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Ein Paar, zwei politische Meinungen, aber vereint im Entsetzen über die menschenfeindliche Politik Trumps

Der sogenannte #MuslimBan schockiert derzeit die Welt: Wir haben mit einer Frau und einem Mann aus Texas gesprochen, die auf besondere Art und Weise helfen wollen.

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Muslim ban

Menschen demonstrieren in den USA gegen die Einreisepolitik Trumps.

© Reuters

"Wartet doch erst einmal ab, was er wirklich tun wird!" Dieser Satz wurde allen, denen bereits Übles schwante, als Donald Trump gewählt wurde, entgegen geschleudert. Aber man musste nicht lange warten, um zu sehen, dass der neue US-Präsident in rasender Geschwindigkeit seine schlimmsten Versprechungen umsetzt!

Neben einem Dekret, das die Gesundheit von Frauen weltweit gefährdet, ist es vor allem die in den sozialen Medien als "Muslim ban" titulierte Amtshandlung, die weltweit für Entsetzen und landesintern für heftige Proteste sorgt.

Aber wie sehen diese Aktion eigentlich Menschen, die in US-Bundesstaaten wohnen, wo Trump die Mehrheit der Wählerinnen und Wähler hinter sich hatte? Wir haben mit Bradshaw und Charity Hawkins gesprochen, die gemeinsam mit ihren vier Kindern in Texas leben. Er ist Anwalt und politisch liberal eingestellt, sie ist derzeit Hausfrau und wie ihr gesamtes familiäres Umfeld konservativ.

Ein Ehepaar, beide politisch aus unterschiedlichen Lagern. Die neuen Aktionen von Trump eint sie in einem: Dieser Präsident ist nicht gut. Weshalb sie jetzt aktiv werden:

WOMAN: Wie sehen Sie die Situation in den USA gerade jetzt - in den Medien, auf Social Media und auch in Bezug auf Ihren Freundeskreis und Familie?

Bradshaw: Wir sind immer noch geschockt. Keiner bereitete sich emotional, intellektuell oder politisch auf einen Trump-Sieg vor (nicht einmal Trump selbst), so dass wir immer noch mit dieser Unwirklichkeit kämpfen. Ich frage mich immer noch "Ist das wirklich unser Präsident?". Da für viele von uns Trump die Personifikation von allem ist, was falsch läuft in unserem Land, erschüttert der Gedanke, dass er es jetzt führt, den Glauben an Amerika. Obwohl ich mit vielen von Ex-Präsident Bushs Richtlinien und Programmen nicht einverstanden war, dachte ich nie, dass er für die Position psychologisch ungeeignet war. Die Tatsache, dass genau das Teil der Diskussion rund um Trump ist, ist für mich erschreckend.

Charity: Es ist ein wenig anders für mich. Ich bin ein Republikanerin, eine Konservative und aus dem Süden (Bradshaw ist nichts von diesen Dingen). Wenn man sich Bradshaws Newsfeed ansieht, würde man denken, dass der 3. Weltkrieg unmittelbar bevorsteht. Das denke ich nicht. Ich wuchs auf mit Menschen, denen die nationale Sicherheit sowie die Sicherung amerikanischer Arbeitsplätze wichtig sind und die gegen Abtreibungen sind (wie ich auch). Sie mögen es nicht, als dumm bezeichnet zu werden, sie mögen es nicht, dass ihre Werte nicht ernst genommen werden, und sie wollten eine Veränderung. Also verstehe ich, warum Trump gewählt wurde. Ich habe dennoch für Hillary gestimmt, weil sie besser vorbereitet und einfach nicht absolut verrückt ist. Aber ich kann die Kluft erkennen. Mein Freundeskreis und meine Familie stimmten fast alle für Trump.

WOMAN: Die jüngsten Dekrete des neu gewählten Präsidenten Donald Trump haben viele Proteste hervorgerufen. Was hat Sie dazu bewogen, auch Ihre Zeit und Ihr Geld für die Sache einzusetzen?

Bradshaw: Wir haben eine Kampagne auf Facebook geteilt, wobei die Idee nicht von uns kam; es war ähnlich, wie bei der Ice-Bucket-Challenge - wir wurden von einem Freund nominiert. Für jeden Like auf dieses Posting spenden wir 1 Euro und für jeden Kommentar darunter biete ich 1 Stunde gratis juristische Unterstützung für Flüchtlinge.

