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Neue Hoffnung bei Migräne

Pochende Schmerzen, Übelkeit - wer die Migräne-Symptome kennt, würde alles tun, um den Bohrer im Kopf loszuwerden. Eine neue Methode verspricht nun Hilfe

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Kopfschmerzen
© iStockphoto.com

Wer einmal einen Migräneanfall hatte, weiß: Damit ist der Tag gelaufen. Die dritthäufigste Erkrankung weltweit sorgt mit pochenden Schmerzen, Licht- und Geruchsempfindlichkeit dafür, dass man nicht mehr am normalen Alltag teilnehmen kann. Auch mit Übelkeit bis zum Erbrechen muss so mancher kämpfen.

Vielen hilft, neben speziellen Schmerzmitteln, nur Ruhe in einem verdunkelten Zimmer. Hinter den Attacken stecken eine durch Nervenimpulse übermittelte Entzündungsreaktion in der Hirnhaut und eine veränderte Reizverarbeitung, man nimmt Umwelteinflüsse viel stärker wahr. Was Migräne auslöst, weiß man nicht. Es gibt jedoch Triggerfaktoren wie unregelmäßiger Lebensstil, ungesundes Essen oder die Periode. Für besonders häufig Betroffene wurde jetzt eine "Impfung" entwickelt, womit erstmals etwas vorbeugend wirkt. Prof. Christian Wöber, Neurologe und Leiter der Kopfschmerzambulanz am Wiener AKH, erklärt, wie die Behandlung funktioniert und für wen sie geeignet ist.

WOMAN: Wie kann eine Impfung gegen Migräne helfen? Das ist ja keine bakterielle Entzündung...
Wöber: Es handelt sich dabei auch nicht um eine Impfung im engeren Sinn, aber die Behandlung hat eine gewisse Ähnlichkeit. Bei einer Migräneattacke spielt der Botenstoff CGRP eine wichtige Rolle. Gegen den werden Antikörper unter die Haut injiziert, um die Häufigkeit der Anfälle zu verringern.

WOMAN: Und für wen ist dieses Treatment geeignet?
Wöber: In erster Linie für Patienten, die sehr schwer betroffen sind und wo sonst nichts wirkt. Das Medikament ist noch nicht offiziell zugelassen, aber mehrere Studien, an denen auch das Wiener AKH beteiligt ist, zeigten, dass die Antikörper-Injektion wirkt. Etwa 60 Prozent der Behandelten sprechen darauf an, eine kleine Gruppe sogar sehr gut. Im Durchschnitt haben die Betroffenen drei Tage weniger Migräne pro Monat. Da sind aber alle Studienteilnehmer eingerechnet, auch die, die auf das Treatment nicht angesprochen haben.

WOMAN: Welche Nebenwirkungen gibt es?
Wöber: Bisher haben wir keine gefährlichen entdeckt: vorübergehende Schmerzen an der Einstichstelle, ab und zu stellen sich grippeartige Symptome ein. Aber an sich sind keine Probleme zu erwarten. Die Injektion muss allerdings regelmäßig wiederholt werden, eine Immunisierung passiert nicht.

»Das ist das erste Treatment, das extra für Migräne entwickelt wurde.«

WOMAN: Was ist das Besondere an dieser Behandlung?
Wöber: Es ist die erste vorbeugende Therapie gegen Migräne, die extra dafür entwickelt wurde. Es gibt eine Reihe von vorbeugenden Möglichkeiten wie Akupunktur, Entspannungsübungen, Mutterkraut, bestimmte Vitamine, Betablocker, Medikamente gegen Epilepsie oder sogar Antidepressiva. Die kommen aber alle aus anderen Bereichen der Medizin.

WOMAN: Und wie verlässlich wirkt die Impfung?
Wöber: Das kann man leider nicht sagen. Die Statistik sagt nur, dass etwa 60 Prozent darauf ansprechen, aber nicht, warum. Da jeder Patient auf andere Therapien reagiert, muss man immer individuell testen, was jeweils am besten wirkt.

WOMAN: Wird das Treatment von der Krankenkasse bezahlt?
Wöber: Derzeit ist es nur im Rahmen bereits laufender Studien erhältlich, eine Zulassung wird es voraussichtlich Ende 2018 geben. Wir gehen davon aus, dass es für diejenigen Betroffenen eine Kostenübernahme geben wird, die auf keine anderen Behandlungsmöglichkeiten angesprochen haben.

WOMAN: Ein vorbeugendes Treatment ist ja auch eine Injektion mit Botox...
Wöber: Ja, aber nicht die kosmetische Botoxbehandlung zur Faltenreduktion auf der Stirn. Es gibt ganz klare Richtlinien dafür. Die Injektionen funktionieren nach einem speziell festgelegten Schema, an 31 Punkten rund um Stirn, Kopf und bis in den Nacken, mit einer ganz bestimmten Dosis. Dafür gibt es eine eigene Ausbildung mit Zertifizierung. Die Behandlung macht aber nur Sinn, wenn man zumindest acht Mal im Monat Migräne hat und mehr Tage mit Schmerzen als ohne. Bei weniger häufigen Attacken gibt es keine höhere Erfolgsrate als mit einem Placebo.