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Mit oder ohne Kinder: Wer hat das bessere Leben?

Wir haben Menschen mit unterschiedlichen Lebenskonzepten besucht und sie nach ihrem Glücksrezept gefragt. Ein Paar hat seinen fixen Job gekündigt, um frei zu sein, das andere konzentriert sich auf die Familie. Eines steht fest: Wahrer Reichtum hat für sie nichts mit einem fetten Bankkonto zu tun.

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Mit oder ohne Kinder: Wer hat das bessere Leben?

ZU ZWEIT. Sissi und Werner Schönfelder vor ihrem Gröndahlhaus im steirischen Rachau. "Für uns war Arbeiten immer an erster Stelle. Ohne Kinder kann man freier agieren." / ZU FÜNFT. Christian Windbrechtinger, Ruben, Sophia (v. l. n. r.) mit Tina Vega-Wilson und Nesthäkchen Leonardo in ihrem Garten in Straß bei Krems: "Wir erleben durch die Kinder alles intensiver."

© WOMAN

DER JOB ALS GLÜCKSBAROMETER

Wer den Weg über den Wipfelwanderweg zum Gröndahlhaus im steirischen Rachau geschafft hat, wird belohnt: mit toller Aussicht, gutem Essen und herzlichen Wirtsleuten. Seit zehn Jahren betreiben Sissi, 58, und Werner Schönfelder, 57, die Gastwirtschaft. "Wenn uns vor elf Jahren jemand erzählt hätte, dass wir einmal hier landen, hätten wir ihn ausgelacht", amüsieren sich die Steirer.

Fast 30 Jahre lang lebte das Paar, das seit 1987 verheiratet ist, in Wien und arbeitete bei derselben Modefirma im Verkauf. "Unsere Chefin war gleichzeitig unsere Mentorin. Ihr haben wir unsere Lebenseinstellung zu verdanken", ist Sissi überzeugt: "Sie hat uns vermittelt, dass wir im Leben alles mit Liebe machen sollen. Und dass man immer geben sollte, ohne etwas dafür zu erwarten. Nur das bringt einen weiter. Daran halten wir uns bis heute."

Dennoch: 2008 war der Punkt erreicht, an dem die Zusammenarbeit nicht mehr funktionierte: "Sie wollte die Veränderung, die wir gemacht haben, nicht wahrhaben und hat uns noch immer wie 19-Jährige behandelt." Nach nächtelangen Diskussionen fassten die beiden den Entschluss zum Neuanfang. Sie kündigten und verzichteten auf eine Abfertigung von 50.000 Euro. "Trotzdem konnte ich endlich wieder ruhig schlafen", sagt Sissi, die sich gern auf ihr Bauchgefühl verlässt. Werner sei eher der Kopfmensch, der auf Sicherheit setzt. Jeder hielt sie für verrückt: Mit fast 50 Jahren eine fixe Anstellung aufgeben? Das macht doch kein Mensch. Noch dazu hatten die Schönfelders keinen Plan. Nur, dass es wieder zurück in die Heimat gehen sollte: "Wir sind jahrelang jedes Wochenende zu unserem Haus gependelt. Jetzt sind wir geblieben, obwohl wir wussten, dass es in dieser Region keine Arbeitsplätze gibt."

Eines ist ihnen bewusst: Mit Kindern wäre dieser Schritt nicht so leicht möglich gewesen. "Man ist freier im Handeln und muss auf niemanden Rücksicht nehmen. Und finanziell geht sich alles leichter aus." Der Wunsch nach eigener Familie war bei ihnen nie da: "Wir haben viel lieber gearbeitet."

Zur Überbrückung belegten sie einen Computerkurs: "Wir waren die Lachnummer. Zwei Oldies neben 17-Jährigen." Bald kam die Idee, sich selbstständig zu machen. Essen und Trinken war immer eine große Leidenschaft, und als sie hörten, dass das Gröndahlhaus einen neuen Pächter sucht, wussten sie, dass es das jetzt ist. Finanziell war es machbar: "Wir haben unser Leben lang gespart. Das haben wir investiert." Das erste Jahr war sehr schwierig, ein neuer Kundenstamm musste aufgebaut werden: "Wir haben nie viel verdient, aber das ist sicher nicht der Schlüssel zum Glück. Spaß an der Arbeit zu haben, das ist das Wichtigste."

