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Nie wieder Diäten: Fa(t)shonista Magda Albrecht im Interview

Warum dicke Menschen nicht im Jogging-Anzug zum Arzt gehen und es dringend ein Schulfach "Medienkompetenz" bräuchte, erklärt Albrecht anlässlich des Anti-Diät-Tags.

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Nie wieder Diäten: Fa(t)shonista Magda Albrecht im Interview
© WOMAN

Die deutsche Autorin und Aktivistin Magda Albrecht (32) war kürzlich zu Gast in Wien, um ihr im Jänner erschienens Buch „Fa(t)shonista - Rund um glücklich durchs Leben“ vorzustellen. WOMAN hat sie zum Gespräch über Mode, Diät-Camps, Instagram und ein unbeschwertes Leben getroffen.

WOMAN: Was verstehst du denn unter einer „Fa(t)shonista“? 

Magda Albrecht: Ganz einfach ausgedrückt: Eine modebewusste, dicke Person. Der Begriff kommt aus den sozialen Netzwerken, vor allem auf Instagram taucht er immer wieder auf und wird vorrangig von dicken Frauen und dicken Queers benutzt, um die Vielfältigkeit von Körpern abzubilden. Aber es geht auch um dicke Personen die Mode lieben, aber wissen, dass Mode eine Angelegenheit ist, die viele Ausschlüsse produziert. Insofern steckt sehr viel mehr in diesem Begriff, als das vermeintlich oberflächliche Befassen mit Mode. Da steckt auch Politik drin. 

WOMAN: Inwiefern? 

Magda Albrecht: Sichtbarkeitspolitik. Es ist das Aufmerksam machen darauf, dass es für viele Menschen nicht möglich ist, Gewand zu finden, das ihnen passt und gefällt - weil Mode für dicke Personen nicht produziert wird. Und wenn, wird sie oft sehr teuer verkauft. Und das führt uns recht schnell vor Augen, dass wir noch immer in einer Welt leben, in der Schönheits-, Körper- und Gesundheitsideale unseren Blick regieren und bestimmen, was wir als „schön“ und „richtig“ wahrnehmen. Und es steckt das Wort „fett“ drin: Ich als dicke Frau möchte auch passende Klamotten haben, die mir gefallen. Aber ich empfinde das Wort als Eintrittstür:  Auch wenn Mode nur ein Thema unter vielen ist - kein Gewand zu finden, das passt, ist etwas sehr Elementares. Da merken auch junge Frauen sehr schnell, dass Ausschlüsse passieren. Und da ist man dann sehr schnell beim Thema Körpernormen. Und dann fängt man an, sich über sehr viele Dinge zu ärgern - etwa über die Dinge, die dicken Menschen passieren, wenn sie zum Arzt gehen. 

WOMAN: Wann und wie wurde bei dir aus dem Ärger über die Zustände, konkrete politische Kritik bzw. Aktivismus?

Magda Albrecht: Vor meiner Einschulung hat mir eine Ärztin gesagt, dass ich nicht so weiter machen kann, weil ich dann nicht mehr in meine Kleidchen passe. Das heißt sie hat das sehr wohl über die Mode kommuniziert, aber eigentlich war die Aussage: „Dein Körper ist zu dick, du sollst mal nicht so viel fressen, du sollst dich mal ein bisschen bewegen.“ Die Frau kannte mich aber gar nicht. Ich sollte also noch bevor ich schreiben und rechnen konnte, lernen Kalorien zu zählen. Als Kind habe ich das nicht verstanden, aber als Erwachsene schon. 

WOMAN: Aber auch als Kind verletzt das und bewirkt etwas. 

Magda Albrecht: Klar, das was man als Kind versteht ist: „Du bist nicht richtig, du bist falsch, du sollst dich verändern.“ Das war das erste derartige Erlebnis, an das ich mich erinnern kann. Dann war ich in Diät-Camps, meine gesamte Kindheit und Jugend war geprägt von Diäten. 


WOMAN: Die du dir selbst auferlegt hast oder zu denen du von anderen getrieben wurdest?

Magda Albrecht: Nicht von meinen Eltern, auch wenn sie mich nicht abgehalten haben. Ich bin keineswegs in einer Familie aufgewachsen, in der abwertend über Essen oder dicke Körper geredet wurde. Ich bin in einer dicken Familie aufgewachsen, meine Eltern waren alte Ossis. Linke Leute, die sich mit sowas nicht befasst haben, die nicht auf oberflächliche Schönheitsideale rein gefallen sind. Aber die haben den Druck von Ärzten gespürt, weil natürlich willst du das Beste für dein Kind. Aber das Diät-Camp war mein eigener Wunsch als 5-Jährige. Weil ich für meine Einschulung nicht mehr so dick sein wollte. 

WOMAN: Wann hast du beschlossen, keine Diäten mehr zu machen? 

