Ressort
Du befindest dich hier:

Nadia Krasteva mimt die Carmen: die Opern-sängerin an der Seite von Anna Netrebko

Die talentierte Bulgarin Nadia Krasteva, 34, wird Opernsuperstar Elina Garanca an der Seite von Anna Netrebko als „Carmen“ in der Staatsoper vertreten. Das Exklusiv-Interview.


Nadia Krasteva mimt die Carmen: die Opern-sängerin an der Seite von Anna Netrebko
© privat

Am 3. Mai sollten die Opernsuperstars Elina Garanca und Anna Netrebko in „Carmen“ in der Wiener Staatsoper erstmals gemeinsam auf der Bühne stehen. Knapp zwei Wochen vor der von Fans lang ersehnten Premiere kam die unerwartete Nachricht: Garanca sagte ihren Auftritt nach einer Operation aus gesundheitlichen Gründen ab. Kurzfristig holte Staatsopernchef Ioan Holender die Bulgarin Nadia Krasteva, 34, statt Garanca ins Scheinwerferlicht. Die in Wien lebende Sängerin hatte seit 2002 zwar führende Rollen an der Wiener Staatsoper inne, doch stand sie bisher mehr im Hintergrund. Jetzt hat sie eine große Chance: Die Partie der Carmen hatte die Mezzosopranistin schon zehn Mal in verschiedenen Varianten und renommierten Opernhäusern der Welt gesungen. Am 3.5. wird sie mit besonderem Einsatz als Carmen auf der Bühne stehen: „Die Messlatte liegt hoch“, sagt die 34-jährige Krasteva, die gemeinsam mit Anna Netrebko statt Garanca die erste Partie singen wird, „Ich bin sehr nervös!“. WOMAN bat die talentierte Sängerin und Mutter einer 13-jährigen Tochter zum Interview.

WOMAN: Sie wurden kurzfristig für die Rolle der Carmen an Stelle von Elina Garanca für die erste Partie an die Seite von Anna Netrebko geholt. Wie haben Sie davon erfahren?

Krasteva: Zwei Wochen vor der Premiere probte ich gerade in der Oper. Ioan Holender ersuchte mich, die Titelrolle zur Vorsicht mitzuproben, weil Elina Garanca noch nicht genesen war. Vier Tage später er wieder in den Proberaum: Er hielt ein Schreiben von Garancas Agentur in Händen und bat mich, die Vorstellungen zu übernehmen.

WOMAN: Wie haben Sie auf diese Nachricht reagiert?

Krasteva: Ich habe mich sehr gefreut! Aber meine Gefühle sind gemischt: Ich weiß, dass das Wiener Publikum lange und ungeduldig darauf gewartet hat, die großen Stars Elina Garanca und Anna Netrebko in einer Vorstellung zu erleben. Das gab es in Wien noch nie! Ich werde mein Bestes geben, obwohl ich mich schon ein wenig seltsam fühle...

WOMAN: Was machen Sie gegen die Nervosität?

Krasteva: Ich versuche, genug zu schlafen: Das ist für die Stimme sehr wichtig. Die letzten Tage habe ich täglich Proben auf der Bühne, treffe mich mit Choreografen, Kostümbildnern, Visagisten. Ich konzentriere mich maximal, obwohl ich fit bleiben muss.

WOMAN: Sie hatten in renommierten Opernhäusern auf der ganzen Welt große Partien in Produktionen wie „La Favorite“, „Don Carlo“, „La Forza del Destino“, „Aida“, „Requiem“ und vielen mehr gesungen. Seit acht Jahren sind sie an der Staatsoper mit führenden Rollen fix engagiert. Bisher standen Sie mehr im Hintergrund - jetzt haben eine ganz große Chance...

Krasteva: Ja, es ist eine große Chance! Und Carmen ist eine meiner Lieblingspartien. Ich habe sie schon in vielen verschiedenen Produktionen, Städten und Varianten gesungen – von klassisch bis modern. Sie ist nichts Neues für mich. Bloß ist die Situation für mich schwierig.

WOMAN: Welche Beziehung haben Sie zu Elina Garanca und Anna Netrebko?

Krasteva: Eine sehr gute. Elina Garanca und ich haben hier in Wien an der Oper vor vielen Jahren angefangen und standen in der „Zauberflöte“ gemeinsam auf der Bühne. Sie ist eine großartige Künstlerin und ein sehr netter Mensch. Anna Netrebko habe ich nach einer meiner Vorstellungen Hoffmanns Erzählungen kennen gelernt. Sie stand im Korridor und gratulierte mir zu Giulietta. Wir haben geplaudert und uns gut verstanden. Sie ist sehr sympathisch, hat keine Allüren trotz großem Ruhm. Ich mag es, wenn ein Mensch auf der Bühne zeigt, was er kann – und sonst er selbst bleibt.

