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Neun große Klimafragen

Ist Plastik an allem schuld? Wie realistisch sind autofreie Großstädte? Und: Ist es nicht schon viel zu spät? 5 Expertinnen beantworten dringende Themen in puncto Nachhaltigkeit.

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Neun große Klimafragen
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Neun große Fragen, neun kluge und inspirierende Antworten:

1. Utopie oder Vision: Wie realistisch sind autofreie Großstädte?

Mehr Jahrestickets als Pkw. "Es ist definitiv keine Utopie, sondern eine wunderschöne Vision", erklärt Wiener- Linien-Chefin Alexandra Reinagl. Zusammen mit ihrem Team arbeitet sie daran, diese auch möglichst Realität werden zu lassen. In den nächsten zehn bis 15 Jahren soll es so weit sein, dass man sich in Wien nur noch zu Fuß, mit dem Rad oder den Öffis fortbewegt. "Dort und da fahren noch ein paar elektro-oder wasserstoffbetriebene Autos, so realistisch muss man sein." So will man auch das Ziel, das von EU, der Bundes-und der Stadtregierung vorgegeben ist, erreichen: Bis 2040 muss Wien CO2 neutral werden. Schon jetzt gibt es mehr JahreskartenbesitzerInnen als KFZ-Zulassungen in der Hauptstadt. Ein enormer Schritt, der viel bewirkt. Denn: "Wenn ein Mensch vom Auto auf Öffis umsteigt, spart er rund 1.500 Kilo CO2 pro Jahr. Das entspricht ungefähr 150 Babyelefanten. Eine großartige Leistung, vor allem, wenn man bedenkt, dass Pkw in einer Großstadt ohnehin mehr stehen als gefahren werden. Wenn alle Pkw-BesitzerInnen hochrechnen, was sie das Auto kostet im Vergleich zu klimafreundlichen Alternativen wie Öffis und Carsharing, werden noch mehr darauf verzichten", so die Expertin. "Dabei sehe ich auch die Verantwortung der öffentlichen Verkehrsbetriebe: Die Menschen müssen sich auf uns verlassen können, gut von A nach B zu kommen, wenn wir sie dazu auffordern, auf ihr Auto zu verzichten." Übrigens: In eine U-Bahn passen rund 900 Menschen. Um die an ihr Ziel zu bringen, bräuchte man ungefähr 750 Autos.

2. Wie viel Verantwortung trägt jeder selbst?

Unternehmen müssen mehr tun. Für Reinagl steht fest: Der Einzelne kann und muss viel beitragen, um unser Klima so gut es geht zu schützen. Etwa indem wir dafür sorgen, unnötige Wege zu vermeiden: "Muss ich mich für ein Packerl Milch echt ins Auto setzen? Das ist ein Luxusproblem, weil wir es gewohnt sind, immer und überall alles zur Verfügung zu haben. Und wenn ich es wirklich brauche, sollte ich mich fragen, ob ich es nicht auch zu Fuß oder mit dem Rad holen kann." Gleichzeitig ist die Geschäftsführerin der Wiener Linien davon überzeugt, dass vor allem auch Unternehmen noch mehr in die Verantwortung genommen werden müssen. "70 Prozent der angemeldeten Pkw in Wien sind Firmenwagen. Das hat früher als Statussymbol gezogen. Warum setzt man jetzt nicht längst vermehrt auf Carsharing oder Benefits wie Jahreskarten? Auch großzügigere Gleitzeitmodelle und die Möglichkeit zum Home Office helfen. Da erleben wir momentan einen Boost, weil Unternehmen durch Corona gesehen haben, dass es auch mit mehr Flexibilität funktioniert. So sparen sich die MitarbeiterInnen den Weg in die Arbeit, den viele als verschwendete Lebenszeit empfinden, oder sie können dann mit den Öffis fahren, wenn nicht so viele andere unterwegs sind. Das verbessert die gefühlte Qualität. Eine Win-win-Situation für alle. Das Öffifahren hat viele Vorteile, aber vor allem auch den, dass man sich nicht auf den Verkehr konzentrieren muss, sondern sich zum Beispiel einem Buch widmen kann."