Magda Albrecht: Anfang 20 habe ich begonnen mich mit Feminismus und feministischer Theorie zu befassen. Die Auseinandersetzung mit den generellen Ungerechtigkeiten, die einem als Frau begegnen, hat mir sozusagen die Sprache in die Hand gegeben. Wobei ich unterstelle, dass auch in feministischen Kontexten teilweise das Bewusstsein für den Zusammenhang von Diäten, Schlankheitsnormen, Kapitalismus und Patriarchat fehlt. Auch da hört man immer wieder, dass man „aufpassen müsse“, wenn man ein Stück Kuchen isst. Es gibt eine inhärente Logik, die besagt: „Ich darf nicht dick werden.“ Dick sein ist immer ein Feindbild. Um die Frage zu beantworten: Es gab keinen eindeutigen Punkt, an dem ich das festmachen könnte, das war ein langer Prozess. 

WOMAN: Und dieser Prozess hat dich bis heute wohin geführt?

Magda Albrecht: Ich habe irgendwann während meinem Studium entschieden, keine Diäten mehr zu machen. Und ich habe mich ebenso bewusst dafür entschieden, keine Waage zuhause zu haben. Das ist für viele ein selbstverständliches Ding im Bad - ich hoffe es gelingt mir, mich bis zum Ende meines Lebens nicht mehr zu wiegen. Die Zahl sagt nichts über mich aus - aber wir geben der Zahl gesellschaftlich sehr viel mehr Macht, als sie haben sollte. 

WOMAN: Aber das hat doch viel mit dem Alter zu tun, die Dinge so sehen zu können. Als unsicherer Teenager ist das etwas ganz anderes. 

Magda Albrecht: Klar. Aber ich bin froh heute Respekt - und ich sage bewusst nicht Liebe - für meinen Körper und seine Bedürfnisse zu haben. Dafür, dass es mir guttut zu essen, dass es mir guttut, mich zu bewegen. Aber ich muss mir Räume suchen, in denen ich dann hoffentlich keine blöden Sprüche abbekomme. Das hat auch etwas damit zu tun, dass ich bewusster mit meinem Körper umgehen will. 

Magda Albrecht beim Interview im Café "Fett & Zucker" im zweiten Bezirk in Wien.


WOMAN: Zum Thema blöde Sprüche: Begegnet einem das öfter im „echten“ Leben oder im virtuellen Raum?

Magda Albrecht: Das Internet ist natürlich ein Loch ohne Boden, was Diskriminierung und Hass angeht. Online bekomme ich eine Menge ab. Ich selbst erlebe das auf der Straße aber nicht in einer so krassen Form. Andere Menschen, die 50 oder 100 Kilo mehr als ich wiegen, erfahren da häufig Schlimmeres. Ich würde mich nicht als Maßstab nehmen, weil ich sehr wohl weiß, wie ich auftrete: Mittelschichtig und sehr stark. Ich lasse mir nicht viel gefallen. Das heißt nicht, dass andere Menschen selbst an Diskriminierung schuld sind, aber dass die Hemmschwelle größer ist, mich dumm anzuquatschen. Auch bei Ärzten. Weil ich weiß, wie ich mich wehren kann. Deshalb begleite ich auch andere Leute zum Arzt, damit auch sie die Versorgung bekommen, die sie benötigen.

WOMAN: Arzt-Besuche sind für dicke Menschen also offenbar ein zentrales Problem. Wieso ist das so? 

Magda Albrecht: Das Gesundheitssystem ist teilweise sehr krass. Das hat auch viel mit sozialer Herkunft und „Klasse“ zu tun. Eine Person, die als „Unterschicht“ wahrgenommen wird und im Jogging-Anzug zum Arzt geht, wird weniger ernst genommen. Erst recht, wenn man dick ist - was ja auch oft der vermeintlichen „Unterschicht“ zugeschrieben wird. Das heißt aufgrund dieser Stereotype, würde auch ich mich nicht trauen, im Jogging-Anzug zum Arzt zu gehen. Meine Freundinnen, die dünn sind, können das sehr wohl - die werden trotzdem ernst genommen. Und das ist nicht nur ein Gefühl, sondern es gibt zahlreiche Studien dazu, dass ärztliches Personal weniger gern mit hochgewichtigen Menschen zusammen arbeitet und Ekel besteht. Und dann befasst man sich weniger mit der Patientin und das bedeutet übersetzt eine schlechtere Behandlung. Das zeigen nicht zuletzt Geschichten wie jene, wo ein Tumor nicht entdeckt wurde, weil bei dicken Menschen zuerst immer davon ausgegangen wird, dass das Gewicht das Problem ist und sie erst mal abnehmen müssen. 

WOMAN: Aber all diese Stereotype haben ja schon auch mit der Leistungsgesellschaft zu tun, in der wir leben. Das zeigt sich ja auch daran, dass Dicksein oft mit Faulheit gleichgesetzt wird. Wo muss man insofern ansetzen, um über all das hinwegzukommen? 