Alle, die sich auch nur im Entferntesten um Menschen auf der Flucht und um Einwandernde kümmern, haben derzeit das Gefühl, "Ich wünschte, ich könnte etwas tun.". Ich bin zufällig Anwalt und genau da kann ich auch helfen: Denn den meisten Immigrantinnen und Immigranten fehlt das Geld für juristischen Beistand. Wir spenden auch einen Dollar für jedes Like an die American Civil Liberties Union, die Bürgerrechtsvereinigung, die derzeit gegen die Trump-Dekrete ankämpft. Mehr als alles andere hoffe ich, die Menschen erkennen, dass darüber hinaus jede und jeder mehr tun kann als ein Facebook-Like zu geben - egal welchen Beruf man hat, gibt es Möglichkeiten, etwas zu tun

Muslim ban
»Ich helfe aufgrund meines christlichen Glaubens und meinem Glauben an Amerika.«

Charity: Ich helfe aufgrund meines christlichen Glaubens und meinem Glauben an Amerika. Es ist scheinheilig zu sagen, dass Sie ein Christ sind und dann Flüchtlinge und Immigranten abweisen - Hilfeleistung ist ein zentrales Element der christlichen Botschaft. Wir müssen vorsichtig sein, wen wir in unser Land lassen, aber genau dafür haben wir ja so ein hartes Visa-Verfahren. Unsere Grenzen sollten nie für jene geschlossen werden, die ein besseres Leben wollen oder Schutz vor der Welt, die sie hinter sich ließen. Wir oder unsere Vorfahren waren irgendwann einmal alle Immigranten. Diese Leute werden eines Tages Amerikaner sein. Alles, was wir tun können, um zu helfen, ist es wert.

WOMAN: Glauben Sie, dass die Proteste etwas ändern werden? Vielleicht sogar Trumps Sicht der Dinge?

Bradshaw: Ich glaube nicht, dass es ändern wird, was sie beabsichtigen, zu tun. Aber durch die Proteste wird die Angst vor und die Wut auf Trump deutlich, die die Mehrheit der amerikanischen Bevölkerung derzeit hat. Es ist unsere Art der Welt zu beweisen, dass diese Politik, diese Handlungen, diese Lügen eines Mannes nicht unsere Nation widerspiegeln. Unsere Generation war politisch sehr apathisch bis Trump kam, und ich denke, sie ist nun aufgewacht. Daher glaube ich, dass er einer der am genauesten beobachteten Präsidenten in der Geschichte sein wird (obwohl es anstrengend ist, im Auge zu behalten, worüber er sich als nächstes aufregen wird). Es besteht die Möglichkeit, dass Trump nicht vier Jahre an der Macht bleiben wird, und selbst wenn er es tut, fühle ich, dass die Menschen sicherstellen wollen, dass er keine weiteren vier erhält.

Charity: Ich glaube nicht, dass sich etwas verändern wird, vor allem nicht Trumps Sicht. Die Proteste sind eine andere Form, sein Ego zu füttern; die Tatsache, dass so viele Menschen gegen ihn protestieren, verstärkt sogar seine Selbstherrlichkeit. Er ist ein Mann, der nur auf Niederlagen reagiert, auf die Angst vor Verlegenheit. Er muss in den Gerichten verlieren, er muss international verlieren, seine Politik muss scheitern, und dann muss er bei den Wahlen verlieren. Ihr müsst euch in Österreich weigern, mit ihm zu arbeiten. So können wir etwas gegen Trump ausrichten.

Muslim ban

WOMAN: Hätten Sie je gedacht, dass Trump seine extremen Wahlversprechen erfüllen würde?

Bradshaw: In nur einer Woche seiner Präsidentschaft? Nein. Ich dachte, unser System der Kontrollen und Institutionen war sicherer als das. Aber scheinbar ist es das nicht.

»Ich dachte, Trump würde zu diesem Zeitpunkt immer noch sein Büro in Gold neu dekorieren«

Charity: Überhaupt nicht. Ich dachte, er würde immer noch sein Büro in Gold neu dekorieren. Diese Exekutiv-Dekrete geben dem Präsidenten eine beängstigende Macht, an die wir alle vier Jahre plötzlich erinnert werden. Obwohl, wenn es einen Mann gibt, der die ganze Regierung nutzen würde, nur um eine seiner Phantasien ohne irgendeine Voraussicht, gesetzliche Rechtfertigung oder Plan zu erfüllen, ist es Trump.

