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Nina Proll blickt in ihre Kindheit

Unangepasst. Selbstbewusst. Goschert. Dass Nina Proll polarisiert, ist die letzten Monate aufgefallen. Sie ist es gewohnt, sich zu matchen, weil sie mit zwei starken Männern aufgewachsen ist. Sagt sie. Für WOMAN machte Proll eine Reise in die Vergangenheit. Sie erzählt, warum sie geworden ist, wie sie ist. Und taucht in ihre alten Familienfotos ein.

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Nina Proll blickt in ihre Kindheit

Fotomontage. Zurück in die Kindheit. Nina Proll ist mit ihrem Bruder Claudius und Vater Johannes im Waldviertel aufgewachsen. Für WOMAN suchte sie alte Familienfotos und ließ sich ins Bild reinretuschieren.

© Stefan Gergely @ Studio Steter; Bildbearbeitung: Peter Alscher @ Studio Steter

An diesem Namen ist in letzter Zeit niemand vorbeigekommen. Mit ihren kontroversen Aussagen zu #metoo sorgte Nina Proll bei den einen für Empörung, bei den anderen für Applaus. Fehlende Frauensolidarität wurde ihr jedenfalls massiv vorgeworfen. Dabei lässt die Schauspielerin in ihrem neuen Kinofilm "Anna Fucking Molnar" (ab 24.11.) die Männer ziemlich nackt dastehen. Im wahrsten Sinn des Wortes. Und politisch garantiert unkorrekt. Proll, die auch für das Drehbuch verantwortlich ist, sagt: "Natürlich ist der Film sexistisch." Warum, erklärt die 43-Jährige später. Der Vater der Titelfigur, dargestellt von Uwe Ochsenknecht, spielt dabei eine zentrale Rolle. So wie der eigene in Nina Prolls echtem Leben. Nach der Trennung der Eltern ist sie mit ihrem jüngeren Bruder Claudius beim Papa im Waldviertel aufgewachsen.

»Da hat sich über die Jahre eine irrsinnige Wut aufgestaut.«

WOMAN: Wie wichtig war Ihr Vater für Sie als junges Mädchen?

Proll: Enorm wichtig. Das war meine erste Beziehung zu einem Mann, er war meine erste Liebe. Und ich hatte das Glück, einen Vater zu haben, für den ich das Allergrößte war. Ich merke, dass ich von dieser Beziehung immer noch zehre, weil ich Männer einfach mag. Natürlich habe ich auch schlechte Erfahrungen gemacht und enttäuschte Liebe erlebt, aber ich habe nie diese grundsätzliche Liebe zu Männern verloren.

WOMAN: Töchter suchen sich häufig Partner, die ihren Vätern ähneln. Trifft das bei Ihnen auch zu?

Proll: In gewisser Weise schon. Ich mag Männer, die, wie mein Vater auch, weinen können, Gefühle zeigen und trotzdem irgendwie Machos sind. Auf der anderen Seite war mein Vater ein sehr konservativer, vorsichtiger Mensch. Auch sehr besorgt darum, was andere Leute denken könnten. Das halte ich überhaupt nicht aus! Was das betrifft, wäre ich mit meinem Vater sicher nicht glücklich geworden.

WOMAN: Wie hätte er den aktuellen Shitstorm beurteilt?

Proll: Mein Vater ist 2008 gestorben. Ich glaube, sowohl den Film als auch diese ganze Debatte hätte ich mich nicht getraut, so lange mein Vater noch am Leben gewesen wäre.

WOMAN: Warum?

Proll: Er hat immer sehr darunter gelitten, wenn ich Sachen gemacht habe, die gegen seine Wertvorstellungen waren. Weil er mich so geliebt hat. Egal ob das Filme waren, die ich gemacht habe, oder Männer, die ich hatte. Meine ersten beiden Freunde waren aus dem Iran, das war für ihn eine große Herausforderung. Das war auch unser erster großer Konflikt. Aber ich war damals schon so stur, dass ich gesagt habe: "Entweder du akzeptierst es, oder ich ziehe aus." Dann bin ich ausgezogen. (lacht)

WOMAN: Im Film wird die Tochter die Vernünftige und ermahnt den umtriebigen Vater. Kennen Sie das?

