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Nie mehr Schuldgefühle: endlich leichter mit Fehlern und Konflikten umgehen

Schuldgefühle gehören zum Leben. Weil wir Fehler machen oder zwischen eigenen und fremden Bedürfnissen in Konflikt ge-raten. Aber: Es geht auch ohne!


Nie mehr Schuldgefühle: endlich leichter mit Fehlern und Konflikten umgehen

Wir waren knapp davor, uns so richtig über den sonnigen Tag zu freuen, aber eben nur knapp. Denn als irgendwo ein Handy läutet, schießt es uns wie mit Nadeln durch den Kopf: „Oh Gott, ich hatte ja versprochen, meine Freundin anzurufen! Und meine Mutter wird auch enttäuscht sein, weil ich mich gestern nicht gemeldet habe. Überhaupt: Ich gehe da spazieren, anstatt daheim aufzuräumen. Und die neuen Schuhe sprengen mein Budget!“ Der schöne Tag ist gelaufen. Wir fühlen uns schuldig und schlecht. Und die Hoffnung, dass am nächsten Tag alles anders ist, können wir gleich begraben. Außer wir wollen endlich raus aus der Schuldgefühle-Falle. Wie man das schaffen kann? Unsere Experten wissen es.

Kindheit
„Schuldgefühle sind in der Gesellschaft allgegenwärtig“, weiß Univ.-Ass. Mag. Dr. Birgit Hladschik-Kermer, Psychologin und Psychotherapeutin ( www.psyonline.at/go.asp ). „Von überall schlägt uns entgegen, wie wir sein sollten.“ Kein Wunder, dass wir in einer Welt, in der Perfektion als eines der höchsten Güter gilt, unsere Unzulänglichkeit ständig vor Augen geführt bekommen. Wir vergessen, Dinge zu erledigen, werden Ansprüchen nicht gerecht, machen Fehler. Wir halten unser Fitnessprogramm nicht ein, schaffen es nicht, uns täglich gesund zu ernähren. „Vor allem die Erwartungen an Frauen“, so die Expertin, „steigen in unerreichbare Höhen. Sie sollen die Rolle der perfekten Hausfrau, erfolgreichen Karrierefrau, verführerischen Geliebten, verständnisvollen Freundin und hingebungsvollen Mutter tagtäglich unter einen Hut bringen.“

Bereits in der Kindheit wird der Grundstein dafür gelegt, ob man sich sein ganzes Leben lang mehr oder weniger schuldig fühlt. „Schau“, sagt der Papa, „weil du so schlimm warst, ist die Mama jetzt ganz traurig.“
„Haben wir dieses und Ähnliches oft genug gehört“, so Hladschik-Kermer, „reift in uns die Überzeugung, dass mit uns etwas nicht stimmt. Bis ins Erwachsenenalter fühlen wir uns verantwortlich für das Befinden unserer Mitmenschen und schuldig, nicht gut genug zu sein.“ Später, weiß Lebenscoach Michael Adam ( www.sonnenscheinseminare.at ), „werden dann oft die Partner fürs eigene Befinden verantwortlich gemacht., Weil du nicht mehr lieb bist zu mir, bin ich depressiv.‘ Oder, Höhepunkt der emotionalen Erpressung:, Wenn du mich nicht mehr liebst, will ich nicht mehr leben.‘“ Schuldgefühle blockieren auch aus spiritueller Sicht ganz gewaltig. Als „Schuldiger“ meint man, das Beste im Leben gar nicht zu verdienen. „Kirche, Moralinstanzen und vor allem Eltern prägen uns“, so Adam.

Opferrolle
Wir segeln also zwischen Selbstvorwürfen, Vorwürfen anderer und Schuldgefühlen, mit denen auch wir manipulieren. „Anstatt zu sagen, was wir möchten, machen wir Vorwürfe und vermitteln damit: ‚Du bist schuld, dass es mir nicht gut geht. Du machst etwas falsch‘“, erklärt Birgit Hladschik-Kermer. „Wir wollen einen anderen so dazu bringen, unsere Wünsche zu erfüllen. In der Regel aber sind Vorwürfe destruktiv und lösen beim Gegenüber eine Abwehrhaltung und Gegenvorwürfe aus.“ Einer ist in die Opferrolle geschlüpft, der andere „Täter“ – eine gleichberechtigte Beziehung kann so nicht funktionieren. Und spirituell gesehen wird man sich für so eine Manipulation nach dem kosmischen „Gesetz des Ausgleichs“ auch noch entsprechende Konsequenzen verdienen, so der Coach.

Verantwortung tragen
Schuldgefühle werden von Eltern, von Partnern, Freunden und von Kindern eingesetzt. „Wenn dir etwas an mir läge, dann würdest du... Was ich für dich alles geopfert habe, und du... Andere Omas wären glücklich, wenn sie auf die Enkerln aufpassen dürften... Du bringst mich noch ins Grab...“ Das sind nur einige der vielen Sprüche – die uns scheinbar nur zwei Alternativen lassen: Entweder wir fügen uns und fühlen uns manipuliert und gezwungen, oder wir fügen uns nicht und laufen mit schlechtem Gewissen herum. „Es gibt noch einen dritten Weg“, rät die Expertin, „und der lautet: Verantwortung übernehmen.“

