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Nighttalk Philipp Hochmair von Vorstadtweiber

08/15 liegt ihm nicht. Mime Philipp Hochmair, 44, gilt als exzentrisch, ausdrucksstark und hemmungslos. Auch bei unserem Nighttalk war die Passion für seinen Beruf unverkennbar. Ein Chat über Ängste, Wahnsinn und den Fluss des Lebens.

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Nighttalk Philipp Hochmair von Vorstadtweiber

Philipp Hochmair

© Marko Mestrovic

Er spielt seine Rollen nicht. Er atmet sie, inhaliert sie, lebt sie. Für Philipp Hochmair ist die Schauspielerei weit mehr als ein Job. Das spürt man. Derzeit in der dritten Staffel der „Vorstadtweiber“ (montags, 20:15 Uhr auf ORFeins), in der der 44-Jährige als homosexueller Politiker Joachim Schnitzler das Publikum in seinen Bann zieht. In der Arbeit explodiert er, erklärt er im WOMAN-Nighttalk, elf Monate im Jahr gibt er alles. Die restlichen vier Wochen sind für ihn persönlich reserviert. Um wieder zur Ruhe zu kommen, mal richtig abzuschalten. Die einmonatige Auszeit startete einen Tag nach unserem Chat. Während Sie diese Zeilen lesen, ist der Entertainer gerade in Indien unterwegs. Und wir nehmen Sie jetzt auf eine Reise in Hochmairs Seelenleben mit …

„Am liebsten mag ich den Humor, den tragischen, bösen Humor …“

Woman (20:50): Kann’s losgehen?
Hochmair (20:50): Ja!
Woman (20:51): Perfekt, dann starten wir. Das Jahr ist noch sehr jung. Wie halten Sie's mit Vorsätzen? Haben Sie welche gefasst?
Hochmair ( 20:53): 4. Staffel „Vorstadtweiber“, wäre mein Vorsatz.
Woman (20:55): Ja, juhu! Es geht weiter. Schauen Sie sich auch alle Folgen an? Und wie ist es für Sie, sich selbst im TV zu sehen?
Hochmair (20:59): Ich würde mir wünschen, dass es weitergeht. Es muss weitergehen … Ich schau mir das alles an. Aber ich sehe nicht „mich“, sondern ein Team, das gemeinsam spielt,und da ist eben auch der Schnitzler, den ich spiele. Das ist für mich ein ganz sportlicher Vorgang. Das Match analysieren: Wie läuft der Ball? Wer schießt das Tor? Gewinnen wir wieder?Das sind für mich die Fragen, und nicht: Bin ich gut, hübsch, bla…
Woman ( 21:04): Wann stellt sich für Sie das Gefühl des Siegens ein? Wie definieren Sie Erfolg?
Hochmair (21:06): Es ist die Freude darüber, dass das Ganze funktioniert, einen Sinn hat. Da steckt so viel Liebe und Zeit und Arbeit drinnen. Und wenn das Publikum mitgeht, diskutiert,zornig ist und froh … Wenn Energie fließt. Wenn wir was in Bewegung setzen. Ich glaub, dass speziell „Vorstadtweiber“ ein sehr dynamisches Produkt ist. Und wenn sich die Dynamik überträgt und das Format lebt, würde ich das ganz persönlich als Erfolg werten.

»Innehalten ist sehr wichtig, um zu hören, wie es weitergeht. Aber Stillstand? Panta rhei … Alles fließt«

Woman (21:09): Das Gegenteil von Bewegung ist Stillstand. Wie ist Ihr Verhältnis dazu?
Hochmair (21:11): Innehalten ist sehr wichtig, um zu hören, wie es weitergeht. Aber Stillstand?Panta rhei … Alles fließt.
Woman (21:12): Wie soll es für Sie weitergehen? Welche Projekte stehen an? Und gleich noch eine Frage: Was mögen Sie an„Vorstadtweiber“ am liebsten?
Hochmair (21:16): Arbeitstitel: „Blind ermittelt“. Ein erblindeter Ermittler in Wien. Sehr spannender Kontrast zum sehenden, hungrigen Schnitzler. Am liebsten mag ich an der Serie den Humor. Den tragischen, bösen Humor. Und ich mag, dass es eine österreichische Serie mit internationalem Format ist. „Kottan“, „Kaisermühlen Blues“, „Trautmann“ sind sehr, sehr
tolle österreichische TV-Produktionen. Aber leider kennt man diese hauptsächlich in Österreich. „Vorstadtweiber“ ist weltweit sehr beliebt. Das hat natürlich auch mit Plattformen wie Flimmit oder Netflix zu tun.
Woman (21:17): Einen blinden Ermittler zu spielen, stelle ich mir sehr herausfordernd vor. Wie haben Sie sich auf diese Rolle vorbereitet?
Hochmair (21:19): Unter anderem war ich bei „Dialog im Dunkeln“, einem Museum/Erlebnis von Blinden für Sehende. Gibt es auch in Wien. Kann ich jedem nur wärmstens empfehlen. Das ist eine unglaubliche Erfahrung.
Woman (21:21): War ich auch schon mal. Ich habe mir, zugegeben, ein bisschen schwer getan mit dem Vertrauen. Was die anderen Personen betrifft, aber auch auf mein eigenes Gefühl. Wie ging’s Ihnen damit?
Hochmair (21:24): Ein paar Teilnehmer sind sofort geflüchtet oder hatten Panikattacken. Ich denke, das kann jedem passieren, dass er – wie mein Kommissar – bei einem Unfall plötzlich das Augenlicht verliert. Drum hab ich mich da gut reinfallen lassen können. Und ich fand es ein sehr beruhigendes und stabilisierendes Erlebnis, das mich noch lange beschäftigt hat. Die Stimmen und Stimmungen der anderen Teilnehmer so intensiv wahrzunehmen und dann bei Licht die dazugehörigen Menschen/Körper/Kleider zu sehen, war sehr beeindruckend.