WOMAN: Wie haben Sie Ihre Berufung, zu singen, entdeckt?

Krasteva: Ich habe als Kind in einem renommierten bulgarischen Kinderchor gesungen. Wir machten viele Tourneen und sangen Konzerte. Dort lernte ich, wie man richtig atmet, Texte spricht, singt und die Stimme entwickelt. Wir waren in der ganzen Besetzung mehrere Hundert Kinder und ich dachte nie, dass ich Chancen auf eine Solokarriere hätte. Mit 17 Jahren holte mich der Dirigent aus dem Chor und fragte mich, ob ich mit Solosingen weitermachen möchte. Ich nahm Privatstunden, besuchte die Musikschule und die Musikakademie. Meine erste Rolle war Sally Bowles in „Caberet“ am Nationalen Musiktheater in Bulgarien. 2002 hatte ich als Fenena in „Nabucco“ an der Wiener Staatsoper mein Debut.

WOMAN: Carmen ist die Paraderolle schlechthin für eine Mezzosopranistin wie Sie, das Werk ist die bekannteste und am meisten gesehene Oper aller Zeiten. Was bedeutet diese Oper für Sie persönlich?

Krasteva: Sehr viel: Diese Oper hat mich dazu inspiriert, Opernsängerin zu werden. Jedes Kind kennt Carmen, und die wunderbare Ouvertüre. Carmens Personage bewegt mich sehr. Diese Frau ist nicht nur oberflächlich schön, sondern sehr provokativ und interessant. Doch nicht jeder mag Carmen.

WOMAN: Wie sehen Sie die Charaktere dieser vielfältigen Frau?

Krasteva: Jeder sieht Carmen anders: Der eine sieht in ihr einen wilden Panther, der andere eine schnurrende Katze – eine erotische Frau, die gerne mit vielen Männern flirtet und Spaß dabei hat. Carmen hat auch ein bisschen Aggressivität, weil die Zigeuner sehr leidenschaftlich sind. Und sie hat eine mystische, fatale und dunkle Seite. Wenn sie in ihren Schicksalskarten versunken ist, wirkt sie wie eine junge, hübsche, moderne Hexe! Diese Tiefgründigkeit macht sie so anziehend: Jeder spürt ihre Abgründe, doch man kann sie nicht so recht einordnen. Carmen hat viele Gesichter. Das Wichtigste ist: Diese Frau ist getrieben und versteht sich selbst manchmal nicht. Sie ist innerlich eine unruhige Person, hat ständig Konflikte mit sich selbst. Sie kann kein normales Leben führen, sondern braucht die Freiheit, die Spannung und das Abenteuer. Das führt oft zu Problemen, Skandalen und Ausbrüchen. Carmen macht, was sie will! Sie lebt radikal im Augenblick. Carmen ist frei geboren und sie stirbt frei. Das ist die Idee hinter ihrer Charaktere.

WOMAN: Durch und durch Individualistin...

Krasteva: Auch heute gibt es Personen, die nicht leicht zu bändigen und zu zähmen sind. Aber die Gesellschaft hat ihre Regeln, weil die meisten Menschen wollen, dass wir folgen. So ist es am einfachsten, Leute zu führen. Carmen lässt sich nicht führen. Sie ist so wie sie ist und stellt ihre Freiheit über alles.

WOMAN: Wie viel von Carmen steckt in Ihnen?

Krasteva: Ich bin Carmen in vielen Hinsichten sehr ähnlich. Es gibt Dinge, die ich zu bestimmten Zeiten so wie Carmen gespürt habe. Zum Beispiel, dass sie abergläubisch ist, allein sein möchte oder flirtet und nicht genau weiß, was sie will. Ich kenne auch diesen Fatalismus, der alles führt und mit sich nimmt. Ich erlebte Momente in denen ich spürte, dass dieser Lebensstil nicht so einfach ist... Das Leben ist nicht Schwarz oder Weiß, es gibt Zwischennuancen.

WOMAN: Machen es die Zwischennuancen manchmal auch so schwierig...?

Krasteva: Manchmal weiß man so gar nicht was man will – oder ist nicht bereit für etwas. Ich hatte immer wieder Konfrontationen mit mir selbst. Carmen strebt immer nach Neuem, Unbekanntem, das sie fasziniert und weiterbringt. Sie ist eine Frau, die sucht und nicht findet. Sie will frei sein – auch wenn sie liebt. Don José aber will sie besitzen, er wollte sie verändern und zähmen. Mit seiner Eifersucht hat er sie von sich weggebracht.

