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Nach 251 Tagen in Gefangenschaft der Al-Kaida: "Wir haben vor nichts mehr Angst!"

Es war das mediale Ereignis vor zehn Jahren! Nach 251 Tagen in Gefangenschaft der Al-Kaida wurden Andrea und Wolfgang Ebner freigelassen. In WOMAN erzählt das Paar exklusiv, wie es heute lebt und dieses furchtbare Trauma überstanden hat.

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Andrea und Wolfgang Ebner
© WOMAN/ Susi Berger@ Franz Neumayr

Kann man so ein Horrorszenario je überwinden? 251 Tage von islamistischen Extremisten in der Sahara festgehalten. Die meiste Zeit davon auf einem ein Quadratmeter großen Platz kauernd. Die tägliche Essensration: ein mit Maden übersätes Stück Brot. Dazu die Angst, man könnte jede Minute erschossen werden. Wie lebt man mit dieser Grenzerfahrung? Diese Frage drängt sich auf, als wir in der kleinen Salzburger Ortschaft St. Martin die Serpentinenstraße zum Haus von Andrea und Wolfgang Ebner hochfahren. Fast ein Jahr waren sie 2008 in Geiselhaft. Nach zähen Verhandlungen der österreichischen Regierung mit den Kidnappern wurde das Paar am 31. Oktober 2008 freigelassen.

Jetzt wartet Andrea Ebner vor ihrem abgeschieden gelegenen Holzhaus auf uns. Blendend sieht sie aus, braungebrannt und strahlend. Kein Vergleich mehr zu den abgemagerten Auftritten, die nach ihrer Befreiung weltweit für Erschütterung sorgten. "Griaß eich!", ruft sie uns im Salzburger Dialekt entgegen. "Der Wolfgang kommt vielleicht später. Er redet halt nimma so gern über diese Zeit." Also nehmen wir mit Andrea allein auf der Terrasse mit Blick aufs Tal Platz. In unserem Gespräch gibt sich die 54-Jährige zunächst gelassen. Doch nach und nach dringen die qualvollen Momente wieder an die Oberfläche...

WOMAN: Wie sehr leiden Sie noch unter den zurückliegenden Qualen?
ANDREA: Bewusst gar nicht. Wir wollten so schnell wie möglich in die Normalität zurückkehren und sofort wieder arbeiten. Wolfgang als Steuerberater und ich als Pflegehelferin beim Hilfswerk. Man hat uns jedoch zu einer Therapie geraten, die wir dann eine Zeit lang gemacht haben. Die Psychologin meinte, dass ich extrem reagieren könnte, wenn ich wieder in ein arabisches Land reise.

WOMAN: Haben Sie es denn ausprobiert?
ANDREA: Ja, auf unserer Hochzeitsreise 2010. Wir wollten nach Frankreich, Spanien und Marokko. Damals galt Marokko noch als sehr sicher. Doch schon der Anblick der vermummten Damen in den Burkas hat gereicht. Ich wollte sofort wieder umdrehen. Wir haben es trotzdem durchgezogen. Das war das letzte Mal, dass wir ein arabisches Land besucht haben. Selbst Großstädte sind für mich ein No-Go geworden. Schon nach Hallein zu fahren, fällt mir schwer. Meine Familie lebt dort, aber nach ein paar Stunden möchte ich nur mehr heim.

WOMAN: Nach Ihrer Freilassung wurden Sie mit dem Vorwurf "Tunesien als Reiseziel! Selbst schuld!" konfrontiert.
ANDREA: Für Tunesien gab es damals keine Reisewarnung. Im Grunde hätte das, was uns widerfahren ist, jedem passieren können. Wir waren in der Nähe eines kleinen Orts mit unseren beiden Schäferhunden spazieren. Plötzlich hörten wir Autogeräusche. Wir dachten an eine Militärkontrolle. Als mir gleich eine Haube über den Kopf gezogen wurde, war klar, dass das etwas anderes ist. Die Entführer sind mit uns stundenlang durch die Wüste gefahren, bis sie fernab der Zivilisation ein Lager aufgeschlagen haben. Unsere Hunde haben sie noch am Nachmittag des ersten Tages erwürgt.

