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Mode aus Österreich: art point

Das heimische Label art point zeigt eine konsequente und dennoch immer wieder überraschende Modelinie - wir baten Designerin Lena Kvadrat zum Interview.

von

art point - Winter 2013
© Vipin Mayer

Das Label art point ist aus der heimischen Modelandschaft nicht mehr wegzudenken, auch wenn dessen Gründerin und Designerin Lena Kvadrat erst 2001 ihren Weg von Moskau in die österreichische Hauptstadt mit einem eigenen Geschäft fand. Nun zählt art point jedoch zu den Pionieren der Wiener Modeszene und tat sich vor allem in zahlreichen interdisziplinären Kollaborationen mit Kunstschaffenden und Kulturinstitutionen hervor.

Gerade kam die neue Winterkollektion 2013/14 auf den Markt, beziehungsweise in den Shop auf der Neubaugasse 35, dessen Name "Reconstruction" stellvertretend für Lena Kvadrats Zugang zu Mode steht: Vergangenes wird rekonstruiert und in Zukünftiges überführt - beispielsweise mit Herrenanzugstoffen, die mit latex- oder wachsbeschichteten Materialien kombiniert beziehungsweise komplett in Form und Funktion umgewandelt werden: zu Accessoires, zu Kleidern und vielem mehr. Das, wofür der Stoff steht, wird umgeformt und ihm so neue Zuschreibungen zu- oder dieselben auch überdacht.

Wir sprachen mit der Designerin über Veränderungen, Inspirationen und Fünfjahrespläne:

WOMAN: In welchem Alter hast du begonnen, dich für Mode zu interessieren?
Lena: Mode als eine Praxis, die sich mit den Proportionen des Körpers auseinandersetzt, begann mich ernsthaft nach meinem Studium an der Moskauer Textilakademie zu interessieren. Als Designerin versuche ich gewissermaßen, den „Zeitgeist“ einzufangen und ein einprägsames Bild von dieser Zeit zu kreieren.

WOMAN: Was ist Mode für dich?
Lena: Mode ist ein erstaunliches, soziokulturelles Phänomen: In erster Linie soll es unseren physischen Anforderungen nach Wärme oder Kühlung entsprechen. Darüber hinaus soll Mode aber auch – und das ist ein wesentlicher Aspekt - unsere ästhetischen Bedürfnisse befriedigen, die niemals versiegen.

art point - Winter 2013

WOMAN: Wie würdest du bisher deine Reise durch die Modewelt beschreiben?
Lena: Müsste ich mich auf eine solche Reise begeben, wäre sie für mich wahrscheinlich viel zu schnell - wenn man eben bedenkt, mit welcher Geschwindigkeit sich Tendenzen ablösen, die voller Details sind. Ganze Galaxien von Wertvorstellungen verschlingen sich gegenseitig, um dann schließlich selbst wieder zu neuen schwarzen Löchern zu mutieren.

WOMAN: Was hat dich zu deiner aktuellen Kollektion inspiriert?
Lena: Die aktuelle Kollektion heißt „Reconstruction“. Wie immer sind zwei Saisonen – Winter und Sommer - einem gemeinsamen Thema gewidmet und werden konzeptuell von einem begleitenden Essay zusammen gehalten. Die Rekonstruktion ist ein Prozess. Es gibt bestimmte Modelle, die im kollektiven Bewusstsein verankert sind. Die Rekonstruktion verändert die Objekte der Gegenwart mit dem Ziel, sie in der Zukunft mit anderen Eigenschaften auszustatten.
Was mich/uns also inspiriert, ist die potenzielle Neubewertung von festgefahrenen Vorstellungen: Wie etwas zu sein oder auszusehen hat oder welche Dinge man in welcher Weise miteinander verbinden darf. Wir möchten die vergessene Fähigkeit wieder herstellen, Gegenstände nach dem reinen Zufallsprinzip anzuordnen und miteinander zu kombinieren. Es wurde ja zum Beispiel von niemandem bis in alle Ewigkeit festgelegt, dass Transparenz ausschließlich eine Eigenschaft von Unterwäsche oder Abendkleidern zu sein hat. Oder dass man Stopftechniken nur für Abgetragenes oder Durchlöchertes verwenden darf.

art point - Winter 2013

WOMAN: Hast du einen persönlichen Favoriten aus der Kollektion?
Lena: Essenziell für die Kollektion sind die ärmellosen Kleider mit tiefem Ärmelausschnitt. Sie können sowohl weit fallend als auch tailliert getragen werden. Der Rückenteil erinnert an die Form einer römischen Toga. Für die Kleider haben wir Herrenanzugsstoffe mit Spitzen kombiniert. Dazu Leggings aus schwarzem Spitzenjersey – an der Stelle des Beines, wo üblicherweise das Strumpfband ist, haben wir einen roten Streifen eingearbeitet. Der rote Streifen soll sozusagen auf das „ewige Weibliche“ anspielen.

WOMAN: Welche Persönlichkeit würdest du gerne in deiner Kollektion sehen?
Lena: Am liebsten eine Person, die die Hürden von begrenzten Vorstellungen bezüglich Mode und Alter überwunden hat. Jemanden, der oder die einen Spürsinn für aktuelle Tendenzen hat und diese Tendenzen individuell mit Hilfe der Gegenstände, die er oder sie am Körper trägt, zum Ausdruck bringt.

art point - Winter 2013

WOMAN: Wo warst du vor 5 Jahren? Wo siehst du dich in 5 Jahren?
Lena: Als Mensch, der in der ehemaligen Sowjetunion aufgewachsen ist, wo die so genannte Planwirtschaft herrschte, reagiere ich eher allergisch auf Fünfjahrespläne. Ich versuche stattdessen, den raschen Prozess des Ereigniswandels etwas zu verlangsamen. Schon vor mehr als fünf Jahren hatte ich den Vorsatz, bewusst zu leben, während ich mich mit Mode beschäftige. Er bleibt hoffentlich auch für die nächsten Jahrzehnte aufrecht.

WOMAN: Wie sieht ein typischer Arbeitstag bei dir aus?
Lena: Das hängt ganz vom Schwerpunkt meines Tages ab. Ich habe zwei Rollen: die als Designerin und die als Managerin des Labels.
In der Rolle als Designerin stehen je nach Phase, in der sich die Kollektion gerade befindet, verschiedene Dinge auf der Tagesordnung: Konzeption und Entwurf, die Erörterung der Pläne und Aufgaben mit unserer Schnittzeichnerin, das Durchsehen und die Korrektur von Prototypen uns so weiter.
In meiner Rolle als Managerin des Labels kümmere ich mich zum Beispiel um die Bestellung von Stoffen, das Bezahlen von Rechnungen oder um die Kommunikation mit Lieferanten. Wenn ich gerade meine Schicht im Geschäft habe, geht es um die unmittelbare Kundinnenberatung und den Verkauf vor Ort. Auf einer Trade Show in Paris stehen hingegen die Repräsentation der Marke und Gespräche mit potenziellen Händlern im Mittelpunkt.

WOMAN: Gibt es etwas in der Modewelt, das dir nicht gefällt?
Lena: Ich würde nicht sagen, dass mir irgendetwas Spezielles nicht gefällt. Ich versuche eher, gewisse Aspekte des Business möglichst neutral zu betrachten.

art point - Winter 2013
Designerin Lena Kvadrat

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