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Montewaldorf, bitte wie?

Spieltrieb. Einrichtungen mit spezieller Ausrichtung liegen im Trend. Wir geben Nachhilfe in Sachen Kinderpädagogik.


Montewaldorf, bitte wie?
© Katrin Guttenberger

Hoppla, wo bin ich hier eigentlich? Die 9-monatige Sofia ist über eine hölzerne Hühnerleiter auf ein Podest gekrabbelt. Dort oben war sie noch nie. Es ist auf­regend, die herumliegenden Spielsachen von oben zu betrachten! Doch wo geht es jetzt wieder hinunter? Und wo ist meine Mama? Sofia überlegt, ob sie weinen soll, ihr Gesichtsausdruck lässt Unsicherheit erkennen. Ein Außenstehender würde das Kind jetzt nehmen und herunterheben. Sofias Mutter tut nichts dergleichen. Sie sitzt gespannt in einer Ecke des Spielraumes, beobachtet ihre Tochter und wartet ab. Und siehe da: Sofia begibt sich, diesmal verkehrt herum, vorsichtig auf die Leiter, und rutscht Stück für Stück dem Boden entgegen. Sie hat es alleine geschafft. Fröhlich krabbelt sie zu ihrer stolzen Mama. Tatort: der „Emmi-Pikler-Spielraum“, eine der vielen Einrichtungen, die heute als alternative Methode zum klassischen Kindergarten immer beliebter werden.

Zeit lassen. Für Eltern ist es nicht immer leicht, die gewohnten Verhaltensmuster zu durchbrechen. Zu lange war es üblich, die Entwicklung der Kinder künstlich zu beeinflussen. Man hat sie auf den Bauch gelegt, damit sie lernen, sich umzudrehen. Man hat sie an den Armen hochgezogen, damit sie bald sitzen können, und man hat sie an den Händen durch die Wohnung geschleppt, um ihnen das Gehen beizubringen. Wer sich jedoch einmal zurückgenommen und ein Kind beobachtet hat, das vielleicht zehn Tage lang immer wieder einfach mitten im Raum steht, um am elften Tag dann völlig eigenständig die ersten Schritte zu tun, der wird süchtig danach. Süchtig nach dem „Emmi-Pikler-Spielraum“ oder nach der „PEKIP-Babygruppe“. Und wenn man dann erst ein „Montes­sori-Kinderhaus“ besucht oder sich mit einem Waldorfschüler unterhält, dann findet man es auch gar nicht mehr abnormal, dass in einem Waldkindergarten die Kinder ganzjährig täglich im Freien sind. Ist doch toll!

Trend Privatschule. Institute und Spielgruppen mit spezieller pädagogischer Ausrichtung erfreuen sich steigender Nachfrage, manche werden regelrecht überrannt. Vor zehn Jahren gab es in Österreich z. B. nur sechs Montessori-Kinderhäuser, heute sind es 35 – mit „Gütesiegel“ der österreichischen Montessori-Gesellschaft. Zusätzlich bieten viele – etwa kirchliche – Kindergärten oder Schulen Montessori-Gruppen an. Die Waldorfschulen haben in den letzten Monaten vor allem in Deutschland durch die PISA-Studie große Bestätigung erfahren. Das Schulsystem in den Ländern mit den besten Ergebnissen, etwa in Finnland oder in Schweden, ähnelt stark dem System, das in den Steinerschulen schon seit 1919 üblich ist. Zum Beispiel das frühe Einführen von Fremdsprachen, der spätere Schuleintritt und die 12 bis 13 Jahre dauernde Schulbildung in derselben Klasse, ohne Angst vor dem Sitzenbleiben.