Woman (21:29): Ich finde ja auch, dass einem vor Augen geführt wird, wie oft mir uns im Alltag von Oberflächlichkeit leiten lassen. Was haben Sie im letzten Jahr über sich selbst gelernt?
Hochmair (21:32): Die wichtigsten Begegnungen mit meinen Ängsten und meinem Wahn waren die Dreharbeiten zur dritten Staffel der „Vorstadtweiber“ und „Blind“. In dieser Staffel verliert Schnitzler völlig die Kontrolle. Bei „Blind“ passiert genau das Gegenteil. Schnitzler explodiert, und der blinde Kommissar implodiert. Der eine rast, der andere wird hypersensibel. Das war ein sehr intensiver Kontrast.
Woman (21:34): Welche Ängste und welchen Wahn meinen Sie? Und wo tendieren Sie hin: zum Explodieren oder Implodieren?
Hochmair (21:37): Schnitzler wird über seinen Machtverlust wahnsinnig. Und diesen Wahnsinn über zehn Folgen aufzubauen, hat mich neu an meine Grenzen gebracht. Das war, wie Dorfrichter Adam im „Zerbrochnen Krug“ oder Mephisto in „Faust“ zu spielen: eine große, komplexe Aufgabe. Ich tendiere zu beidem: in der Arbeit zur Explosion und in der Erschöpfung zur Implosion. Elf Monate Explosion, ein Monat Implosion. Bei „Blind“ war es eine Reise ins Innere. In die Angst, real zu erblinden. In den Überlebenskampf eines Menschen, der nicht sehen kann, aber sehen muss, um einen schweren Fall, der ganz stark mit seinem Leben, seiner Biografie in Verbindung steht, zu lösen.
Woman (21:39): Gibt es Rollen, die Sie sich nicht zutrauen?
Hochmair (21:43): Bei „Blind“ war ich mir nicht sicher, ob das klappt, und hatte natürlich richtig Lampenfieber. Aber auch bei der dritten Staffel der „Vorstadtweiber“ ging mir ganz schön der Arsch auf Grundeis. Doch wenn man den Kommentaren aus den Schneideräumen trauen darf, scheint das Experiment geglückt …
Woman (21:45): Wo würden Sie sich eigentlich einordnen: Pessimist, Optimist oder Realist?
Hochmair (21:46): Zwangsoptimist.
Woman (21:46): Wie gehen Sie mit Versagensängsten um?
Hochmair (21:50): Weiß ich nicht recht. Das ist immer ein Einzelfall und an das Projekt gebunden. Vor dem Wahnsinn von Schnitzler hab ich andere Ängste als vor der Depression des blinden Kommissars.
Woman (21:52): David Niven sagte mal: „Die Schauspielerei ist ein herrlich überbezahltes Hobby für kindliche Gemüter.“ Wie viel Kind steckt noch in Ihnen?
Hochmair (21:53): Das Zitat ist gut und trifft auf mich zu, homo ludens.
Woman (21:54): Sie sind ja seeeeehr viel am Arbeiten. Was kommt bei Ihnen oft zu kurz?
Hochmair (21:56): Zum Beispiel die Pflichten eines liebenden Onkels für seinen Neffen. Emil hatte einen großen Auftritt als bösartige Maus in einem Kinderstück. Das hätte ich gerne gesehen und ihn betreut. Aber da stand ich gerade in Kapstadt vor der Kamera.
Woman (21:57): Angenommen, Ihr Neffe möchte später auch Schauspieler werden: Was raten Sie ihm?
Hochmair (22:01): Die böse Maus ist schon mal ein guter Anfang. Er könnte dann als Neffe von Schnitzler in der vierten Staffel mitspielen. Dann würden wir weitersehen, ob auch er eines Tages so eine Ratte wie Schnitzler werden könnte. Aber hey, es ist schon echt spät. Freu mich, dass wir so gut gechattet haben, aber ich muss jetzt leider schlafen. Fliege morgen früh zum ersten Mal nach Indien, zum Innehalten … Stillstand lernen/üben und hab noch nichts gepackt.
Woman (22:01): Noch ein, zwei Fragen?
Hochmair (22:04): Ich kann nicht mehr. Bitte lassen Sie uns aufhören!
Woman (22:05): Wenn Sie so lieb drum bitten ;-) Wünsch Ihnen eine gute Nacht und eine wunderbare Reise.