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Mutter & Tochter-Konflikt

Distanziert, ehrgeizig oder liebevoll: Wie Mütter unser Leben bestimmen, welche Typen es gibt. Und wie wir Muster unseres Mutter-Tochter-Konflikts aufbrechen.


Mutter & Tochter-Konflikt
© Corbis

"Meine Mutter hat sehr viel geschluckt. Sich an der Seite ihres dominanten Mannes ihrem Schicksal ergeben! Auf mich hat sich das so ausgewirkt, dass ich zur Kämpferin wurde, lange Zeit männerverachtend durch die Welt gelaufen bin“, sagt Sam Jolig. Heute ist sie verheiratet, hat zwei süße Kinder und Ausbildungen zur systemischen Prozessbegleiterin und Körperpsychotherapeutin gemacht.

"Böse Mutter – gute Mutter"

In ihrem neuen Buch "Böse Mutter - gute Mutter“ befasst sie sich mit "der mächtigen Beziehung“ zu unserer Erzeugerin, der niemand so leicht entfliehen kann. "Entweder wird man als Tochter genauso wie sie oder komplett anders. Dazwischen gibt es nichts.“ So findet man in den Chefetagen so manche taffe Karrierefrau, deren Mutter im Hausfrauendasein aufging. Und die Nachbarin, die ein Messie ist, wurde mit hoher Wahrscheinlichkeit von einer ordnungsfanatischen Frau großgezogen. Lediglich wenn man die Muster erkennt, muss man nicht mehr - so oder so - das Leben der Mutter leben.

Mamaland: Erste Programmierung

"Wenn wir uns auf die Suche nach dem Ich begeben, uns die Frage stellen: Wer bin ich?, landen wir unweigerlich bei der Mutter!“, so Jolig. "In ihr sind wir entstanden, ein Herzschlag, ein Blutkreislauf. Sie hat uns geboren, gestillt, uns - und das ist noch immer die Regel - hauptsächlich versorgt.“

Dass die erste Programmierung schon im Mutterleib stattfindet, ist längst wissenschaftlich bewiesen. Die Befindlichkeit der schwangeren Frau verursacht Schwankungen im Hormonhaushalt , die sich auf das Kind auswirken. Ist die Mutter nervös, gestresst oder deprimiert, dann verändert sich ihr Hormonhaushalt. Produziert der mütterliche Organismus große Mengen des Stresshormons Cortisol, dann stellt sich das Ungeborene auf eine Welt ein, die furchterregend und bedrohlich ist. Und natürlich umgekehrt im positiven Fall.

Auch Erlebnisse bei der Geburt - läuft alles harmonisch oder ist etwa ein Notkaiserschnitt nötig? - sind auf der kindlichen Festplatte gespeichert. Die auch weiterhin vor allem mit "Infos aus Mamaland“ gefüttert wird. Viele Ängste, Sorgen, Einstellungen und Reaktionen der Mutter werden unbewusst übernommen. "Man weiß heute, dass ihre Prägung 80 Prozent ausmacht, die des Vaters 20“, so Jolig. Und das im besten Fall. Der Vater kommt erst ins Spiel, wenn das Kind vier, fünf Jahre alt ist.

Wie unsere Mutter unser Männerbild bestimmt

Davor hat Mama aber schon ihre Sicht der Dinge festgeschrieben. "Der Blick, den wir als Mädchen, als Frauen auf unseren Vater und damit auch auf Männer überhaupt bekommen, ist geprägt durch die Sicht unserer Mutter. Wir schauen sozusagen durch ihre Brille“, schreibt Jolig. "Es macht einen Unterschied, ob Mama sagt, wie toll der Papa ist, oder ob sie verachtend über ihn redet, weil er in seinem Leben noch nie was auf die Reihe bekommen hat. Und dass sowieso alle Männer Schweine sind!“

Ist der Vater überhaupt abwesend, kann es eine Frau in späteren Beziehung umso schwerer haben. "Da ist einerseits die erlernte Wut auf Männer, andererseits die Trauer darüber, vom Vater ‚nicht gesehen‘ zu werden.“ Die Muster wiederholen sich durch die Prägung von früher. "Wir kreieren uns später in Partnerschaften, Job etc. immer wieder das, was wir ganz früh gelernt haben. Die Psyche ist mit sieben Jahren fertig. Da ist alles, vergurkt oder nicht, drin im System. Weint Mami immer, weil Papa so ein Tyrann ist“, gibt Jolig ein Beispiel, was in Kinderköpfen vorgehen kann, "fühl ich mich verpflichtet, Mama glücklich zu machen. Oder empfinde ich meine Mutter als zu schwach, weil sie sich nicht auflehnt? Werde ich mich dafür später gegen alle Männer auflehnen? Oder mich auch immer von tyrannischen Männern angezogen fühlen?“

Auf der Suche nach der Herkunft geht es nicht darum zu verurteilen: "Auch die Eltern haben ihre Prägung erfahren!“ Es geht darum, so die Buchautorin, zu verstehen, warum wir so oder so handeln. Damit wir uns verändern können. Und die alten Muster nicht wieder an unsere Kinder weitergeben.