Proll: Ja, das kenne ich, diese Gespräche hatten wir auch. Er hat mich oft ins Vertrauen gezogen, wenn es um Beziehungsfragen ging. Aber nicht alles ist autobiografisch. Mein Vater war zwar ein Frauenschwarm, dennoch aber von "Sexsucht" weit entfernt. Diese Feststellung wäre ihm zum Beispiel sehr wichtig.

»Als Kind verliert man sich im Spiel. Ich konnte stundenlang vor mich hinträumen und fantasieren. Ich sehne mich nach dieser Selbstvergessenheit.«

WOMAN: Wie ist das Verhältnis zu Ihrem Bruder?

Proll: Ziemlich symbiotisch. Wir telefonieren fast täglich. Unsere Kindheit hat mich geprägt, weil ich es gewohnt war, mich mit meinem Bruder auseinanderzusetzen. Wir haben viel gerauft. Oft war ich auch auf ihn neidisch, weil meine Oma ihn, meiner Meinung nach, bevorzugt hat. Ich bin mit der Vorstellung aufgewachsen, dass ich gewisse Dinge erfüllen muss, um geliebt zu werden: hübsch sein, brav sein, sich gut benehmen. Wie man ein Mädchen eben gern hätte: Ich sollte nicht pfeifen, nicht Fußball spielen Da hat sich über die Jahre eine irrsinnige Wut aufgestaut. Der Weg in die Schauspielerei war ein Befreiungsschlag, um zu lernen: Ich muss diesem Klischee des braven Mädchens nicht entsprechen.

WOMAN: Durch die Weinstein-Affäre ist es zu einer weltweiten Sexismus-Debatte gekommen. Viele veröffentlichten daraufhin hre Erlebnisse mit #metoo. Sie haben provokant #notme gepostet. Geht das nicht an Frauensolidarität vorbei?

Proll: Dass ich unsolidarisch sei, ist fern jeglicher Realität. Es gibt niemanden, der sich mit Frauen und Kolleginnen besser versteht als ich. Mir ist klar, dass mein Posting provokant formuliert war, aber wenn ich das nicht gemacht hätte, hätte es niemanden interessiert. Dann hätte niemand eine ernste Diskussion geführt.

WOMAN: Der FPÖ-Politiker Marcus Franz, ein deklarierter Pograpscher, und Felix Baumgartner haben Ihnen applaudiert. Wie geht's Ihnen damit?

Proll: Ich beschäftige mich mit diesen Personen nicht. Es interessiert mich nicht, was andere Männer, noch dazu welche von der FPÖ, über mich sagen. Das ist das Grundproblem der Frauen: Dass es ihnen immer wichtiger ist, was andere tun, sagen oder denken. Ich beschäftige mich lieber damit, was ich denke.

WOMAN: Auch wenn es Sie nicht tangiert, werden Sie damit öffentlich in ein bestimmtes Eck gestellt ...

Proll: Das stimmt. Aber ich traue dem mündigen Bürger zu, dass er das unterscheiden kann.

WOMAN: Passend zu dem Thema meint die Hauptfigur in Ihrem Film: "Ich kann das auch so spielen. Dazu muss man nicht meine Möpse sehen." Hat man von Ihnen oft verlangt, nackte Haut zu zeigen, wo es nicht notwendig gewesen wäre?

Proll: Wann ist es schon notwendig? Das muss nun mal einer entscheiden, und das ist der Regisseur. Gerade bei den "Vorstadtweibern" haben wir dieses Thema immer wieder. Mein Problem ist nicht, dass ich in einem Film nackt zu sehen bin, sondern dass über Screenshots heutzutage alles im Internet landet. Deshalb gibt es in Verträgen eine neue Klausel: "No nipples, no crotch."