Magda Albrecht: In einer kapitalistischen Gesellschaft greift es natürlich zu kurz, nur über Stigmata zu reden. Aber: In der Welt, in der wir leben, haben diese Stigmata reale Auswirkungen auf die Chancen, die wir am Arbeitsmarkt oder in der Arztpraxis haben. Deshalb finde ich auch die Workshops, in denen ich versuche Pädagoginnen für ihre Stereotype zu sensibilisieren, sehr wichtig. Und auch wenn das Problem ein „größeres“ ist: Ich kann den Kapitalismus nicht stürzen wenn ich krank bin und vom Arzt nicht behandelt werde. Oder keine Kleidung habe, um auf die Demo zu kommen. Ganz überspitzt formuliert natürlich. 

WOMAN: Du hast einmal gesagt, für dich war Beth Dito sehr wichtig. Was willst du jungen Frauen mit auf den Weg geben? 


Magda Albrecht: Wenn ich die Frage umdrehe und sage, wie es mir gelingt „rundum glücklich“ - wie der Untertitel des Buches lautet - durchs Leben zu gehen, dann ist die Antwort: Gesellschaftskritik. Das hört sich jetzt riesengroß an, aber es ist der nachhaltigste Weg, sich kritisch mit gesellschaftlichen Verhältnissen und Schönheitsidealen auseinander zu setzen. Und das heißt, sich in einem ersten Schritt kritisch damit auseinanderzusetzen, welche Medien ich konsumiere und frage: Welche Menschen und Realitäten kommen da vor? Finde ich es gut, dass ich in Serien hauptsächlich weiße, schlanke Menschen ohne Behinderung sehe? Manche werden vielleicht mit „Ja“ antworten - aber ich möchte gerne die Vielfalt der Menschen abgebildet sehen. Denn ich glaube fest daran, dass unsere Sehgewohnheiten und unsere Sprache sehr viel dazu beitragen, was für uns überhaupt denkbar ist. Und wenn ich immer nur schlanke Menschen sehe, ist das die einzige Realität die vorstellbar ist und vor allem auch die, die als „richtig“ und „erstrebenswert“ begriffen wird. Wenn allerdings verschiedene Realitäten denkbar sind, fällt einem eher auf, wenn Politik im Bundestag hauptsächlich für weiße Männer gemacht wird - und kann das dann auch kritisieren.

WOMAN: Apropos vorstellbare Realitäten: Was können hier soziale Medien beitragen?

Magda Albrecht: Das kommt darauf an, welche Community ich mir dort zusammen baue. Dazu gehört vor allem eines: Medienkompetenz. Ich bin keine Freundin davon, wenn Sozialpädagoginnen dafür plädieren, soziale Netzwerke zu verbannen, Jugendlichen ihre Handys wegzunehmen oder „Germanys next Topmodell“ zu verbieten. Das wird nicht funktionieren. Ich bin für kritischen Medienkonsum - den man aber in der Schule lernen müsste. Datenschutz, das Online-Ich, wie man sich eine schöne Community baut und all das. Diese Medien haben uns unglaubliche Möglichkeiten eröffnet, aber es sind auch unglaublich ätzende Dinge damit einher gegangen. Und egal wie vielfältig meine Community ist: Natürlich geht es immer ums Vergleichen. Aber das muss man wissen. Da wären wir wieder bei GNTM: Es macht viel mehr Sinn sich das gemeinsam anzuschauen und nachher darüber zu diskutieren. Das ist viel produktiver, weil es ist nun mal das, was viele Jugendliche anschauen wollen - auch wenn ich das nicht verstehe. 


WOMAN: Was könnte man noch tun?


Magda Albrecht: Alternative Medien zur Verfügung stellen. Es könnten in jedem Kindergarten Bücher sein, die die unterschiedlichsten Realitäten zeigen. Es könnten mal schwarze oder queere ProtagonistInnen vorkommen oder ein dickes Kind. Das sind Selbstverständlichkeiten die man leben kann, ohne total zu politisieren - dann geht man Kindern, insbesondere Jugendlichen, auch nicht auf den Keks. Das klingt einfach, aber viele kommen da nicht drauf, das merke ich in meinen Workshops immer wieder. Gesellschaftskritik ist zwar anstrengend, aber langfristig gesehen die Antwort auf die Frage, wie man ein Leben leben kann, in dem man sich tendenziell freier von gesellschaftlichen Normen machen kann. Wie man durchs Leben laufen kann, ohne sich nicht ständig als „Schuldige“ zu sehen, die sich ändern muss. Wenn ich die Schuld dauernd bei mir suche, dann ist das ein sehr gutes Rezept fürs Unglücklich sein. 

Am 6. Mai ist internationaler Anti-Diät-Tag. Ins Leben gerufen wurde er von der britischen Autorin und Feministin Mary Evans Young, die einst selbst an Anorexie erkrankt war. Sie thematisierte die potenziell tödlichen Auswirkungen des Schlankheitswahns für Mädchen und Frauen und setzte sich für die Würdigung von Vielfalt von Körpern ein.

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