WOMAN: Trump bewies sogar eine immense Geschwindigkeit bei der Umsetzung seiner Wahlkampfversprechen. Was wird dann noch in den nächsten vier Jahren folgen?

Bradshaw: Ich weiß es ehrlich nicht. Was ich weiß ist, dass, wenn wir an irgendeinem Punkt nachgeben, uns die Trumpmaschinerie (so inkompetent sie sonst erscheinen mag) alle überrollen wird. Das ist nicht mehr so wie Nixons Watergate-Skandal, das ist ein Mann, der ernsthaft die Frage stellt: "Wenn wir Atombomben haben, warum verwenden wir sie dann nicht?" Das ist schrecklich. Er wird Krieg bringen, er wird große Gruppen von Amerikanern entfremden, er wird heuchlerische und nur eigennützige Taten setzen. Und er hat kein Problem damit zu lügen. Wir müssen auf der Hut sein und müssen unsere Zeit und unser Geld für die Sache einsetzen, die dem Schutz unseres Landes und seiner Institutionen verpflichtet ist.

Charity: Ich traue es Trump nicht zu, dass er Konflikte anzettelt, um die Nation abzulenken und so zum Diktator zu werden. Ich habe eine positivere Einstellung als Bradshaw. Ich habe genug Vertrauen in unser Volk und unsere Regierung und denke, es könnte schlechter werden, aber nie katastrophal. Sicher, wir müssen wachsam sein, aber auch das wird vorübergehen. Wir müssen es nur durchstehen.

»Bitte denken Sie daran, dass Trump glaubt, dass Österreich und Australien das gleiche Land sei. Es dient Ihrer eigenen Sicherheit, dass er nie die Wahrheit erfährt.«

WOMAN: Gibt es noch etwas, das sie uns mitteilen möchten?

Bradshaw: Bitte denken Sie daran, dass Trump glaubt, dass Österreich und Australien das gleiche Land sei. Es dient Ihrer eigenen Sicherheit, dass er nie die Wahrheit erfährt.

Charity: Wir Amerikanerinnen und Amerikaner sind immer noch die umwerfend charmanten und hilfsbereiten Menschen, die wir schon immer waren; beurteilen Sie uns nicht auf Grundlage unseres Präsidenten. Bitte spenden Sie an Hilfsorganisationen in Österreich oder helfen Sie freiwillig. Wir sind alle eine Welt und ein Volk. Wir müssen nur anfangen, so zu handeln. Gott segne Sie und Gott segne die Vereinigten Staaten von Amerika.

Familie Bradshaw
Familie Bradshaw

Was ist der "Muslim ban"?

Ein präsidiales Dekret von Donald Trump hat festgelegt, dass muslimische Flüchtlinge prinzipiell die nächsten 120 Tage und Menschen aus den folgenden sieben muslimischen Ländern (egal welcher Religion sie angehören) die nächsten 90 Tage nicht in die USA einreisen dürfen: Syrien, Iran, Sudan, Libyen, Somalia, Jemen und Irak. Dies betrifft jedoch nicht nur Menschen, die dort leben, sondern ebenso Personen, die deren Staatsbürgerschaft noch tragen. Und beispielsweise die Staatsbürgerschaft des Irans kann man nicht zurücklegen, selbst wenn man wollte. Daher betrifft dieses Einreiseverbot ebenso zehntausende Österreicherinnen und Österreicher.

Trumps Beschluss betrifft auch tausende Österreicherinnen und Österreicher

Sogar Menschen, die bereits seit Jahren in den USA leben und die Green Card, also eine dauerhafte Aufenthaltsgenehmigung haben, dürften bei einer Urlaubsreise danach nicht mehr in ihr Zuhause zurück, da sie an der Einreise in die USA gehindert werden.

Dazu kommt, dass andere muslimische Länder, deren Einwohner sogar an Terrorattacken wie 9/11 beteiligt waren, von diesem Verbot ausgenommen sind: wie etwa Saudi Arabien, die Vereinigten Arabischen Emirate oder Ägypten.

Eine Anordnung, die eine eindeutige Diskriminierung darstellt und damit auch gegen die amerikanische Verfassung verstößt, wie viele Juristinnen und Juristen argumentieren - darunter ebenso die kommissarische US-Justizministerin Sally Yates, die daraufhin von Trump vorzeitig gekündigt wurde.

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