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Nepals blutende Schande

Während ihrer Menstruation werden Frauen in Nepal in den Kuhstall verbannt. Zwischen Tierkot und Insekten. Mit furchtbaren Folgen für die Frauen.


Nepals blutende Schande
© Reuters/Navesh Chitrakar

Als sie das erste Mal ihre Menstruation bekam, hatte Sofalta Angst, es ihren Eltern zu sagen. Nicht Scham. Angst.

Denn der Beginn der Menstruation bedeutet für Mädchen in Nepal: ab nun werden sie bis zum Einsetzen ihrer Menopause während der Periode in den Kuhstall oder eine behelfsmäßige Hütte verbannt. Sie schlafen auf steinigem Boden, im Dreck, zwischen Tierkot und Insekten. Chhaupadi – eine Form des Hinduismus – schreibt vor, mit wem sie in dieser Zeit sprechen dürfen, was sie berühren, wo sie lang gehen dürfen.

Nepal: Während der Menstruation sind Frauen "unrein"

Wie der britische Guardian in einer aufwühlenden Reportage beschreibt, ist es tausenden menstruierenden Mädchen und Frauen in Nepal nicht erlaubt, ihr Haus zu betreten, zu kochen, ihre Eltern zu berühren, die Schule oder den Tempel zu besuchen. Außer Brot und Reis darf nichts gegessen werden.

Denn nach den Überzeugungen des Chhaupadi (übersetzt in etwa: "Unberührbare") ist eine Frau während ihrer Menstruation "unrein", widersetzt sie sich den Verhaltensvorschriften, dann bringt sie Zerstörung und Tod über ihre Familie. Holt sie Wasser, kommt Dürre über die Felder, berührt sie die Ernte, so vernichtet sie diese. Kontakt mit Früchten würde dazu führen, dass diese niemals reifen.

"Wir wollen so nicht leben. Nach der Menstruation sind die meisten Frauen krank, sie haben Ausschläge und Ekzeme vom Dreck im Kuhstall," so eine der Frauen zum Guardian . "Aber unsere Religion schreibt es vor. Würden wir zuwiderhandeln, käme alles noch schlimmer."

Die Folgen der Verbannung: Lungenentzündung, psychische Schäden

Obwohl die Tradition des Chhaupadi 2005 vom obersten Gericht in Nepal verboten wurde, ist die Praxis in den ländlichen Regionen des Landes nach wie vor weit verbreitet. Und selbst in der Hauptstadt Kathmandu, wo die Menschen keinen Kuhstall oder Schuppen haben, leben Frauen in der Zeit ihrer Menstruation in separaten Zimmern.

NGOs und Aktivisten warnen vor den Folgen für die Frauen. Neben körperlichen Folgen drohen vor allem psychische Schäden, wenn Mädchen mit 12 Jahren für bis zu sechs Tage im Dreck neben den Tieren liegen. Die UNO führt in einem Bericht an: 77% der Mädchen fühlen sich während ihrer Menstruation erniedrigt. Zwei Drittel stehen fürchterliche Ängste aus, wenn sie alleine in den Ställen liegen. Dazu kommen Durchfall, Lungenentzündung, Erkrankungen der Atemwege, das Risiko eines Schlangenbisses oder einer Vergewaltigung durch betrunkene Männer.

"Unsere einzige Möglichkeit, um diese grausame Tradition einzudämmen, sind Bildungsprogramme," so Sandhya Chaulagain von WaterAid Nepal zum Guardian . "Auch wenn wir damit die Dorfältesten nicht überzeugen könnne: bessere Hygiene und Aufklärung über die Menstruation können dabei helfen, ein anderes Verständnis zu entwickeln." Und damit vielleicht auch das Rollenbild der Frau in Nepal verändern.