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"Nach 200 Jahren Theater unter weiblicher Führung wären wir quitt"

Theater mit Geschichte: Bis 28.6. kann man sich in Wien mit dem Stück „Arash // Heimkehrer“, inszeniert von Natalie Assmann, noch auf die Spuren der Vergangenheit begeben.

von

Natalie Ananda Assmann

Theatermacherin Natalie Ananda Assmann

© AndreaPeller

Der Plot ist schnell erklärt: Arash, ein junger Iraner flüchtet aus seiner Heimat nach Wien – und landet dort in einer Wohngemeinschaft im zweiten Bezirk. Als er immer wieder auf im Boden eingelassene, goldfarbene Tafeln stößt – sogenannte „Stolpersteine“, die an das Schicksal vertriebener und ermordeter jüdischer Bewohner erinnern soll – begibt er sich auf die Wege der jüdischen Geschichte der Stadt.

Bei dieser Spurensuche im zweiten Bezirk kann man als Zuschauer nun direkt dabei sein. Denn die Regisseurin Natalie Ananda Assmann, 30, hat aus dem Stoff von Autor Amir Gudarzi ein Stationentheater gemacht, das aufrüttelt – und das man sich nicht entgehen lassen sollte. Wir baten die Theatermacherin und Aktivistin zum Gespräch.

Natalie, warum haben Sie sich dafür entschieden, „Arash“ nicht auf der Bühne zu inszenieren, sondern als Stationentheater aufzuführen?

Assmann: Künstlerische Auseinandersetzung mit gesellschaftsrelevanten Themen gehört für mich mehr denn je vom geschlossenen Raum in einen öffentlichen. In einer Zeit, wo wir in Facebook-Bubbles und Social Media Netzwerken gespalten sind, ist die Straße nun mal einer der wenigen Orte, wo wir uns noch ganz natürlich begegnen und uns somit in eine neutrale Auseinandersetzung ohne Filter begeben können.

Welche Vorteile bringt ein Stationentheater mit sich?

Assmann: Das Großartige ist, dass die PerformerInnen nicht nur jeden Abend dieses Stück mit dem Publikum verhandeln, sondern auch die Stadt selbst eine Hauptdarstellerin ist. Die Straßen, Menschen, Lokale, das Wetter, die Geschichte der Orte, alles rundherum ist Inspiration, Gegenspiel und Spielbrett zugleich.

Wonach haben Sie die Orte ausgewählt, an denen gespielt wird?

Assmann: Das Publikum begibt sich einerseits an Orte der Erinnerung, die in der Leopoldstadt und für dessen BewohnerInnen nach wie vor von großer Relevanz sind, andererseits kreieren wir Räume in versteckten Winkeln des Bezirks, die komplett unbekannt, teilweise total banal aber auch sehr surreal werden können: wichtige Stationen sind die Tempelgasse - in der 1938 der große Leopoldstädter Tempel zerstört wurde - die Praterstraße bis hin zur Taborstraße, aber auch der Donaukanal.

Arash Theater Donaukanal
Das Stationentheater „Arash // Heimkehrer“ macht auch am Donaukanal halt. / (c) Andromeda Theater

Sie sind nicht nur Theatermacherin, sondern auch Aktivistin, engagieren sich für Flüchtlinge und Integration. Wie erleben Sie Wien heute eigentlich? Offen oder ausländerfeindlich?

Assmann: Mein Wien ist divers, vielfältig und offen. Eine transkulturelle Metropole, wie sie 2018 sein soll. Aber für dieses Wien muss gerade jetzt, mehr denn je gekämpft werden.

Was ist in Ihren Augen gelungene Integration?

Assmann: Für ein gutes Zusammenleben braucht es die Beteiligung aller. Wir leben in einer Diversitätsgesellschaft und das ist eine Chance für uns alle.

Sie engagieren sich auch stark in Sachen Gleichberechtigung. Wo steht denn der heimische Theaterbetrieb da?

Assmann: Intendanten können froh sein, dass wir nur 50% der Posten fordern und nicht einfach mal 200 Jahre alle Theater unter weibliche Führung stellen. Erst dann wären wir nämlich mal quitt.

Was sollte wo verbessert werden?

Assmann: Das Wichtigste ist, dass wir gegen strukturelle Ausschlussmechanismen von Frauen in Führungspositionen, sowohl am Theater, als auch generell arbeiten müssen. Es reicht eben nicht aus, einmal im Jahr eine Frau an der Spitze einer Kulturinstitution als Vorzeige-Heldin hochleben zu lassen. Nach wie vor gibt es auf österreichischen Bühnen viel weniger Regisseurinnen oder Autorinnen. Da draußen sind extrem viele fähige Künstlerinnen, die unsere Theaterlandschaft dringend braucht und die müssen eingestellt und engagiert werden.

»Die Stadt selbst ist eine Hauptdarstellerin.«

Wie oft wurden Sie von Männern schon unterschätzt, nicht für voll genommen?

Assmann: Das passiert oft. Aber noch viel öfter passiert mir, dass ich mir selbst weniger zutraue als meinen männlichen Kollegen. Sich als Frau zuerst mal in die zweite Reihe zu stellen – diesen Mechanismus zu durchbrechen ist extrem wichtig.

Wie gehen Sie mit Mansplaining um?

Assmann: Einen Schluck Bier nehmen. Breitbeinig hinsetzten und das „Schatzi“ am Ende des Satzes nicht vergessen. So mach ich es momentan bei den Proben – meine Schauspieler lieben mich (lacht).

Können Sie es nachvollziehen, wenn Frauen mit ,Nein‘ antworten, wenn man sie fragt, ob sie Feministinnen sind?

Assmann: Dass sich Frauen mit der Begrifflichkeit nicht identifizieren, kann ich noch nachvollziehen. Aber, dass es 2018 nicht selbstverständlich ist, sich für Internationale Frauenrechte, Chancengleichheit, für die Schließung der Einkommensschere, gegen sexuelle Gewalt an Frauen oder strukturelle Diskriminierung von Frauen einzusetzen, ist mir komplett unverständlich.

Thema: Feminismus