WOMAN: Gibt es Situationen, in denen Sie von damals eingeholt werden?
ANDREA: Beim Gestank von Benzin oder beim Anblick von Brot kommt einiges hoch. Wir haben kaum etwas anderes zu essen bekommen. Vor einiger Zeit hätte ich eine alte Dame, die in unmittelbarer Umgebung eines Asylantenheimes lebt, betreuen sollen. Ich konnte es absolut nicht. Verstehen Sie mich nicht falsch: Ich bin sicher kein Rassist. Aber ich war wieder in der damaligen Situation drinnen. Ich habe nichts gegen Moslems, aber ich erkenne die radikalen und die harmlosen. Einerseits am Blick, andererseits am Schnitt ihrer Bärte. Völlig egal, welche Religion oder politische Ausrichtung es betrifft: Mit Radikalismus wollen wir nichts zu tun haben.

WOMAN: Leben Sie heute bewusster?
ANDREA: Ja. Ich bin ja eigentlich ein sehr ungeduldiger Mensch. In der Gefangenschaft wurde mein Geduldsfaden völlig ausgereizt. 251 Tage runterzählen ist leicht, aber raufzählen und nicht wissen, wann es zu Ende ist, das ist schlimm. Ich bin sicher auch allgemein zufriedener.

WOMAN: Was hat Ihnen während der Geiselhaft am meisten geholfen?
ANDREA: Der strukturierte Tagesablauf, den Wolfgang und ich entwickelt haben. Wir haben uns die Miniration an Brot und das Stoffsackerl mit grobem Salz, das wir in der Früh bekommen haben, über den Tag eingeteilt. Ein kleines Stückerl um sieben Uhr, eines um zehn Uhr und so weiter. Gegen Ende der Haft gab es nur mehr Brot, das mit Käfern übersät war, dazu Wasser, das nach Benzin geschmeckt hat. Wolfgang hat mir Englisch beigebracht, ich habe Tagebuch geschrieben und wir hatten Koran-Unterricht. Wir durften auch Karten spielen. Aber erst nachdem wir die Figuren unkenntlich gemacht hatten. Laut Mohammed zeigen Tier und Menschenabbildungen angeblich den Satan. Wolfgang und ich haben uns auch aus unseren Leben erzählt. Zu diesem Zeitpunkt kannten wir uns ja erst ein halbes Jahr.

WOMAN: Gab es Momente, in denen Sie aufgeben wollten?
ANDREA: Zum Glück waren wir nie gleichzeitig verzweifelt. Aber kurz vor der Freilassung war ich komplett fertig und dachte: Hier kommen wir nie wieder raus. Da hat dann Wolfgang gesagt:"Wir schaffen das, wirst sehen." Wir wussten: Wenn wir das überstehen, hält unsere Beziehung für immer.

WOMAN: Durften Sie denn die ganze Zeit über zusammenbleiben?
ANDREA: Ja, zum Glück! Aber nur, weil Wolfgang behauptet hat, dass wir verheiratet sind. Als Frau war ich das Letzte für die Verbrecher. Es gab nie eine direkte Kommunikation, nur über Wolfgang. Wenn sie sich an mich gerichtet haben, dann mit abfälligen Handbewegungen oder um mich anzutreiben: "Na geh schon " Selbst wenn ich Wasser wollte, bekam ich es nur, wenn Wolfgang gesagt hat, er braucht es für sich.

WOMAN: Also gab es mit der Zeit keine Annäherung mit den Geiselnehmern?
ANDREA: Nein. Es waren ja insgesamt 72, die sich ständig bei unserer Aufsicht abgewechselt haben. Zum Glück haben sie uns nie körperlich attackiert. Manche waren zugänglicher, andere weniger. Aber ihr Verständnis und ihre Lebensweise sind komplett konträr zu unserer. Sie waren völlig uneinsichtig. Wolfgang hat öfter versucht, mit ihnen über ihren Glauben zu diskutieren. Die Burschen, außer jenen, die verheiratet waren, haben zum Beispiel nicht einmal gewusst, wie eine Frau wirklich aussieht. Das waren großteils junge Männer, die studiert hatten. Aber sie glaubten an Jungfrauen im Paradies, die vor dem Geschlechtsverkehr durchsichtig sind und sich danach wieder regenerieren.

WOMAN: Haben Sie je an Flucht gedacht?
ANDREA: Während sie gebetet haben, haben sie ihre Waffen in unserer Nähe deponiert. Dann überlegt man natürlich, wie es wäre, ein Gewehr zu nehmen und anzufangen, auf sie zu schießen. Gleichzeitig dachte ich: Wie weit würden wir überhaupt kommen, bis sie uns doch überwältigen?