3. Wieso verstehen es so viele noch immer nicht?

Die Realität sehen. Für Buchautor Weber ist klar: "Es wird immer Menschen geben, denen alles egal ist. Am Desinteresse und am Bewusstsein, dass es so nicht weitergehen kann, scheitert es aber weniger, als vielmehr daran, dass die breite Masse überfordert ist. Die wenigsten haben Zeit und Kraft, sich hauptberuflich damit zu beschäftigen, was ökologisch vertretbar ist, welche ihrer Aktivitäten oder Konsumentscheidungen die Klimakrise vielleicht sogar noch befeuern." Einen Grund dafür sieht er im "Greenwashing" von Unternehmen: "Es gibt längst kein Produkt mehr, von dem nicht behauptet wird, dass es irgendwie ,nachhaltig' sei. Die Verwirrung ist groß. Genaue Kriterien gibt es nur in wenigen Branchen, etwa bei Lebensmitteln, wo klar ist, dass Bio immer die bestmögliche Entscheidung ist." Für Rechtsanwältin Krömer ist es keine Frage von Verstehen, sondern davon, nicht hinsehen zu wollen: "Die Realität ist oft nicht leicht zu akzeptieren, schon gar nicht die der Klimakrise." Greenpeace-Expertin Duregger ergänzt: "Unser Verhalten wird das Klima für Tausende von Jahren beeinflussen, jedoch spüren wir zum aktuellen Zeitpunkt kaum Auswirkungen. Klar: Die Sommer werden heißer, das Wetter unberechenbarer, doch darauf können wir uns einstellen. Kippt aber unser jetziges Klimasystem, werden die Veränderungen so dramatisch sein, dass sich viele Pflanzen, Tiere und Menschen nicht daran anpassen können. Massive Fluchtbewegungen, steigende Meeresspiegel und eine Lebensmittelunterversorgung werden die Folge sein." Das Fatale: Weil wir nicht sofort die Auswirkungen unseres Handelns spüren, nehmen wir die drohende Katastrophe kaum wahr.

4. Können wir Umweltschäden im Körper entgegenwirken?

Klimaschutz in uns selbst. Stress, Ängste, ungesunde oder auch unregelmäßige Ernährung belasten das Klima in uns -genau genommen das Darmklima. Studien beweisen, dass eine nicht intakte Darmflora unseren Stoffwechsel außer Tritt bringt, unser Wohlbefinden stört und in der Folge auch zu schweren medizinischen Problemen führen kann. Der Darm ist das zentrale Organ unserer Gesundheit. Neue wissenschaftliche Erkenntnisse beweisen nun, dass sich die Belastung unserer Umwelt durch Mikroplastik auch auf unseren Darm -und damit auf unsere gesamte Gesundheit - auswirkt. "Man weiß mittlerweile, dass Mikroplastik über Wasser, Lebensmittel, Obst und Gemüse in unseren Körper eindringt. Habe ich ausreichend gesunde Darmbakterien, scheide ich Mikroplastik wieder aus. Ist diese Darmbarriere aber nicht geschlossen, gelangen diese Umweltgifte in unsere Blutbahnen, in unser Lymphsystem und über die Nervenbahnen ins Gehirn", sagt Anita Frauwallner, Darmexpertin und Verfechterin einer gesunden Darmflora. Seit elf Jahren forscht das Institut Allergosan gemeinsam mit den Universitäten in Wien und Graz an möglichen Therapien. "Ein gesunder Darm hat etwa 500 verschiedene Bakterien, einige davon sind echte Leitstammbakterien", so Frauwallner. Derzeit arbeiten etwa 30 WissenschafterInnen an der Erforschung. Die Lösung scheint in der perfekten Zusammensetzung von zugeführten Probiotika zu liegen. Kann ich das mit der richtigen Ernährung schaffen?"Ja, klar. Sie brauchen dafür aber oft Jahre, und Fehler werfen einen wieder zurück."

