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Wie schützt man sich am besten vor dem mutierten Coronavirus?

Die neuartigen Varianten des Coronavirus sind besorgniserregend. Wir haben mit Mikrobiologin Sigrid Neuhauser die Frage geklärt, die uns alle auf der Zunge brennt: Wie schützt man sich denn eigentlich am besten?

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Wie schützt man sich am besten vor dem mutierten Coronavirus?

Diese Mundschutzmasken werden wir bald durch FFP2-Masken ersetzen.

© iStock

B117 hielt die Politik in den letzten Wochen in Atem hielt. Das mutierte Coronavirus wurde auch in Österreich gefunden. Eine Variante, die hoch ansteckend ist und somit die Infektionszahlen schneller in die Höhe schießen lässt. Um diese dynamische Situation einigermaßen unter Kontrolle zu halten, war die Verlängerung des Lockdowns unumgänglich.

Corona-Mutation könnte für Reinfektionen in Brasilien verantwortlich sein

Nun wächst die Sorge um eine weitere Variante des Virus: Brasilien hat derzeit mit der P.1.-Mutation zu kämpfen, die im Dezember entdeckt wurde und nun für einen rasanten Anstieg der Infektionszahlen in Manaus sorgt, obwohl bis November bereits drei Viertel der Bevölkerung mit dem Coronavirus infiziert waren. Diese Variante bereitet Wissenschaftlerinnen und Wissenschaftlern Sorge: Ein spezielles Spike-Protein reduziere die Erkennung durch Antikörper. Soll heißen: Menschen, die bereits eine Covid-19-Erkrankung durchlebt haben, könnten sich mit diesem mutierten Virus erneut anstecken. Die Forschungen dazu laufen auf Hochtouren.

Wir haben mit der Mikrobiologin Dr. Sigrid Neuhauser von der Uni Innsbruck gesprochen, um herauszufinden, wie wir uns im Alltag noch besser gegen das Coronavirus schützen können und was bezüglich der mutierten Varianten zu beachten ist.

WOMAN: Wie kann man sich vor der mutierten Variante B117 schützen?
Neuhauser: Die Maßnahmen gelten noch immer: Am besten schützt man sich, wenn man so wenig Menschen wie möglich trifft. Abstand halten, Maske tragen, Händehygiene, Lüften – all das bleibt bestehen. Speziell in Innenräumen gilt jetzt mehr Vorsicht: Hier sollte man den Kontakt zu haushaltsfremden Menschen meiden und ansonsten Maske tragen. Unsere Datenlage ist noch relativ eng, aber die FFP2-Masken schützen bei richtiger Anwendung sehr gut vor Ansteckungen.

Hier erfährst du übrigens alles, was du über FFP2-Masken wissen musst.

WOMAN: Wie sieht es mit Kontakten im Freien aus?
Neuhauser: Es reichen weniger Aerosole des mutierten Virus, um sich zu infizieren. Im Freien ist die Wahrscheinlichkeit geringer, dass man sich ansteckt – trotzdem sollte man um Gruppen auch draußen einen großen Bogen machen. Die Viren können sich in der kühlen Luft besser halten.

WOMAN: Postpakete entgegennehmen, Türklinken, Einkaufswagerl – wie vorsichtig sollte man sein, nachdem man mit diesen Oberflächen Kontakt hatte?
Neuhauser: Das mutierte Virus hält nicht länger auf den Oberflächen, aber wie gesagt: Es reichen weniger Viren, um sich zu infizieren. Deshalb ist die Handhygiene nochmal umso wichtiger. Laut unseren Beobachtungen wurden einige mit der Desinfektion des Einkaufswagens nachlässiger. Viele alte Verhaltensmuster haben sich inzwischen wieder eingeschlichen. Manche waschen ihre Hände beispielsweise nicht mehr ausreichend...