WOMAN: Was haben Sie in dieser schweren Zeit am meisten vermisst?
ANDREA: Meine Familie! Ab und zu durften uns Verwandte anrufen. Den Zeitpunkt haben die Kidnapper dem Außenministerium mitgeteilt. Es war schwierig, da wir kaum Satellitenempfang hatten. Und dann blieb das Telefon still! Können Sie sich das vorstellen? Das war die Hölle! (weint) Man gewinnt den Eindruck, keiner interessiert sich mehr für einen, man wurde zu Hause schon vergessen. Dann überlegt man, ob die alle nur an die Lebensversicherung wollen. Im Nachhinein stellte sich heraus, dass unseren Kindern von den Behörden geraten wurde, Anrufe zu unterlassen, da die Situation für uns dann noch schwerer auszuhalten wäre. Einmal hat sich einer meiner Söhne gemeldet, um mir mitzuteilen, dass ich Oma werde.

WOMAN: Apropos Kinder: Die Freude bei ihnen war sicher groß, als Sie frei waren.
ANDREA: Unterschiedlich. Wolfgang hat einen Sohn und zwei Töchter, ich habe eine Tochter und zwei Söhne. Alle waren damals schon fast erwachsen. Sie waren mit der Situation überfordert. Ich wollte, dass mich meine Kinder zur Therapie begleiten. Das haben sie dann kurz gemacht. Mit meiner Tochter habe ich heute ein perfektes Verhältnis. Einer meiner Söhne war sehr distanziert und ist es noch immer. Er weiß, die Türe steht immer offen, aber erzwingen kann ich nichts. Wolfgang ist mit seinem Sohn sehr gut, mit seinen Töchtern ist es schwieriger.

WOMAN: Und wie hat Ihr Umfeld nach Ihrer Rückkehr reagiert?
ANDREA: In den Ortschaften, in denen man uns persönlich kennt, wie Hallein und St. Martin am Tennengebirge, ist man uns auch verschieden begegnet. Bis heute ist die Hauptfrage: Na? Und? Wart ihr jetzt wieder einmal unten? Dann denke ich: Haben die keine anderen Sorgen? Viele haben auch gemeint, dass wir selber schuld seien. Und wir sollten doch dafür zahlen. Man hat uns auch geraten, nicht auf Facebook zu gehen, denn das öffne nur das Tor für böse Kommentare. (Wolfgang Ebner nimmt nun doch bei uns Platz...)

WOMAN: Wie sehr hat Sie diese Grenzerfahrung verändert?
WOLFGANG: Ab und zu habe ich noch Albträume. Die empfinde ich aber nicht als allzu belastend, eher wie ein Reset. Dann gehen mir Gedanken durch den Kopf, was ich damals besser hätte machen können.

WOMAN: Über eine Lösegeldzahlung wurde offenbar Stillschweigen vereinbart?
WOLFGANG: Die Frage ist damals öfter gekommen. Nur so viel: Wir waren eine Okkasion im Vergleich zu Entführungsopfern aus anderen Ländern (laut "New York Times Magazine" waren es zwei Millionen Euro, Anm. der Redaktion).

WOMAN: Wovor haben Sie heute Angst?
WOLFGANG: Wir waren beide nie besonders ängstlich. Aber jetzt haben wir vor nichts mehr Angst. Sagen wir so: Es gibt selten Situationen, in denen Adrenalin ausgeschüttet wird. Ist man ständig mit dem Tod in Kontakt, hat er irgendwann keine Bedeutung mehr. Aber der Umgang mit Menschen hat sich sehr verändert. Ich versuche etwa, Probleme jetzt immer direkt, sofort mit den Leuten zu lösen. Früher habe ich mehr Rücksicht auf Befindlichkeiten genommen und überlegt, ob ich jemanden verletzen könnte. In Stresssituationen kann ich eine unglaubliche Ruhe entwickeln. Erst wenn ich so einen bestimmten Blick bekomme, fürchten sich alle. (lacht) Dann zucke ich manchmal auch ein bisserl aus. Andrea und mich zieht es auch nicht mehr unbedingt in die Nähe von Menschen. Deshalb leben wir auch so zurückgezogen. Das gefällt uns. Wir haben hier unseren Frieden gefunden.

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