Welche Muttertypen es gibt

Es gibt natürlich Töchter, die nie wütend auf ihre Mütter sind, aber die meisten kennen das Pendeln zwischen den Gefühlen. Liebe , Hass, Anerkennung, Kränkung, Ohnmacht. Sam Jolig hat in ihrem Buch verschiedene Muttertypen gezeichnet und gezeigt, auf welche Knöpfe sie bei den Kindern drücken:

Ihre Macht ist die Unterdrückung: Räum auf! Jetzt hast du dich schon wieder schmutzig gemacht! Straffe Ordnungs- und Sauberkeitsprinzipien dienen der Mutter dazu, das Kind unter ständigem Druck zu halten. Erste Anflüge von Autonomie werden so unterdrückt. Das Kind lernt, dass nur Unterwerfung einen erträglichen Kontakt zur Mutter ermöglicht. Auch beim erwachsenen Kind will sie die Kontrolle haben. Die Tochter bricht entweder aus, wird im besten Fall ein Punk, oder sie lässt sich weiterhin, privat und im Job, von allen unterdrücken.

Sie forciert Konkurrenz: Montags Maniküre, dienstags Kosmetikerin, am Mittwoch Solarium und so weiter. Wenn man mit ihr unterwegs ist, zieht die schöne Mama alle Blicke auf sich. Wenn die Tochter älter wird, ist sie verunsichert: Darf sie schöner sein als die Mutter? Kommt sie zur Erkenntnis "Nein, darf ich nicht!“, wird sie sich in ein Graue-Maus-Dasein flüchten - oder aber sie nimmt die Konkurrenz an. "Diese Mädchen sind auf Kampf gepolt, müssen auch später mit jeder Frau in Konkurrenz treten“, erläutert Jolig, "sie wollen immer schöner, schneller und besser sein! Man findet sie gehäuft unter Schauspielerinnen, Moderatorinnen und Models.“

Sie muss gebraucht werden: Sie kocht, tut, macht, ist eine warmherzige, kuschelige Mama und stets zur Stelle, wenn jemand in Not gerät. Häuslichkeit und Fürsorge stehen auf ihren Fahnen. Sie braucht es, gebraucht zu werden. Die Gefahr kommt erst später - dass die erwachsenen Kinder das Gefühl haben, nicht aus den Kinderschuhen rauswachsen zu können. Mama weiß immer noch am besten, was gut für sie ist. Versucht man, sie einzubremsen, ist sie beleidigt. Das kann ganz schöne Schuldgefühle machen.

Bei ihr zählt Leistung: Sie ist erfolgreich im Beruf, hat ihr eigenes Geld und ihre Zeit perfekt durchstrukturiert. Sie bringt den Kindern schon früh bei, auf eigenen Beinen zu stehen. Mit guten Leistungen und erreichten Zielen kann man schon als Kleines bei ihr punkten. Das Muster, das so entstehen kann: Ich fühle mich nur geliebt, wenn ich etwas leiste!

Sie spielt mit Nähe und Distanz: Sie ist praktisch veranlagt, geht nüchtern und sachlich mit Themen um. Sie wirkt eher kühl und distanziert, Dramen und große Gefühle berühren sie wenig. Die Grundbedürfnisse des Kindes sind immer erfüllt worden, auch das erwachsene Kind kann auf eine rationale Mutter zählen. Doch zu einem sehr herzlichen, nahen Verhältnis kommt es selten. Das Spiel von Nähe und Distanz beherrscht sie gut, erzeugt auch beim großen Kind den Wunsch nach mehr Kontakt durch Rückzug. "Du meldest dich ja gar nicht mehr? Na dann brauchst du mich wohl nicht mehr in deinem Leben!“ Ein übernommenes Nähe-Distanz-Muster wird dem Sprössling aber in jeder Beziehung, bei Partnern, Kollegen, Freunden, zu schaffen machen.