Sissi, die leidenschaftlich gern in der Küche steht, sieht es als Zusatzbonus, in der Dienstleistung zu arbeiten, denn da kommt sofort ein Feedback der Gäste: "Die Leute durchschauen sofort, ob da einer steht, der nur für sein Gehalt arbeitet oder mit Herzblut bei der Sache ist." Das Gröndahlhaus hat sich im Laufe der Jahre zum Hotspot für Wanderer und Gäste aus Wien und Umgebung und für Hochzeitsfeiern entwickelt. Montag und Dienstag ist Ruhetag und von Dezember bis Mai ist geschlossen. Dann packen die Schönfelders gern ihre Koffer und gehen auf Reisen: "In erster Linie zur Inspiration für unsere Wirtschaft. Wir setzen im Kleinen um, was wir an anderen Orten sehen."

REICHE MENSCHEN SIND OFT GELANGWEILT. Schon vor 30 Jahren hat Sissi zu ihrem Mann gesagt, wie reich sie sich fühlt. "Die meisten verbinden das mit Geld. Aber wahrer Reichtum ist doch, in der Früh aufzustehen und sich auf den Tag zu freuen. Für mich ist der Job extrem wichtig. Ich möchte gestalten und wachsen können. Ich kenne beide Seiten: Reiche Menschen und welche, die nicht so viel haben." Bei vermögenden Gästen beobachtet Sissi, dass sie oft gelangweilt wirken. "Interessant ist auch, dass sie auf meine Rolex-Uhr schielen. Dann gehen sie plötzlich ganz anders mit mir um. Ich werde akzeptiert. Die brauchen das offensichtlich, aber eigentlich ist das schrecklich."

In erster Linie ist das Paar dankbar: "Ein gutes, zufriedenes Leben ist doch das Ziel für jeden. Wenn eine Situation unglücklich macht, muss man sie ändern und nicht ertragen." Dass ihre Partnerschaft so gut funktioniert, wissen sie zu schätzen: "Kein Geld der Welt kann das ersetzen. Wir sind immer zusammen und lieben das." Zukunftsvisionen haben sie nicht: "Wir leben im Hier und Jetzt und können oft gar nicht fassen, wie gut es uns geht. Aber falls irgendwann etwas nicht mehr passen sollte, werden wir es wieder ändern." Ihr Mut ist wohl ihr größter Reichtum.

Mit oder ohne Kinder: Wer hat das bessere Leben?
PAARWEISE. Sissi und Werner Schönfelder betreiben seit zehn Jahren ihr Gröndahlhaus. Sie sagen: "Wir haben nie viel verdient, aber das ist auch sicher nicht der Schlüssel zum Glück."


MIT DER FAMILIE STÄNDIG WACHSEN

Christian Windbrechtinger, 39, begrüßt uns beim Gartentor: "Bei uns geht es steil bergauf. Nicht schrecken!" Gemeint sind die unzähligen Treppen, die zur Terrasse vor dem kleinen Haus führen. Seine Frau Tina Vega-Wilson, 38, wartet schon mit den gemeinsamen Kindern Sophia, 9, Ruben, 3, und Leonardo, fünf Monate. Auf den ersten Blick eine happy Bilderbuchfamilie. Die idyllische Umgebung trägt wohl zum strahlenden Lebensgefühl bei. "Ursprünglich war das ein 60 Quadratmeter großes Ferienhaus meiner Großeltern. Wir haben es etwas ausgebaut", erzählt Christian. Das war dringend notwendig, nachdem die Familie immer größer geworden ist.

Jemals zu heiraten und Kinder zu haben, war sowohl für Christian als auch Tina lange nicht vorstellbar. "Mit Mitte 20 dachten wir gar nicht daran. Damals haben wir uns schon gekannt und die Zweisamkeit sehr genossen", erinnert sich Tina. Viele Reisen mit ihrem alten VW-Bus, Freunde treffen, in Ruhe studieren, das hatte Vorrang. Erst 2008 verschoben sich die Prioritäten des Rettungssanitäters und der Bildungswissenschafterin. Christian reiste mit seinem Vater durch Estland und war nicht nur vom Land beeindruckt: "Ich habe viele Familien mit Kindern getroffen. Alle waren so entspannt drauf. Da habe ich mir gedacht, dass das doch etwas wäre." Wieder zu Hause, erklärte Tina, bereits vor drei Wochen die Pille abgesetzt zu haben. "Wir hatten beide den gleichen Gedanken gehabt, obwohl wir uns nicht abgesprochen hatten", lachen sie heute noch darüber.

