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"Hilfe, ich bin süchtig nach Nasenspray!"

Kann man wirklich süchtig nach Nasenspray werden? Wenn ja, was sind die Folgen? Wir haben mit HNO-Arzt Dr. Klaus Wirtinger gesprochen.

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Nasenspray süchtig

Nasenspray sollte nicht länger als 7-10 Tage verwendet werden.

© istockphoto.com

Ist die Nase verstopft, greift man gerne zu abschwellenden Nasensprays. Diese sind in der Apotheke rezeptfrei erhältlich, bergen aber bei falschem Gebrauch gewisse Gefahren. "Wer Nasenspray länger als zehn Tage verwendet, riskiert eine Abhängigkeit", bestätigt Dr. Klaus Wirtinger, HNO-Arzt in Wien. Im Talk mit WOMAN.at spricht er über die Folgen einer Sucht und gibt Tipps, wie Nasenspray-Süchtige wieder davon wegkommen.

Kann man von Nasenspray süchtig werden?
Dr. Klaus Wirtinger: Ja, kann man. Die Nase selbst wird relativ schnell vom Wirkstoff Xylometazolin, der die Schleimhäute abschwellen lässt, süchtig. Eine systemische Sucht, die beispielsweise bei Kokain entsteht, kommt eher selten vor.

Wie lange sollte man Nasenspray maximal verwenden?
Dr. Klaus Wirtinger: Abschwellende Nasentropfen sollten nicht länger als 10 Tage verwendet werden.

Nasenspray - Sucht Interview

Was passiert, wenn man den Spray doch länger verwendet?
Dr. Klaus Wirtinger: Die selbstregulierenden Fähigkeiten der Nase und deren Schwellkörper werden zerstört. Ungefähr alle zwanzig Minuten gibt es einen Wechsel der Aktivität zwischen der linken und rechten Seite. Diese Funktion wird ebenfalls beeinflusst und funktioniert durch den Spray nicht mehr. Man bekommt zwar kurzzeitig besser Luft aber nach einem längeren Gebrach von Nasentropfen verkürzt sich die Wirkungszeit nach und nach.

Wer sind die typisch Gefährdeten?
Dr. Klaus Wirtinger: Es gibt Menschen, die eher durch den Mund - und welche, die eher durch die Nase atmen. Die Nasenatmer betrifft es natürlich häufiger. Für mich als Arzt in der Praxis ist ein typisches Kennzeichen einer Sucht, wenn der/die Patient/in im Alltag mehrere Nasensprays dabei hat. Im Auto, in der Handtasche, am Nachtkasten.

Kann Nasenspray dauerhaft Schaden anrichten?
Dr. Klaus Wirtinger: Ein längerer Konsum von Nasenspray kann soweit führen, dass die selbstreinigenden Mechanismen des Flimmerepithel nicht mehr funktionieren. Diese Schicht in der Nase muss man sich so vorstellen wie einen Teppich, der lauter kleine Härchen hat und einen Flimmerschlag in eine gewisse Richtung hat, um sich zu reinigen. Ist dieser Reinigungsschutz nicht mehr gegeben, wird man anfälliger für neue Infektionen. Außerdem können lokale Durchblutungsstörungen entstehen bis hin zu einem Loch in der Nasenscheidewand.

Ein Loch in der Nasenscheidewand?? Ist das in Ihrer Praxis schon einmal vorgekommen?
Dr. Klaus Wirtinger: Das ist bei mir sogar schon öfters vorgekommen. Allerdings kann man nicht sicher sagen, ob nur der Nasenspray dafür verantwortlich war.

Wie kommen Süchtige wieder vom Nasenspray weg?
Dr. Klaus Wirtinger:
1. Sollte man einen Arzt konsultieren, am besten einen HNO-Arzt und ein aufklärendes Gespräch führen.
2. Die Verwendung des Nasensprays muss sofort beendet werden. Die Wirkstoffe, die im Spray enthalten sind, können auch oral verordnen werden. Für den "Entzug" sollte man auf Alternativ-Sprays, wie etwa einen Cortisonspray wechseln. Diese dürfen dann aber auch nicht zu lange verwendet werden.
3. Letzte Option ist eine Operation, wo die Nasenscheidewand oder Nasenmuschel bearbeitet wird.

Welche Alternativen zu Xylometazolin-Sprays gibt es?
Dr. Klaus Wirtinger: Bei einer normalen Erkältung sind die Tropfen 7 bis 10 Tage erlaubt - länger sollte der Schnupfen nicht dauern. Sind die Symptome dann noch immer nicht verschwunden, sollte man einen Arzt aufsuchen und eine andere Ursache ausforschen, wie etwa Allergien.

Für AllergikerInnen sind abschwellende Nasensprays nicht zu empfehlen?
Dr. Klaus Wirtinger: Das ist das absolut Schlechteste, das ein Allergiker/in mache kann, da nicht die Ursache behandelt wird und man dazu neigt, dass man die Tropfen immer wieder verwendet. Zusätzlich stört man den zu Beginn erwähnten Schleimhautfilm, wodurch die Nasenschleimhaut zusätzlich austrocknet. Die Folge: das Immunsystem ist total kaputt und es entsteht ein Teufelskreis.

Wäre es nicht sinnvoll, wenn es eine Verschreibungspflicht für Xylometazolin gäbe?
Dr. Klaus Wirtinger: Das wäre absolut sinnvoll, um den leichtfertigen Umgang mit abschwellenden Sprays zu unterbinden. Der Apotheker sollte aber immer darauf aufmerksam machen, dass die Tropfen nicht länger als zehn Tage zu verwenden sind.

Dr. med. Klaus Wirtinger ist Facharzt für Hals-, Nasen- und Ohrenkrankheiten. Seine Praxis befindet sich in der Arnethgasse 2/2, 1160 Wien.
www.wirtinger-hno.at

Thema: Allergien