An sie kommt keiner ran: Sie ist die Mutter, die scheinbar alles kann, sportlich, im Job oder als gutsituierte Ehe- und Hausfrau erfolgreich, immer perfekt gestylt und anscheinend gut drauf. Alles ist bei ihr super und toll. Vielleicht ist sie sogar eine berühmte Künstlerin. Der Erwartungsdruck an die Kinder ist groß. Und sie versteht es auch, zu manipulieren. "Wenn du jetzt nicht lieb bist, gehen wir morgen nicht in den Zoo!“ Oder: "Ich hoffe doch, dass du das Tennismatch gewinnst.“ Die erwachsenen Kinder geben entweder klein bei, leiden vielleicht an Versagensängsten, oder der Kampf geht weiter: Wer hat das bessere, spannendere Leben?

So lösen wir Verstrickungen

Schuldgefühle, Ängste, leichtes Gekränktsein, Wutausbrüche, Angst vor Männern, schlechter Umgang mit Frauen: Viele Probleme haben so ihre Ursachen in frühesten Mustern. "Aber in Unfrieden mit der Mutter zu sein, vielleicht gar den Kontakt abzubrechen, sie zu hassen, das bringt nichts!“, weiß Sam Jolig. "Wenn Sie Ihre Mutter ablehnen, lehnen Sie damit auch immer einen Teil von sich selbst ab.“

Ungelöste Mutter-Verstrickungen können nicht nur psychische, sondern auch körperliche Beschwerden auslösen wie Asthma, Gastritis, Bulimie und mehr. Joligs Vorschlag: sich das DAVI-Prinzip aneignen. Danken, für alles Gute, das es sicher gibt, annehmen, was immer man vorgesetzt bekam, dann verzeihen und die Geschichte, so wie sie eben geschrieben wurde, ins Leben integrieren. "Wenn man seine Muster kennt, spürt man dann auch, wenn sie wieder mal anticken: Ach, jetzt bin ich schon wieder kurz vorm Ausrasten, weil ich mich fürchte zu versagen, weil ich Angst habe, nicht gesehen zu werden, weil ich mich bevormundet fühle!“

Perfekte Symbiose

Ist man sich der Muster nicht bewusst, kann es in Partnerschaften zu "Verwechslungen“ kommen. Man schlüpft unbewusst in die Rolle des Kindes, das typischerweise laut wird, trotzt und gewinnen will, und lässt dem Partner die Mutterrolle zukommen. Paare reagieren so oft auf unverheilte Wunden der Vergangenheit und nicht auf das, was sich gerade zwischen ihnen abspielt. Frauen, die eine lieblose Mutter hatten, überfordern den Partner oft damit, ständig Liebesbeweise erbringen zu müssen. "Und“, erläutert Jolig, "wir kennen ja alle diese Sehnsucht nach der perfekten Symbiose mit dem Mann. Dem Mann, der alles hat. Liebevoll ist, mit dem man lachen kann, mit dem der Sex super ist und, und, und. Dahinter steckt der ursprüngliche Wunsch, mit der Mutter verschmolzen zu sein.“

Wenn das Vertrauen fehlt

Kein leichtes Paket trägt man auch mit sich, wenn früh das Urvertrauen flöten gegangen ist. "Das kann schon in der Schwangerschaft passieren oder bei einer komplizierten Geburt“, zeigt Jolig auf. Oder auch später, wenn die Mutter dem Kind nicht das Gefühl gibt, wichtig zu sein. Wenig Selbstliebe und Selbstvertrauen sind die Folge. Was, wie man weiß, kein gutes Rüstzeug ist.

"Ich empfehle fürs Erste, sich am Tag mindestens dreimal bewusst selbst zu beobachten“, rät die Therapeutin. "Was mach ich grad? Wie spreche ich? Wie viel Kraft ist in dem, was ich tue? Was ist mein Thema? Sind gewisse Punkte wie ein Trigger, die mich zum Explodieren bringen? Hab ich kein Vertrauen? Kann ich die Kontrolle nicht abgeben? Muss ich immer alle versorgen?“ Hilfe von Profis steht mittels diverser Therapieformen (u. a. Familienaufstellungen) zur Verfügung.

Vergeben wir unserer Mutter

"Versuchen Sie, Ihre Mutter als das zu sehen, was sie ist, und nicht als das, was sie sein soll“, rät Jolig. Sie hat dich nicht bedingungslos geliebt? Vielleicht, weil sie’s einfach nie gelernt hat. Versuche anzunehmen, warum deine Mutter, vielleicht aufgrund ihrer eigenen Erziehung, so und nicht anderes gehandelt hat. Das heißt nicht, alles zu entschuldigen. Aber Frieden zu schließen macht frei!

Redaktion: Miriam Berger

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