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Mord an Hadishat (7): "Da wurde ein Kind umgebracht - kein Spielzeug, kein Tier"

Der Mord an der kleinen Hadishat erschütterte im Mai ganz Österreich. In wenigen Tagen beginnt der Prozess gegen ihren mutmaßlichen Mörder, den 17-jährigen Nachbarsbuben Robert K.. Hadishats Mutter Zarema und ihr Bruder Rustam gaben uns ein exklusives Interview. Es wurde ein emotionales Gespräch voller Trauer, Unverständnis, Wut, Verdächtigungen und einem Funken Hoffnung.

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Mord an der 7-jährigen Hadishat: "Dem Täter hat sicher jemand geholfen!"

Im Interview mit WOMAN-Redakteurin Andrea Wipplinger-Penz.

© GERRY MAYER-ROHRMOSER/ WOMAN

Am 19. Dezember wäre Hadishat acht Jahre alt geworden. Doch statt ein ausgelassenes Fest mit Familie und Freunden zu feiern, wird ihrem mutmaßlichen Mörder genau an diesem Tag der Prozess gemacht. Hadishat wurde am 11. Mai 2018 ermordet. Mutmaßlich vom 16-jährigen Nachbarsbuben Robert K. (es gilt die Unschuldsvermutung). Ihre Leiche wurde einen Tag später, einem Samstag, im Müllcontainer des Döblinger Gemeindebaus gefunden. Am darauf folgenden Dienstag konnte der Verdächtige festgenommen werden. Spürhunde brachten die Kriminalistin auf seine Fährte.

Fast sieben Monate sind seitdem vergangen. Wir treffen Hadishats Bruder Rustam, 17, und ihre Mutter, Zarema, 35, in der Kanzlei ihres Anwalts Nikolaus Rast. Die jüngste, die sechsjährige Schwester, ist auch dabei. Die Ähnlichkeit zu Hadishat ist unverkennbar. Die Kleine verkriecht sich etwas abseits in einen Sessel und spielt mit ihrem Handy. Mama Zarema begrüßt uns zurückhaltend, ihr Händedruck ist sanft, ihr Blick leer.

Während unseres Gesprächs lässt sie lieber ihren einzigen Sohn, Rustam, zu Wort kommen und weint viel. Rustam wirkt angespannt, seine Wut ist zu spüren. Den Namen des vermutlichen Mörders spricht er während des gesamten Gesprächs nicht aus: "Das ist alles ein Wahnsinn. Wir wollen nur mehr, dass der Prozess endlich beginnt und er seine gerecht Strafe erhält."

Der HAK-Schüler trägt die gesamte Verantwortung für seine Familie, die Mama und seine vier jüngeren Schwestern. Der Vater war wegen Schlepperei im Südtiroler Bozen in Haft. Am 19. Juni setze er sich bei einem Freigang ab und kehrte nicht mehr ins Gefängnis zurück. Er wollte, so behauptet die Familie, ihnen beistehen und mit ihr zusammen trauern. Bis heute ist er untergetaucht.

"Er wollte wissen, wie es sich anfühlt zu töten."

Und Robert K., der vermutliche Mörder? Das fast 100-seitige Gutachten über den Wiener Gymnasiasten liest sich wie das Drehbuch eines Horror-Films. Es zeigt die schwerwiegende Persönlichkeitsstörung eines Teenagers, der wissen wollte, „wie es sich anfühlt, zu töten“. Der das Mädchen in die elterliche Wohnung gelockt und in der Dusche erstochen haben soll. Die 7-Jährige sei ihm gelegen gekommen, seine aufgestaute „Standardwut“ abzubauen. Inzwischen behauptet er, mit seinem Opfer zu kommunizieren und fühlt sich von „kleinen, blassen Mädchen mit zerfetzten Gesichtern verfolgt“. Der mutmaßliche Killer wird rund um die Uhr bewacht.
In welchem Gefängnis er einsitzt, soll nicht öffentlich bekannt werden. Nach angeblichen Morddrohungen wurde er vom Kepler Klinikum verlegt – an einen geheimen Ort.

Hadishats Bruder Rustam stützt seine Ellenbogen auf den Tisch, sein Blick ist immer nach unten gerichtet. Nur wenn die Sprache auf den vermutlichen Mörder kommt, schaut er direkt in die Augen seines Gegenübers.

Der Mord an ihrer Schwester liegt nun fast sieben Monate zurück. Wie gelingt es die Ereignisse zu verarbeiten?
Rustam: Gar nicht. Wie soll man so etwas verarbeiten? Wir leben jetzt nicht mehr in dem Gemeindebau in Döbling. Das hilft etwas. In der neuen Wohnung ist es natürlich viel besser für uns. Wir fühlen uns wohl. Es kennt uns auch niemand. Aber in unserem Kopf dreht sich alles um den Prozess. Natürlich reißt er wieder alle Wunden auf.