WOMAN: Ein Szenario des Alltags in vielen Beziehungen...

Krasteva: Wenn die Menschen nicht auf Regeln hören sondern auf ihr Herz, werden sie merken, dass sie nur glücklich und frei lieben können, wenn sie sich unbelastet fühlen. Das klappt nur, wenn sie nicht ständig spüren, dass der Partner sie ändern möchte. Bestimmt gibt es auch Menschen, die gut klar kommen mit den Regeln. Weil sie so gebaut sind, dass sie lieber auf ihren „gesunden“ Verstand hören und nicht auf das große Gefühl.

WOMAN: Könnten wir uns ein wenig mehr von der leidenschaftlichen Carmen abschauen?

Krasteva: Es gibt schon Menschen, die wie Carmen auf Ihr Innerstes hören. Bei denen die Regeln aus dem Inneren kommen und nicht von außen. Carmen kann alle belügen, aber sie selbst belügt sich nicht. Ich glaube, die Menschen sollten viel mehr auf ihr Gefühl und ihr Herz hören. Die meisten leben mehr nach ihrem Kopf. Es wäre sehr gesund, wenn man sich dessen bewusst ist, dass man sich nicht selbst anlügen muss. Jeder würde als Mensch besser funktionieren, wenn er mehr seinen inneren Bedürfnissen, Träumen und seinem Willen folgen würde. Das was Gesetze oder andere sagen, ist nicht immer sein eigenes Innerstes. Wenn ein Mensch immer nach den Regeln der anderen lebt, wird er irgendwann krank oder innerlich sehr unterdrückt. Viele Menschen haben Angst vor ihrer Wahrheit.

WOMAN: Die innere Stimme wird oft unterschätzt.

Krasteva: Oh ja! Die innere Stimme ist etwas sehr weises. Nur wer auf die innere Stimme hört, kann glücklich und gesund leben.

WOMAN: Leben Sie selbst nach Ihren eigenen Wünschen?

Krasteva: Nicht immer. Aber ich versuche, in vielen Dingen weiser zu werden. Man kann nur glücklich sein, wenn man in Harmonie mit sich selbst lebt. Es ist nicht unbedingt notwendig, dass man alles erreicht hat, was man sich gewünscht hat. Wer in Harmonie mit sich selbst lebt, erfährt Harmonie in Beziehungen.

WOMAN: Apropos Beziehungen: Sie sind verheiratet und haben Anfang 20 – während Ihres Gesangsstudiums in Sofia – ihre heute 13-jährige Tochter bekommen. Wie vereinbaren Sie das mit dem bewegten Künstlerleben?

Krasteva: Meine Tochter war sieben Jahre alt, als wir nach Wien gekommen sind. Es war sehr stressig: Ich habe mir große Sorgen gemacht, denn sie konnte kein Wort Deutsch. Sie besuchte einen Deutschkurs und nach zwei, drei Jahren war sie schon die beste in der Klasse! Sie ist ein Schatz, denkt sehr viel nach, ist klug, musikalisch, sehr begabt und singt. Ich bin sehr stolz auf sie. Mein Mann ist ebenfalls Sänger. Wir kümmern uns beide zu gleichen Teilen um sie.

WOMAN: Wollen Sie nicht wieder in die große weite Welt hinaus?

Krasteva: Ich hatte schon so wichtige Rollen mit großem Erfolg im Ausland gemeistert. In Wien habe ich meine erste große Liebe gefunden: Ich habe mich in das Opernhaus verliebt und in das Land. Ioan Holender hat mich so sehr unterstützt, dass ich auch neben meinem fixen Engagement in Wien viele Projekte im Ausland singen kann. Das schätze ich sehr. Von meinem Herzen möchte ich einen festen Punkt im Leben haben und glücklich sein – auch wegen meiner Tochter. Ich möchte nicht zu viel unterwegs sein, immer in anderen Städten und mit anderen Leuten. Meine Karriere ist mir nicht so wichtig.

WOMAN: Sie sind auf der Bühne sehr exponiert, müssen emotional sehr viel von sich geben. Wie gehen Sie mit dieser Offenheit um?

