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Nicht vor dem Kind?

Pssst! Sex, Lügen, Schimpfwörter: Wenn Kinder da sind, ist auf einmal vieles verboten. Schließlich möchte man ja ein positives Vorbild sein. Nur: geht sich das immer aus? Wir haben Mamis gefragt, wie sie mit Tabus umgehen.

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Nicht vor den Kindern!
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"Mami, hat sich der Papi wehgetan oder warum stöhnt er so laut und ist rot im Kopf?" Alarmstufe dunkelrot für die ganze Familie! Oder hast du spontan eine Antwort auf Lager, wenn dein Kind auf einmal in der Tabuzone Schlafzimmer steht und die Welt nicht mehr versteht, weil du gerade Sex hast? Oder wie ist es, wenn es nach einer Woche in der Volksschule auf einmal Schimpfwörter heimschleppt, die du dich nicht einmal aussprechen traust? Das, obwohl du jahrelang den ganzen Umkreis auf ein striktes Verbot "böser Worte" eingeschworen hast?

Bitte, ja nicht vor den Kindern! Fluchen, lügen, streiten, bei Rot über die Ampel gehen. Die Liste ist lang, wenn es darum geht, sich zu überlegen, was man seinem Nachwuchs zumutet. Und was nicht. Aber wie soll man denn überhaupt umgehen mit Tabus?

EINFACH BEREDEN. "Wichtig ist zuerst Selbstreflexion. Man sollte als Elternteil überlegen, wie man zu bestimmten Themen steht. Was sollen meine Kinder zum Beispiel über Sex wissen?", erklärt Familiencoach Agnes Goldmann, selbst zweifache Patchwork-Mum. Leichter gesagt als getan. Denn oft ist es ja schon Schwerstarbeit, sich mit dem Partner auf eine gemeinsame Linie zu einigen. "So etwas sollte aber unbedingt ausschließlich zwischen den Eltern diskutiert werden. Den Kindern gegenüber wird dann kommuniziert: Mama und Papa haben das besprochen. Das gilt." Und je offener und transparenter Eltern über Tabus sprechen, desto weniger verspüren Kinder den Drang, etwas "geheim" ausprobieren zu müssen.

Auch in puncto Gefühlen ist es besser, diese offen zuzulassen und zu erklären, als in schwierigen Phasen eine heile Welt vorzuspielen. "Kinder sind gescheit und nehmen alles wahr. Verdeckte Gehässigkeiten zum Beispiel. Besser: eine konstruktive Streitkultur. Kinder sollen Differenzen mitbekommen, aber auch, dass man sich trotz Meinungsverschiedenheiten liebhaben kann. Nicht gemeint sind damit ständige, offen ausgetragene, destruktive Streitereien zwischen Eltern. Das ist kontraproduktiv und bedeutet Kriegszustand für die Kids", so Goldmann. Tja, wenn's denn immer so einfach wär...

Wir haben WOMAN-Leserinnen gefragt, welche Tabus sie vor ihren Kindern haben:

Nicht vor den Kindern!
»Diskussionen über Geld und Putzpläne vermeide ich vor den Kleinen. Aber sie dürfen miterleben, dass bei uns nicht jeden Tag tolle Stimmung herrscht.«

DANIELA GAIGG, 37. DIE ZWEIFACHE MAMA JOBBT ALS BLOGGERIN UND LEBT IN KORNEUBURG.

Kindgerecht erklären. "Ich versuche, möglichst wenige Tabus vor meinen Kids zu haben. Verallgemeinerungen wie ,Das tut man nicht' oder ,Das sagt man nicht' finde ich schlecht. Ich möchte meine Töchter ernst nehmen und ihnen das Leben und die Wahrheit, so wie ich sie sehe, zutrauen. Etwas vorzuspielen, kann man sich wirklich sparen. Besser: Brisante Themen kindgerecht erklären. Wenn ich schreie, weil ich in diesem Moment meine Emotionen nicht kontrollieren kann, dann beschreibe ich auch, wie ich mich dabei gefühlt habe. Und warum es so weit gekommen ist. Genau so verfahren wir auch, wenn eines der Mädels einen Wutausbruch hat. Das Einzige, was wir von ihnen fernhalten, sind Finanzthemen und die ewige Leier ,Wer macht mehr im Haushalt?'. Aber sie dürfen durchaus miterleben, dass bei uns nicht jeden Tag tolle Stimmung herrscht. Das Leben ist eben oft eine Challenge."