Eigene Bedürfnisse
„Der erste Schritt aus der Schuldspirale heißt, zu den eigenen Entscheidungen, Handlungen und Bedürfnissen stehen“, so Hladschik-Kermer. „Was mache ich, weil ich davon überzeugt bin, und was nur, um anderen zu gefallen oder sie nicht zu enttäuschen? Machen Sie sich klar, dass auch Ihnen Bedürfnisse zustehen. Das bedeutet, dass Sie auch mal nein sagen müssen!“ Nur wer für sich selbst sorgen kann – dazu gehört es auch, sich manchmal abzugrenzen –, kann auch die Bedürfnisse anderer erfüllen. Kosmisch betrachtet gilt laut Michael Adam die Formel: „Übernehme ICH volle Verantwortung für mein Leben, so übergebe ich allen Menschen, die mir begegnen, deren Le-ben in deren Verantwortung. Und kann mich nicht mehr schuldig für andere fühlen.“

Nobody is perfect!
Akzeptieren Sie, dass Sie nicht perfekt sind. Keine Mutter ist immer ausgeglichen, kein Arbeitnehmer jeden Tag mit vollem Eifer dabei, und kein Mensch macht immer alles richtig.

Zu sich stehen
Es gibt keine Perfektion, sondern nur den Versuch, situationsgemäß das jeweils Beste auch für sich selbst zu tun. Manchmal haben wir keine Lust, zu kochen, keine Lust, Schönheitsidealen nachzueifern, aber wir stehen nicht dazu. Wir denken: Alle anderen schaffen das, nur ich nicht. Aber den anderen geht es nicht anders.

Ich-Form
Anstatt mit Vorwürfen zu arbeiten, sollte man zur Kommunikationsart der Ich-Form übergehen, rät Hladschik-Kermer. „‚Ich habe auf deinen Anruf gewartet... Ich habe mich darüber geärgert, dass... Ich habe Angst, dass ich für dich nicht mehr wichtig bin, wenn du mich nicht besuchst.‘ – Diese Formulierungen nehmen den Druck.“ Der andere kann etwa antworten: „Ich verstehe, dass du mehr Zeit mit mir verbringen möchtest. Dieses Wochenende möchte ich aber für mich haben.“

Teufelskreis
Es geht keineswegs darum, die Bedürfnisse anderer zu negieren. Bitten Sie aber darum, die Erwartungen, die man an Sie hat, genau zu formulieren. Wenn ein anderer Ihnen Egoismus vorwirft, ist er höchstwahrscheinlich selbst egoistisch. Er will seine Wünsche durchsetzen. Aber nur, weil Sie nicht nach seinen Vorstellungen funktionieren, sind Sie kein schlechter Mensch. Der andere kann genauso seine Erwartungen zurückschrauben. „Wenn man aber tief drinnen“, ergänzt Michael Adam, „unsicher ist, wie viel man sich selbst wert ist, und meint, doch noch mehr geben zu müssen, spiegelt die Außenwelt knallhart die Schuldgefühle wider.“ Ein Teufelskreis!

Im Jetzt besser machen
Für seine Gefühle ist jeder selbst verantwortlich. Es kann einem kein anderer ein schlechtes Gewissen „machen“. Wenn man sich schuldig fühlt, dann, weil man selbst glaubt, etwas falsch zu machen, weil man gegen eigene Regeln verstößt und sich deshalb ablehnt.

„Man muss unterscheiden zwischen Schuld und Schuldgefühlen“, gibt Hladschik-Kermer weiters zu bedenken. „Schuld bedeutet in der Regel, einen Fehler gemacht zu haben. Sei es, dass man sich zu viel vorgenommen hat, eine Situation nicht richtig eingeschätzt oder nicht wirklich über die Konsequenzen nachgedacht hat. Wenn ich dann zu mir sagen kann: Ja, das habe ich falsch gemacht, dafür bin ich verantwortlich, daran bin ich schuld, dann kann ich daraus lernen und es nächstens besser machen.“

Wenig bringt es, sich für Fehler der Vergangenheit noch Jahre zu geißeln. „Hätte ich nur...; wie konnte ich nur...“ Man hat sich verhalten, wie es einem nach damaligem Wissen, damaliger Einschätzung der Situation richtig erschien oder die Umstände es bedingten. Heute weiß man mehr, aber man kann die Zeit nicht zurückdrehen. Irgendwann sollte man sich selbst verzeihen! Auch bei schweren Fehlern, wenn man womöglich jemanden geschädigt hat, machen ewige Selbstvorwürfe nichts besser. „Die Verantwortung übernehmen“, rät die Fachfrau, „und lernen, damit zu leben. Lieber überlegen: Was kann ich für den Geschädigten jetzt Gutes tun?“

Anerkennung
„Stehen Selbstvorwürfe an der Tagesordnung, deutet es darauf hin, dass es sich um irrationale Schuldgefühle handelt“, so die Psychologin. „Mit Sätzen wie ‚Jetzt habe ich das wieder nicht geschafft‘ bestrafen wir uns selbst.“ Und kreieren eine Illusion von Kontrolle, die wir nicht haben – „Wenn ich mich noch mehr anstrenge, wenn ich es endlich schaffe, dann werden die anderen zufrieden sein, mich lieben!“

Irrationale Schuldgefühle verhindern, dass wir erkennen, was wir wirklich brauchen und wollen. „Dahinter steckt oft die Sehnsucht, endlich die Anerkennung der Eltern zu bekommen, ihren Erwartungen zu entsprechen.“ Wichtig wäre es, so weit zu kommen, dass man die eigenen Interessen gegen die anderer abwägen und frei entscheiden kann. Klar ist: Wer seine eigenen Bedürfnisse zu lange ignoriert, kann auch nicht mehr für andere da sein.

Redaktion: Miriam Berger

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