sie das: "Permanent tun wir etwas ins Hirn, stopfen es zu, es wird nie leer". Wöss vergleicht den unruhigen Geist mit dem Wasser eines Steppensees: "Jedes Mal, wenn ein Mensch hineinwatet, wird Schlamm aufgewühlt, sodass eine braune, undurchsichtige Brühe entsteht. In so einem Zustand befindet sich unser Geist die meiste Zeit. Andauernd wirbeln wir Schlamm in unserem Leben auf." Ein wichtiges Ziel sei es daher, Räume zu schaffen, wo nichts passiert und die "Außenantennen" eingefahren werden, mit denen viele durchs Leben gehen. Wöss: "Diese Außenantennen führen dazu, dass wir uns verlieren, wir ziehen uns quasi von uns selbst weg." Gelegenheiten, sich abzulenken, gibt es immer. Noch eine Dosis "Mist" fürs Hirn. Wer lernt, mehr auf den Körper zu achten, kann eher zu sich kommen. Da hilft es etwa, sich des Atmens bewusster zu werden und sich darauf zu konzentrieren. "In der Meditation führt das in die Tiefe der Versenkung und damit in einen inneren Raum der Stille, in dem sich Gedanken auflösen wie Nebelschwaden in der Sonne", schreibt Wöss.

Was gibt Menschen Kraft?

TUN UND NICHTSTUN. Sie fragte auch nach, was Menschen Kraft gibt - die Antworten: "Spaziergänge im Wald. Bergsteigen. Musik hören, Singen. Stille. Natur. Freiheit. Die Möglichkeit, eines nach dem anderen tun zu können." Was hier ebenfalls dazugehört: die Gelegenheit, zu reflektieren und fokussiert über etwas ohne äußere Einflüsse nachzudenken. Da lohnt es sich durchaus, die Funktion der Zahl Null zu betrachten. Mit ihr wurden erstmals komplizierte Rechenarten möglich. Sie selbst hat keine Bedeutung, verleiht aber eine. Daher ist sie ein perfektes Symbol dafür, dass man nicht immer etwas tun muss, sondern dass im Nichts, wie bei der Null, etwas potenziert wird. "Tun und Nichtstun gehören zusammen", weiß Wöss.

Gedanklichen Ballast kriegt man nicht gleich weg

Mit dem Nichtstun, also Nicht-Denken, tut sich das Gehirn schwer. In den magischen Zustand eines gedanklichen Vakuums können offenbar nur jene kommen, die sich jahrelang in Meditation üben. Doch sonst gilt: Irgendwas ist immer. "Gedanklichen Ballast kriegt man nicht gleich weg, das ist ein prozesshafter Vorgang", definiert Gerhard Blasche. Aus seiner Sicht hilft es, sich abzulenken. Nicht im Sinne weiterer Zerstreuung, sondern in Form fokussierten Tuns, in das man sich versenkt. Flow heißt das Ziel. Jener Zustand, in dem alles rundherum vergessen wird. Der Strom der Gedanken rückt in den Hintergrund, stattdessen gehen wir komplett im Augenblick auf. "Körperliche Aktivitäten eignen sich dafür, aber auch kreative Tätigkeiten, wie Malen, Singen, Schreiben. Sie sind oft auch Ausdruck dessen, was Menschen beschäftigt. Das wirkt reinigend und hilft dem Gehirn, etwas zu verarbeiten und abzulegen", so Blasche.

Mit Tagträumen das Hirn aufräumen

MENTALER DOWNLOAD. Alles, was erfüllt oder fasziniert, führt dazu, die Aufmerksamkeit zu binden und den Gedankenwirbel zu bremsen. Schlaf spielt eine weitere zentrale Rolle beim Gehirn-Detox: "Vor allem der REM-Schlaf, der Traumschlaf der zweiten Nachthälfte, dient dazu, allen halbbewussten und unbewussten Inhalten eine Bühne zu geben, damit sie verarbeitet und archiviert werden können. Das führt zu einer distanzierteren Perspektive", erklärt Blasche. Nachts mistet das Gehirn aus und räumt auf - auch im Tiefschlaf. Erinnerungen werden frisch geordnet, so als würde jemand die Ablage im Büro neu arrangieren. Ein mentaler Großputz, während der Mensch schlummert. Dieser ist auch im Wachzustand möglich. Durch Tagträumen etwa, indem man irgendwo hinausstarrt und (scheinbar) an nichts denkt. Wöss rät außerdem zu Bewegungspausen - vor allem Menschen, die viel sitzen und geistig arbeiten. Fünf Minuten gar nix tun und alle 20 Minuten Bewegung unterstützen beim Zentrieren und beim mentalen "Download".

Sinne beruhigen durch Gehen

Um den Körper wieder zum Geist zurückzuholen und in einen "Flow-Zustand" zu kommen, hilft außerdem Gehen. Wöss: "Es gibt Menschen, die können nicht lange ruhig sein, die machen besser Yoga oder wandern." Wer lange geht, wird bemerken, dass der Kopf anfangs noch mit Tausenden Gedanken beschäftigt ist, doch je länger der Körper aktiv ist und mit dem Geist in Einklang kommt, desto leiser wird's im Kopf.

Interessant ist ja, dass das Gehirn selbst beim Nichtstun arbeitet, aber eben anders. Dabei wird das sogenannte "Default-Mode-Netzwerk" aktiv. Es hilft, Eindrücke und Gedanken zu verarbeiten und zu verdauen. Das funktioniert nur, wenn der Mensch dem Hirn Denkpausen verordnet, wie bei erwähntem Tagtraum. Nahezu alle kreativen Köpfe nützen Zwischenräume. "Nichtstun vervielfacht Ihre Arbeit", ist Wöss überzeugt. Der Sonntag ist dafür ideal - ein Tag, wie geschaffen für das Nichts.

Die effektivste Methode für ein Denk-Detox ist natürlich Zen-Meditation. Der Begriff "Zen" geht auf das Sanskrit-Wort "Dhyana" zurück, was so viel heißt wie "Versenkung". Beim Meditieren richten sich Aufmerksamkeit und Energie von außen ins Innere. "Der erste Schritt, Aufmerksamkeit nach innen zu lenken, ist, unsere Sinne zu beruhigen und den Schlamm des Alltags loszuwerden", rät Wöss. Dabei ist man still, aber wach -mit offenen Augen. Ein aktiver Zustand, der dennoch mentale Freiräume erzeugt. Meditation schafft außerdem Klarheit: "Indem man sich hinsetzt, setzen sich auch die Gedanken. Man wird ruhiger, sieht klarer." In diesem Zustand geistigen "Aufgeräumtseins" fallen Entscheidungen leichter und Wege werden transparenter.

Ob es Nicht-Denken tatsächlich gibt? "Ja, klar", sagt Fleur Wöss, "aber dafür muss man sehr lange meditieren. Man vergisst sich selbst, die Grenzen zur Umwelt lösen sich auf, das ist ein sehr feiner und dennoch geerdeter Zustand."

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