2009 kam Sophia auf die Welt, 2015 folgte Ruben. Die Umstellung war groß: "Bei Sophia habe ich mich super vorbereitet, und dann war sie ein Schreibaby und immer unzufrieden. Die ersten Monate waren hart." Die kleine Familie lebte damals auf 70 Quadratmetern in Krems, dritter Stock ohne Lift. Neidisch auf andere geschielt, die scheinbar mehr Besitz hatten als sie, haben sie dennoch nicht: "Unsere Ansprüche waren nie hoch, und wir wissen zu schätzen, was wir haben. Drei gesunde Kinder, mehr geht doch nicht." Vor allem, da Tina nach Sophia mehrere Fehlgeburten erlitten hatte, bevor sich endlich Ruben ankündigte.

MATERIELLER REICHTUM IST KEIN LEBENSZIEL. Auch Karrieredenken hatte bei den Windbrechtinger-Vega-Wilsons keinen hohen Stellenwert. Christian verdient als Rettungssanitäter gut, für Hubschraubereinsätze und Nachtdienste gibt es Zulagen. Bei Ruben gönnte er sich einen Papamonat: "Diese Zeit verbindet uns bis heute intensiv. Er will immer bei mir sein." Tina arbeitete früher im Sozialbereich: "Da habe ich viel Elend kennengelernt. Heute betreibe ich eine Werbeagentur und schreibe meinen Blog. Das ist mein Erfolg. Was Karriere zu machen bedeutet, ist doch eine Definitionssache. Ich bin jedenfalls mit dem zufrieden, was wir haben."

Der Umbau ihres kleinen Hauses kostete Kraft, Zeit und Geld. "Da ist viel Erspartes reingeflossen, aber das war uns das wert. Wir wollten, dass unsere Kinder am Land aufwachsen." Für Tina ist Reichtum etwas sehr Individuelles:"Wie und wann man sich reich fühlt, muss jeder selbst wissen. Für uns gehört eine eigene Familie jedenfalls zu einem erfüllten Leben dazu. Aber wir verstehen Leute, die darauf verzichten und lieber andere Prioritäten haben. Natürlich hätten wir auch ohne Kinder unsere Erfahrungen gemacht, aber ganz anders und nicht in dieser Intensität. Vor allem was die persönliche Entwicklung betrifft."

Finanzielle Einschränkungen fallen ihnen nicht schwer. "Wir haben immer Low Budget gelebt und kennen es nicht anders. Wenn wir mit unserem alten VW-Bus nach Kroatien fahren, ist das mit den Kids stressig. Man muss viel organisieren und ständig hinter ihnen her sein. Weitere Ziele kommen uns derzeit gar nicht in den Sinn. Die Reiselust haben wir ohnehin schon vor ihnen ausgelebt." Tina ist überzeugt, dass wenig Besitz die Kreativität enorm steigert. "Ich nähe und häkle sehr viel. Nachhaltigkeit und Umweltbewusstsein sind uns sehr wichtig. Und wir leben im Upcycling-Modus. Das heißt, jedes Ding hat eine zweite Chance verdient. Man glaubt ja gar nicht, wie viel Spaß es macht, herumzubasteln und Außergewöhnliches zu erschaffen. Verzicht kann ungemein bereichern." Auch Christian liebt es, an einer seiner zwei alten Vespas und einer Lambretta herumzuschrauben.

Dass sich ihr Freundeskreis etwas minimiert hat, stört sie wenig: "Wenn wir ein paar freie Stunden haben, verbringen wir sie am liebsten mit der Familie. Somit verliert sich ein bisschen der Kontakt. Richtig gute Freundschaften bleiben ohnehin bestehen." Nur Zeit für Zweisamkeit finden Tina und Christian derzeit kaum: "Aber irgendwann kommt das alles wieder. Und dann wissen wir die gemeinsamen Stunden sicher noch mehr zu schätzen."

Mit oder ohne Kinder: Wer hat das bessere Leben?
FAMILIENSINN. Urlaub in Kroatien mit dem alten VW-Bus: "Hauptsache, wir sind alle zusammen. Auf Fernreisen verzichten wir gern", sagen Tina und Christian.
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