Unsere Studierenden beobachteten im Zuge eines Kurses das Verhalten von etwa 2.000 Personen im Supermarkt. Mittlerweile desinfizieren viele – wenn überhaupt – nur die Handinnenflächen und vergessen die Fingerzwischenräume und die Daumen. Nur 10 von 300 Personen haben die Hände im Supermarkt desinfiziert und von diesen 300 haben nur zwei Personen ihren Einkaufswagen gereinigt.

Dr. Sigrid Neuhauser


WOMAN: Kann man sich also auch in der kurzen Wartezeit an der Supermarktkasse anstecken?
Neuhauser: Das ist schwer zu sagen, dafür gibt es wenig Evidenz. Wenn man die mutierte Variante in sich trägt, ist man grundsätzlich ansteckender. Aber FFP2-Masken schützen wesentlich besser als herkömmliche Mundschutzmasken. Wenn man diese im Supermarkt trägt, ist die Wahrscheinlichkeit, sich dort anzustecken, verschwindend klein.

WOMAN: Viele glauben noch immer, dass sie ein starkes Immunsystem vor einer Erkrankung schützt …
Neuhauser: Desto fitter unser Immunsystem ist, desto besser können wir mit jeglicher Art von Erkrankung umgehen. In punkto Coronavirus haben wir nur leider schlechte Karten: Unser Körper kennt das Virus nicht. Dementsprechend sendet er keinerlei Immunantwort, sollten wir uns anstecken. Ob gutes Immunsystem oder nicht – dem Virus stehen auch bei einem gesunden Menschen alle Türen offen.

»Der mutierte Virus kommt leichter in den Körper und dadurch braucht es weniger Viren für eine Infektion. Deshalb muss man doppelt vorsichtig sein.«

WOMAN: Warum ist die mutierte Variante überhaupt ansteckender?
Neuhauser: Das B117 oder auch die in Brasilien neu entdeckte Variante binden sich besser an die Rezeptoren, die dafür sorgen, dass das Virus in die Zelle kommt. Das heißt vereinfacht gesagt: Es reichen weniger Viren, um sich zu infizieren.

WOMAN: Werden wir dadurch alle zu Superspreaders?
Neuhauser: Das weiß man leider noch nicht. Es kann sein, dass jeder, der sich mit der mutierten Variante infiziert hat, zum Superspreader wird. Es kann aber auch sein, dass die Menschen generell ansteckender werden.

WOMAN: Was ändert sich für Menschen, die sich bereits an alle Maßnahmen halten?
Neuhauser: Alle, die schon streng die Vorgaben befolgen, können eigentlich fast nichts mehr besser machen. Was allerdings auffällt: Sehr viele Menschen glauben, dass sie sich an die Maßnahmen halten, machen aber doch viele kleine Fehler. Daher ist es sinnvoll, noch einmal alle Routinen zu hinterfragen.

WOMAN: Was bedeutet die Mutation für Kinder?
Neuhauser: Kinder sind ganz grundsätzlich gleich ansteckend wie Erwachsene. Wie Beobachtungen zeigten, haben sie durch die mutierte Variante des Coronavirus häufiger Symptome. Das sieht man auch an den Daten aus Großbritannien. Deshalb ist in den Schulen weiter Vorsicht geboten.

WOMAN: Können Sie einen Ausblick auf die brasilianische Variante geben?
Neuhauser: Wie es aussieht, stecken sich einige Menschen, die bereits Antikörper haben, mit dieser Variante erneut an. Sie ist also insgesamt gefährlicher. Die Impfung könnte trotzdem greifen – man weiß noch nicht viel über dieses mutierte Virus. Bei der Entwicklung des Impfstoffs wurden verschiedene Variationen des Spike-Proteins eingebaut – Virusmutationen wurden also mitbedacht. Ob diese neue Virusvariante den Impfstoff unwirksam macht, wissen wir zum jetzigen Zeitpunkt noch nicht genau. Die Impfstoffhersteller sind aber sicher schnell dahinter und könnten den Impfstoff mit weniger Forschungsaufwand anpassen.

Thema: Coronavirus