5. Was bringt es, auf Demos zu gehen?

Politische Veränderungen erwirken. "Kurz gesagt: Sehr viel! Demos geben uns die Möglichkeit, Druck auf die Politik auszuüben, sodass sich die Regierung endlich echtem Klimaschutz verpflichtet. Zwar kann man über das eigene Konsumverhalten etwas zum Klimaschutz beitragen, es sind jedoch jeder und jedem Grenzen gesetzt: Vielleicht ist das kostspielige Bio-Essen für jemanden zu teuer oder man ist für den Arbeitsweg auf ein Auto angewiesen, weil es keine öffentlichen Verkehrsmittel gibt", so Duregger. "Hier ist die Politik gefragt: Sie muss die Rahmenbedingungen schaffen, dass klimafreundliches Verhalten einfach, günstig und bequem für jeden möglich ist." Weber schließt sich der Meinung an: "Je klarer und vehementer Klimaschutz und Biodiversität eingefordert werden, desto schwerer können dringliche Probleme seitens der Regierung einfach ignoriert werden. " Auch Krömer ist von der Wirksamkeit von Demonstrationen überzeugt: "Fridays for Future ist das beste Beispiel dafür, wie positive gesellschaftspolitische Veränderungen von Demos ausgehen können. Es gibt noch unzählige weitere Beispiele in der Geschichte, an denen man die Macht der Straße sieht. Es ist ein wichtiges und nicht zu unterschätzendes Mittel der Zivilgesellschaft, das Leben mitzugestalten."

6. Mildert Corona das Klimaproblem?

Noch mehr Bewusstsein. Greenpeace-Expertin Julia Duregger weiß: "Aufgrund von Corona stand die Welt für einen Augenblick still. Autos blieben in den Garagen, Flugzeuge am Boden, und Fabriken machten Pause. Entsprechend gingen die Treibhausgasemissionen kurzzeitig zurück. Das reicht aber nicht aus, um die Klimakrise in den Griff zu bekommen. Wir brauchen weitreichende Veränderungen, um die Treibhausgase langfristig zu senken, wie den Ausbau erneuerbarer Energieträger und eine Verkehrswende." Reinagl hat vor allem bei sich selbst und in ihrem privaten Umfeld Veränderungen wahrgenommen: "Es ist noch mehr Bewusstsein da. Man ist entschleunigter, auch, weil viele Termine ausgefallen sind. Das hat uns allen Zeit gegeben, uns mehr mit uns selbst auseinanderzusetzen und die eigenen Lebenskonzepte zu überdenken. Davor hatten wir andere Prioritäten, weniger Zeit. Allein beim Essen habe ich gesehen, dass ich vieles in meinem bisherigen Alltag neu gestaltet habe: Anfangs haben wir mehr bestellt, bis wir gesehen haben, dass das irrsinnig viel Müll erzeugt, auch wenn das meiste davon in Papier verpackt ist. Ich wollte nicht so viel wegschmeißen. Beim Kochen habe ich mich plötzlich viel intensiver damit beschäftigt, welche Lebensmittel wir eigentlich verwenden. Viele Menschen sehen sich außerdem durch Kurzarbeit und Arbeitslosigkeit auch mit einer neuen finanziellen Situation konfrontiert und müssen sparen. Von allem weniger ist auch im Sinne der Umwelt."

7. Was dürfen wir noch essen?

Regional, saisonal, wenig Fleisch. Für welche Lebensmittel wir uns entscheiden, hat weitreichende Konsequenzen. "Unser globales Ernährungssystem ist für bis zu 37 Prozent der weltweiten klimaschädlichen Emissionen verantwortlich. Gerade unser hoher Fleischkonsum verursacht große Probleme für Klima und Umwelt. Für die Tierhaltung werden riesige Mengen an Sojafuttermitteln aus Ländern wie Brasilien und Argentinien importiert, welche oft mit der Zerstörung von wertvollen Ökosystemen wie dem Amazonas-Regenwald in Verbindung stehen. Und natürlich dürfte auch klar sein, dass Nahrungsmittel, die über die halbe Welt geflogen werden, nicht gerade in den Klimaschutz einzahlen", erklärt Duregger und empfiehlt: "Wer sich nachhaltig ernähren will, greift am besten zu regionalen, saisonalen Bio-Produkten und reduziert seinen Fleischkonsum." Krömer betont: "Es gibt unglaublich viele gute Sachen, wenn man sich regional, biologisch und fleischarm ernährt. Es hilft sicher, mehr an nachhaltigen Genuss als an dauerhaften Verzicht zu denken." Auch Weber weiß mit Letzterem wenig anzufangen: "Wir dürfen alles essen. Es spricht nichts gegen Fleisch, Milch, Avocado und Sushi. Was wir jedoch entschieden und schnell ändern müssen, ist die Häufigkeit und Beiläufigkeit, mit der wir diese Produkte konsumieren und damit auch entwerten. Täglich oder mehrmals die Woche Fleisch ist nicht nur extrem ungesund, sondern auch höchst unverantwortlich."