Krasteva: Ich habe das große Bedürfnis, mich auszudrücken. Es kommt aus meinem tiefsten Inneren. Ich habe in meinem Leben viele Emotionen gesammelt, die ich im Privaten nicht so intensiv ausdrücken kann. Auf der Bühne darf ich das! Ich bringe große Liebe, Leidenschaft, Hass oder Eifersucht zum Ausdruck. Alles, was Regeln nicht zulassen. Ich lebe auf der Bühne die ganzen Emotionen die mich quälen oder segnen. Trauer oder Liebe – alles was man in einfachen Worten nicht sagen kann, sagt die Musik für mich. Ich öffne mein Herz und meine Stimme harmoniert die Musik. Das ist Magie für mich! Es ist Gottes Wunder. Die Aufgabe von Künstlerin ist es, die Menschen ein wenig näher zu Gott zu bringen.

WOMAN: Woran glauben Sie?

Krasteva: Ich glaube an Gott und dass vieles im Leben eine tiefere Bedeutung hat.

WOMAN: Glauben Sie an Schicksal?

Krasteva: Ich glaube nicht an ein vorgelegte Schicksal, aber ich weiß dass ein Mensch mit seiner Art zu denken und glauben viel beeinflussen kann. Diese Mystik existiert zwischen uns! Es ist die Magie des Lebens, der Natur und Menschheit. Wenn ein Mensch sehr viel möchte und daran glaubt hilft alles ihm. Das steht auch in der Bibel. Das ganze Universum ist von Kräften regiert, die zwischen uns wirken. Ich glaube auch, dass es einen Gott gibt, der alles zusammenhält. Wenn der Mensch seinen freien Willen nutzt, kann er einen Weg formen, ändern oder sogar zerstören. Es hängt vieles von einem selbst ab.

WOMAN: Welche Rolle spielt Konkurrenz in Ihrem Business?

Krasteva: Viele Menschen schauen immer um sich, was andere machen oder erreicht haben. Sie schauen viel zu sehr auf andere als auf sich selbst! Es geht darum, noch weniger herumzuschauen, sich noch mehr auf sich zu konzentrieren, noch weniger Neid und Hass zu empfinden. Je mehr man diese ungesunden Gefühle empfindet, umso mehr nimmt man sich selbst die eigene Ruhe und Kraft. Man nimmt sogar einen großen Teil der eigenen Individualität! Ich versuche, mich von diesen Gefühlen fern zu halten. Wenn man sich nicht an anderen misst, erreicht man wahrscheinlich sogar mehr. Es geht darum, sein Herz zu öffnen und man selbst zu sein.

WOMAN: Erkennt man einen echten Profi unter anderem daran, wie authentisch er ist?

Krasteva: Auf jeden Fall! Viele lassen sich davon beeinflussen, ob eine Sängerin tolle Schuhe anhat und ob sie distanziert und unfreundlich ist. Ein intelligenter Mensch kann Können von diesem Gehabe unterscheiden. Gute Künstler hören auf ihr Herz und tragen keine Maske. Intelligente Menschen wollen ja auch lieber eine sympathische Person als Gegenüber, und keine abgehobene Diva.

WOMAN: Sie sind in Sofia geboren und mit zwei Brüdern aufgewachsen. Welche Werte haben Sie mitbekommen?

Krasteva: Ich bin zur Dankbarkeit erzogen worden. Meine Eltern sind beide sehr musikalisch und haben im Chor gesungen. Mein Vater war Chemiker, meine Mutter Malerin und Fotografin. Mein älterer Bruder ist ebenfalls Maler, mein jüngerer IT-Fachmann.Ich sollte nicht unbedingt Leistung erbringen, sondern ein Mensch bleiben: Ich bin froh, dass es mir gelungen ist, Unschuld zu bewahren und die Liebe in mir nicht umzubringen. Meine Eltern förderten mich darin, ein sensibler und mitfühlender Mensch zu sein, der weiß was er hat. Ich gehe nicht über Leichen. Ich möchte gesund und authentisch Leben.

WOMAN: Wie finden Sie Ausgleich?

Krasteva: Ich fühle mich in der Natur am wohlsten, habe ein großes Bedürfnis, mit ihr eng verbunden zu sein. Ich mache gerne lange Spaziergänge oder gehe wandern, ab und zu auch laufen. Wenn ich Zeit und Lust habe, schreibe ich Gedichte und male. Und: Meine Tochter ist mein Ausgleich! Sie ist meine beste Freundin.

WOMAN: Wo werden Sie nach Carmen zu hören und bewundern sein?

Krasteva: Meinen nächsten Engagements sind neben der Wiener Staatsoper unter anderem in den Opernhäusern in München, Berlin, Chicago, Paris, Dallas und San Diego.

Interview: Susanne Prosser