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Be nude, Dude!

Hola die Waldfee! Im Wiener Strandbad Gänsehäufel gibt es derzeit nackte Männer zu sehen. Nicht im FKK-Bereich, sondern im Rahmen des Kunstprojektes Sidestep. Alle Infos (und Bilder!).

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Be nude, Dude!

Kann man lassen: Männliches Aktmodell

© Renate Medwed

Ein Mann, ein splitterfasernackter Mann! Was man sonst nur im abgeschlossenen FKK-Bereich des Wiener Strandbads Gänsehäufel sieht, ist nun für jeden der rund 500.000 Besucher, die von Juli bis September ins Donaubad pilgern, ausgestellt. Auf 1,50 Meter Höhe aufgezogen (also nicht ganz in Lebensgröße – aber trotzdem durchaus ansehnlich) sind die zwölf Bilder im Rahmen eines Fotoprojekts zu sehen.

"Sidestep" nennt sich das Akt-Kunstprojekt der Wiener Fotografin Renate Medwed, die damit männliche Nacktbild-Stereotypen auflösen möchte. WOMAN-Redakteurin Anna D. Dichen hat mit ihr über die Erotik nackter Männer und dem interessanten Vergleich zur weiblichen Akt-Fotografie gesprochen.

»Männliche Nacktheit wird oft in Stereotypen vom harten Mann inszeniert – Frauen finden andere Darstellungen sexy«

WOMAN: Was hat dich als Frau veranlasst, Männer-Akte zu fotografieren?
Renate Medwed: Der Frauenakt ist Usus, Männerakt-Kunst gibt es so gut wie nicht. Womit die Zielgruppe Frau visuell unterversorgt ist. Ich habe mit vielen Frauen gesprochen: Sie fühlen sich gelangweilt durch die enorme Präsenz der vielen halbnackten Frauen in Werbung und Medien allerorts. Es existiert zwar Männerakt-Kunst, in Nude-Kalendern beispielsweise, das sind aber eher Abbildungen von Stereotypen, mit Sixpack bewaffnet, hart dargestellt, schmutzverschmiert, mit Motorrad im Hintergrund; der Mann möchte sich also für sich selbst positiv darstellen. Für die Frau ist diese männergefällige Kunst allerdings bloß ein ‚Hingucker‘. Und es fehlt das Entscheidende: die SEELE. Frauen ticken anders. Wir empfinden andere Themen als ‚sexy‘ und ansprechend, und reagieren auch im visuellen, erotischen Sinne mehr auf Persönlichkeit, Humor, Witz, Charme und Esprit denn auf die Perfektion des körperlichen Zustandes eines Mannes. In meinem Fotoprojekt kriegt der Betrachter ebenso einen kleinen Einblick in die Seele des Akt-eurs, durch persönliche Statements der Models auf Textebene; ein weiterer Punkt, der bei Frauen erogen wirken kann.

WOMAN: Woran liegt es, dass männliche Akt-Fotografie oft so stereotyp ausfällt?
Medwed: Der Hauptgrund mag darin liegen, dass viele Künstler dieser Art männliche Fotografen und Ideenerzeuger sind. Die ursprüngliche Wertung ist dadurch eine andere: Ein Mann fotografiert einen anderen Mann, und Punkte wie Revierabsteckung, Beeindruckung à la, „ich bin cooler“, „ich bin schöner“, „ich bin stärker“, „ich bin schneller“, „ich bin perfekt“ werden behandelt, anstelle auf die Bedürfnisse des Zielpublikums "Frau" zu achten.

WOMAN: Warum gibt es so wenige Fotografinnen, die sich an Akte heranwagen?
Medwed: Tatsächlich gibt es unter den Fotografen generell weniger als ein Drittel Frauen. Angst spielt bei Akt-Fotografie sicher eine Rolle – Frauen fühlen sich oft unbehaglich, wenn sie mit einem nackten Mann allein im Studio sind. Dazu gibt es auch noch eine diffuse Angst vor Grenzüberschreitungen. Und empathische Fotografinnen befürchten, ihren Mann zu Hause zu verärgern oder zu irritieren, wenn sie daheim von ihrem Arbeitstag mit einem nackten Mann erzählen...

WOMAN: Für das Projekt standen zwölf deiner Kollegen – allesamt Fotografen – Modell. Nach welchen Kriterien hast du sie ausgewählt?
Medwed: Es galt, die Persönlichkeit dieser Männer fotografisch einzufangen – egal welcher Statur und welchen Alters, ohne Statussymbol. Dem eigentlichen Interesse des weiblichen Kunst-Betrachters entsprechend. Zudem wissen die Fotografen, wie schwierig es oft ist, bestimmte Posen als Akt-Modell zu halten und konzentriert zu arbeiten. Außerdem wollte ich mit dem Kunstprojekt den Fotografen zusätzlich von seiner Profession trennen und ihn völlig nackt darstellen.

WOMAN: Das Projekt heißt "Sidestep" – was ist die tiefere Bedeutung des Titels?
Medwed: "Sidestep" heißt so viel wie: Seitensprung. Es ist damit eigentlich der Berufsrollentausch gemeint, vom Subjekt (Fotograf) zum Objekt (Model), und verleiht dem gesamten Projekt auch namentlich Humor. Es hat also mit ‚Betrug‘ am eigenen Beruf im herkömmlichen Sprachgebrauch-Verständnisses nichts zu tun, und doch wird damit kokettiert.

WOMAN: Wurde durch dieses Projekt, wie man so schön sagt, die „weibliche Seite“ des Mannes betont?
Medwed: Ganz im Gegenteil! Es geht darum, den Mann in seiner vollen Stärke zu zeigen, und auch in seiner Nacktheit, also in seiner Schwäche, in seiner Verwundbarkeit. Die Schwäche hier zu überwinden, bedeutet Stärke, wie wir wissen.

WOMAN: Es ist ja erstaunlich, wie schnell und problemlos das Projekt verwirklicht werden konnte...
Medwed: Nachdem meine Wahl auf das Strandbad Gänsehäufel gefallen ist, gab netterweise das Magistrat 'Städtische Bäder' den sofortigen Sanktus. Nach diesem Okay hat die "WKO Wien – Die Berufsfotografen" die gesamte Organisation auf der Stelle übernommen, zumal aus diesem Projekt ein Aktkalender für 2014 entsteht, dessen Erlös dem Sozialfonds für Fotografen, welche unverschuldet in Not geraten sind, zugutekommt. Der Sozialfonds wurde erst durch diese Projekt-Initiierung ins Leben gerufen – und das war die Idee der WKO.

WOMAN: Wie geht es mit dem Projekt weiter?
Medwed: Es wird wegen des großen Erfolges auch ein „Sidestep 2014“ geben: Es werden wieder zwölf Männermodels präsentiert. Der Fokus für 2014 liegt in der Emotion pur aller Objekt-Darsteller, und das wieder: komplett nackt.

Thema: Sex & Erotik