Werden Sie dabei sein?
Rustam: Selbstverständlich. Wir wollen dem Mörder in die Augen schauen, wenn er dazu fähig ist. Die einzige Hoffnung ist, dass er seine gerechte Strafe bekommt. Aber da vertrauen wir auf die österreichische Justiz.

Wie bewältigen Sie Ihren normalen Alltag?
Rustam: Wir funktionieren. Ich gehe in die Schule, meine Mutter versorgt meine kleinen Schwestern.

Was hat sich in Ihrem Leben am meisten gegenüber früher verändert?
Rustam: Dass eine Schwester weg ist. Eine Stimme ist weniger zu Hause. Und in meiner Schule ist es anders geworden. Alles nervt mich. Meine Mitschüler stellen mir ständig Fragen wegen meiner Schwester. Das ist mühsam.

Mord an der 7-jährigen Hadishat: "Dem Täter hat sicher jemand geholfen!"

Haben Sie Andenken an Hadishat aufgehoben?
Rustam: Kleidung, ihr Spielzeug und alle Fotos natürlich. Wir wollen nichts wegwerfen. Erinnerungen einfach.

Wie schaut es in ihrer Gefühlswelt aus?
Rustam: Da ist natürlich Wut. Aber noch viel mehr Verwirrung. Bis der Prozess stattfindet, sind einfach noch viele Fragen offen. Das arbeitet alles in unseren Köpfen. Vor allem die Hoffnung, dass der Täter tatsächlich die Strafe bekommt, die er verdient. Da wurde ein Kind umgebracht - kein Spielzeug, kein Tier. Das war ein siebenjähriges Mädchen, das noch sein ganzes Leben vor sich hatte.

Welche Gedanken quälen Sie am meisten?
Rustam: Dass wir nicht mehr Zeit mit Hadishat verbracht haben, mehr mit ihr genossen, nicht noch mehr Fotos von ihr gemacht haben. Das kam alles so plötzlich, damit konnte ja keiner rechnen.

Wann denken Sie besonders an Ihre Schwester?
Rustam: Wenn die Jüngeren nach ihr fragen. Wir erzählen immer andere Geschichten, wo sie ist, erfinden irgendetwas. Wir wollen sie noch schonen. Irgendwann werden sie natürlich die Wahrheit erfahren, aber bis dahin sollen sie halbwegs unbeschwert aufwachsen.

Sie kannten Robert K., den mutmaßlichen Mörder ja sehr gut...
Rustam: Ja, so wie man einen Nachbarn eben kennt. Wir hätten ihm niemals diese Tat zugetraut. Ausgerechnet er! Er war immer sehr ruhig, total unauffällig. An dem Tag, an dem sie gefunden wurde, hat er mir noch auf die Schulter geklopft und gesagt: „Mein Beileid“. Können Sie sich das vorstellen? Der Mörder steht völlig emotionslos da und wünscht sein Beileid.
Zarem: Und die Mutter von ihm saß die ganze Zeit neben mir, hat mehr geweint als ich. Und später, als alles raus gekommen ist, hat sie mir ständig SMS-Nachrichten geschickt. Darin stand, wie leid ihr das alles tut. Warum hat man nicht die Handys der Eltern abgehört?
Rustam: Wir möchten, dass auch die Rolle der Eltern in diesem Kriminalfall geklärt wird.

Mord an der 7-jährigen Hadishat: "Dem Täter hat sicher jemand geholfen!"

Wie hat sich das Familieleben seither verändert?
Rustam: Wir trauern zusammen, sonst haben wir schon immer zusammen gehalten.

Haben Sie Kontakt zum Rest Ihrer Familie in Tschetschenien? Dort liegt Hadishat ja begraben...
Rustam: Wir sind in ständigem Kontakt. Sie haben viele Fragen, aber uns fehlen die Antworten, weil es noch keinen Prozess gegeben hat. Sie schicken uns auch immer Fotos von ihrem Grab.

Was wäre ihr größter Wunsch?
Rustam: Wir haben nur einen Geburtstagswunsch für Hadishat: Dass der, der das getan hat, seine Strafe erhält.

Und wie planen Sie Ihre Zukunft?
Rustam: Wir wollen damit abschließen. Weitergehen. Wir hoffen zumindest, dass wir das irgendwann schaffen.

Mehr zu diesem Fall gibt es am kommenden Samstag, 8.12./Sonntag 9.12 in der KRONEN ZEITUNG: Wie die Familie mit der verstorbenen Tochter Hadishat und dem verschwunden Mann in Kontakt ist und welche Clans jetzt Rache geschworen haben.

Anwalt Nikolaus Rast vertritt die Familie.
Thema: Report

Kommentare

ABGBkant

Ich muss so oft an diese Familie denken! Sie flüchteten vor Mord und Totschlag in ein vermeintlich besseres Land, besseres Leben! Was passiert? Ein ebenfalls, vor den selben Um und Zuständen Geflüchteter, tötet ihr Kind! Er hat all den Hass und die Wut mitgebracht! Diese Menschen haben mein tiefstes Mitgefühl, genauso wie die Familie des Täters. Die sich ebenso verstecken müssen!