8. Ist Plastik an allem Schuld?

Es würde niemandem fehlen. "Es wäre schön, wenn Plastik an allem schuld wäre. Dann könnten wir die Krise schneller lösen. Aber sie ist die Konsequenz eines schlechten Systems, das aus vielen schädlichen Komponenten besteht. Plastik ist nur ein Problem von vielen. Das Traurige an Kunststoff ist, dass es so häufig verwendet, so viel Schaden damit angerichtet wird und wahrscheinlich niemandem wirklich fehlen würde, wenn es ersetzt werden würde", so Krömer. Vor allem ist es das Einwegplastik, das unsere Natur stark belastet. Duregger: "Es verschmutzt unsere Umwelt, gefährdet das Leben vieler einzigartiger Pflanzen und Tiere im Ozean und stellt auch für das Klima ein Problem dar. Denn Kunststoff wird aus Öl hergestellt, bei seiner Verbrennung entsteht jede Menge klimaschädliches CO2! Es ist vor allem die Art und Weise, wie wir mit wertvollen Ressourcen umgehen. Egal ob Plastik, Papier, Alu -alle Materialien müssen sparsam und langlebig verarbeitet werden und dürfen nicht in der Umwelt entsorgt werden! Wo auch immer es möglich ist, sollten Verpackungen gänzlich vermieden oder zumindest als Mehrwegverpackungen über Jahre wiederverwendet werden."

9. Ist es schon zu spät?

Kaum noch Zeit. Duregger macht eine klare Ansage: "Um das 1,5-Grad-Ziel zu erreichen und damit die drohende Klimakatastrophe aufzuhalten, haben wir kaum noch Zeit -wir haben es sehr eilig. Die klimaschädlichen Treibhausgase müssen sich bis 2030 weltweit halbieren, das heißt, es gibt einiges zu tun. Wichtigster Hebel: Raus aus fossilen Brennstoffen wie Kohle, Öl und Gas. Diese Klimakiller haben uns überhaupt erst in die jetzige brenzlige Lage gebracht, denn ihre Verbrennung verursacht tonnenweise CO2. Das beste Klimaschutzprogramm sind folglich Investitionen in erneuerbare Energie und öffentliche Verkehrsmittel sowie der Wandel weg von einer Wegwerfgesellschaft hin zu einer geschlossenen Kreislaufwirtschaft. Produkte wie Kleidung, Elektrogeräte oder Verpackungen, die heute schon nach wenigen Minuten oder Monaten im Müll landen, müssen in Zukunft so konzipiert sein, dass sie über viele Jahre benutzt werden können." Weber sieht es ähnlich: "Die Erde erwärmt sich, das ist ein Faktum. Wir sind als Menschen dafür zumindest mitverantwortlich. Je heißer sie wird, desto größer werden unsere Probleme, desto weitreichender die Konflikte künftiger Generationen. Je später wir handeln, desto gravierender und teurer werden die nötigen Maßnahmen sein."

Unser ExpertInnen-Team:

Julia Duregger, Klimaexpertin bei Greenpeace

Michaela Krömer, Rechtsanwältin für Klimarecht

Anita Frauwallner, Leiterin von allergosan.com

Thomas Weber, Gründer von BIORAMA

Alexandra Reinagl, GF der Wiener Linien