Nicht vor den Kindern!
»Offene Schlafzimmertüren? Geht gar nicht! Man muss nicht alles ungefiltert an Kinder ranlassen. Dabei ist es aber trotzdem wichtig, authentisch zu bleiben.«

LINDA SYLLABA, 46, HAT ZWEI SÖHNE UND ARBEITET ALS MAMACOACH (BEZIEHUNGS HAUS.AT) IN KORNEUBURG.

Filtern und nicht überfordern. "Offene Schlafzimmertüren? Geht gar nicht! Mein Mann und ich reden zwar sehr offen über Sex, das haben wir von Anfang an gemacht, nur informieren wir unsere Söhne nicht über konkrete Dinge im Schlafzimmer. Privatsphäre ist uns da schon wichtig. Wenn Fragen kommen, antworten wir. Somit bekommen die Jungs immer die Infos, die gerade relevant sind. Dabei geht's aber darum, authentisch zu bleiben. Kinder haben sowieso feinste Antennen und merken sofort, wenn etwas aufgesetzt ist. Das heißt jedoch nicht, dass man alles komplett ungefiltert an sie ranlässt. Ich möchte sie nicht überfordern mit Erlebnissen, die sie nicht verstehen oder einordnen können. Einmal haben sie uns im Bett erwischt, sagt mein Mann. Ich kann mich gar nicht mehr dran erinnern, also war's bestimmt keine große Sache. Die Buben haben gelacht, und wir auch. Der Sex war dann aber natürlich vorbei."

Nicht vor den Kindern!
»Essen darf bei uns nicht bewertet werden. Auch, wenn's mal nicht schmeckt, sollen zumindest drei Bissen gekostet werden.«

VERENA ENZENHOFER, 38. DIE DREIFACHE MÄDELSMAMA IST BANKANGESTELLTE UND WOHNT IN PÖRTSCHACH.

Nix bewerten. "Es muss nur eine meiner Prinzessinnen anfangen: Ein ,Igitt! Das esse ich nicht!' reicht, die anderen ziehen mit. Das ist wie ein Dominoeffekt, und ich bleibe auf dem Gekochten sitzen. Deshalb ist es bei uns nicht erlaubt, Speisen zu bewerten. Ich möchte, dass alle offen gegenüber Neuem sind. Als Regel gilt: Mindestens drei Bissen müssen gekostet werden. Wenn's dann noch immer nicht schmeckt, ist es in Ordnung. Sie müssen es nicht aufessen, dürfen sich allerdings auch nicht negativ dazu äußern. Regeln gehören zum Leben dazu, sie sollten in den Tagesablauf eingebaut werden. Und wir als Eltern sollen uns natürlich auch daran halten. Nicht nur vorreden - sondern auch vorleben! Was nicht immer leicht ist. Da wäre zum Beispiel mein Mann: Wenn es ihm überhaupt nicht schmeckt, sagt er zwar nix, verzieht aber seinen Mund und macht auffällige Grimassen. Ahhh! Hallo, Dominoeffekt!"

Nicht vor den Kindern!
»Manche versuchen, ihre Überforderung als junge Mama zu überspielen. Das kenne ich nicht, ich stehe dazu.«

BIRGIT GEHRKE, 39. DIE FREIE REDAKTEURIN LEBT MIT IHREM SOHN NILS IN VILLACH.