1979 mit Papa Johannes, Nina mit 5; rechts: Nina heute

WOMAN: Haben Sie Kollegen schon auf ihre Sexualität reduziert?

Proll: Na klar! Da kann ich mich wahrscheinlich in die erste Reihe stellen! Wenn sich Murathan Muslu am Ende des Films ausziehen muss, wenn ich zu meinem Produzenten "Schatzerl" sage oder wenn ich darauf bestehe, eine weibliche Regisseurin zu haben, dann ist das auch sexistisch. Aber ich sage: Zum Glück dürfen wir Frauen das jetzt auch. Das ist meine Art, Feminismus zu leben. Oder umgekehrt, wie im Fall Peter Pilz, bringt es nichts, darauf zu warten, dass der andere von selber merkt, dass es unpassend war. Sondern es ist besser, ihm gleich auf die Finger zu klopfen und stopp zu sagen, sodass er die Möglichkeit hat, sein Verhalten zu ändern. Dann wäre auch ein wertvoller Politiker wie Peter Pilz vielleicht heute noch in Amt und Würden. Genauso kann ich mich darüber beschweren, dass Frauen im Film immer nur als Opfer dastehen und in ihrem Leid steckenbleiben. Oder ich kann es ändern und eine andere Figur entwickeln.

WOMAN: Sie verlangen von Frauen mehr Courage und den Mut, es anzusprechen, wenn sie sich belästigt fühlen. Können Sie aber auch verstehen, dass es da vielen an Mut fehlt?

Proll: Nicht wirklich. Auf eine Peinlichkeit hinzuweisen, ist ja nicht für mich peinlich, sondern für das Gegenüber. Klar, jemandem zu zeigen, dass man etwas als unangenehm empfindet, macht einen angreif bar. Dann läuft man Gefahr, dass der andere lacht, sich darüber hinwegsetzt oder es weitererzählt. Mir ist wichtig, zu motivieren: Haben wir keine Angst davor! Stärken wir uns! Trauen wir uns, zu dem zu stehen, was wir empfinden. Vielleicht würde es helfen, wenn das in einem Schulfach unterrichtet werden würde. Oder wenn Frauen auch zum Wehrdienst müssten.

WOMAN: Wie haben Sie sich dieses Selbstbewusstsein erarbeitet?

Proll: Meine Ausbildung hat mir da sehr geholfen. Ansonsten lernt man durch das Leben, Freunde, Partner. Ich habe auch professionelle Hilfe in Anspruch genommen.

WOMAN: Was würden Sie der kleinen Nina rückblickend sagen?

Proll: Hab nicht so viel Angst, alles wird gut. Trau dich, so zu sein, wie du bist.

WOMAN: Und was würden Sie sich gern aus Ihrer Kindheit zurückholen?

Proll: Als Kind verliert man sich im Spiel, da konnte ich stundenlang vor mich hinträumen und fantasieren. Ich sehne mich nach dieser Selbstvergessenheit und würde gern mehr im Moment leben, weniger an die Zukunft und Termine denken.

»Als Kind verliert man sich im Spiel. Ich konnte stundenlang vor mich hinträumen und fantasieren. Ich sehne michnach dieser Selbstvergessenheit.«

WOMAN: Sie haben zwei Söhne: Leopold, 9, und Anatol, 7. Wie erziehen Sie Ihre Kinder zu guten Männern?

Proll: Man darf ihnen nicht alles durchgehen lassen. Gerade Buben können ihre Mütter sehr gut herumkommandieren oder ihnen ein schlechtes Gewissen machen. Wir haben Regeln, und die müssen respektiert werden, sonst gibt es Konsequenzen.

WOMAN: Ist Gleichberechtigung in der Erziehung ein Thema?

Proll: Das kann ich nur jeden Tag mit meinem Mann vorleben. Nämlich indem ich mich nicht unterwerfe oder mich nicht unter Druck setzen lasse. Ich kämpfe für meine Bedürfnisse.

nina-proll
Nina 1979 mit 5; rechts: Nina heute
Thema: Society