Tabus brechen. "Selbst wenn ich wollte, ich kann mich nicht immer zusammenreißen. Vor allem dann, wenn ich gestresst, genervt oder müde bin. Genau das ist aber bei vielen jungen Müttern ein riesiges Tabu. Sie versuchen, ihre Überforderung zu überspielen. Das kenne ich nicht, ich stehe dazu. Manchmal hält man sein eigenes Kind, so sehr man es liebt, nicht aus, weil es einen bis aufs Blut reizt. Oder man verliert bei Hausübungen die Geduld. Oft denkt man ja, man sei die Einzige, die das nicht schafft. Ich weiß aber, dass sich andere Mütter auch nicht immer im Griff haben. Und anstatt zu fluchen, sag ich dann halt: Sch lumpf! Und sonst? Meinem Partner sind gute Tischmanieren sehr wichtig. Ich sehe das eher nicht so streng. Bei einer heißen Suppe darf schon mal geschlürft werden. Da vertraue ich darauf, dass Nils sich in einem Restaurant zu benehmen weiß -und das tut er eh. Nur Rülpsen kann ich nicht ausstehen! Ich hoffe, dass er das später mal nicht exzessiv macht."

Nicht vor den Kindern!
»Lügen geht gar nicht! Meine Töchter sollen mitbekommen, dass die Welt nicht nur aus rosa Zuckerwatte besteht.«

JUDITH LIST, 36, HAT DREI TÖCHTER UND SCHREIBT AUF STADTMAMA. AT ÜBER IHR LEBEN ALS JUNGE MUTTER. SIE WOHNT IN WIEN.

Wehe, es wird geschimpft. "Ich bin Alleinerzieherin, und mir ist es wichtig, dass sich mein Sohn ein eigenes Bild von seinem Vater macht. Über ihn in seiner Gegenwart zu schimpfen, ist bei uns ein großes Tabu. Überhaupt finde ich, dass respektloses Verhalten und Beleidigungen ein absolutes No-Go sind. Lange habe ich versucht, böse Wörter von Karl fernzuhalten. Rückblickend gesehen, war das umsonst. Denn nach ein paar Wochen im Kindergarten kam er mit so vielen neuen Schimpfwörtern, dass ich mir jetzt denke: Wäre es so schlimm gewesen, hin und wieder mal laut zu fluchen? Man kann den Kindern schon mehr zumuten, als man sich vielleicht anfangs traut. Mittlerweile habe ich einen relativ entspannten Umgang gefunden und unterdrücke meine Gefühle nicht mehr. Darf denn eine Mama nicht mal wütend oder traurig sein? Eben! Lustig ist: Wenn ich vor Karl fluche, sagt er: ,Mama, das sagt man nicht.' Meine Antwort drauf?,Ja, da hast du vollkommen recht.'"

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»Vor meinem Sohn über meinen Ex-Partner zu schimpfen, ist tabu. Er soll sich ein eigenes Bild von seinem Vater machen.«

NICOLE BERGER, 34, ANGESTELLTE. LEBT MIT SOHN KARL, 7, NÖRDLICH VON GRAZ.

Ehrlichkeit hat Vorrang. "An sich bin ich für Ehrlichkeit gegenüber Kindern. Lügen geht gar nicht! Aber es gibt für jedes Thema ein bestimmtes Alter. Ich finde, Kinder sollen sehen, dass es okay ist, eine eigene Meinung zu haben. Streitereien als Erwachsener unterdrücken? Kontraproduktiv! Damit übernehmen sie ein falsches Bild in ihr eigenes Handeln, was letztlich mehr schadet als nützt. Und es ist unehrlich! Sie sollen mitbekommen, dass die Welt nicht nur aus rosa Zuckerwatte besteht. Schließlich müssen sie das ja auch fürs Leben lernen. Einmal habe ich einem Straßenbahnfahrer im Affekt "Arschloch" nachgerufen. Er hat mich mit Kinderwagen bei Minusgraden eine Minute lang vor verschlossener Tür stehen lassen. Und mich dann nicht einmal mitgenommen. Die nächste Bim ist erst 20 Minuten später gekommen. Meine Tochter hat danach in der Straßenbahn gerufen: "Arschloch. Aaaaaaarschloch. Aaaaaaaaaaaarschloch." Der Spiegel meines Vokabulars. Huch! Das musste ich dann natürlich erklären."

Thema: Eltern

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