Ressort
Du befindest dich hier:

"Noch ein Kind konnten wir uns nicht leisten."

Eine 44-jährige Mutter aus Linz möchte ihr behindertes Baby nach der Geburt zur Adoption freigeben. Ihr Mann ist 70, und ein drittes Kind geht sich für die Familie nicht aus. Die zuständigen Behörden sehen das aber anders.

von

"Noch ein Kind konnten wir uns nicht leisten."
© iStockphoto.com

Mirena F. ist verzweifelt. Am Ende ihrer Kräfte. Der Schock der letzten Monate sitzt noch tief, immer wieder kämpft sie mit Tränen bei unserem Gespräch. Was ist passiert? Sie wurde mit 44 noch einmal ungeplant schwanger. Mit so einer Überraschung hat die Teilzeit-Altenpflegerin aus Linz wirklich nicht mehr gerechnet! Schließlich hat sie ja schon eine neunjährige Tochter und einen 17-jährigen Sohn. Ihr Ehepartner ist 70 und in Pension. Ein drittes Kind? Unmöglich.

»Warum abtreiben, wenn wir einem anderen kinderlosen Paar eine Freude machen können?«

"Können wir uns beim besten Willen nicht leisten!" Eine Abtreibung kam aber auch nicht infrage. "Mein Mann war anfangs für einen Abbruch. Die Entscheidung, das Kind zu behalten, ist uns wirklich nicht leicht gefallen. Ich dachte mir dann aber: Warum abtreiben, wenn wir einem anderen kinderlosen Paar eine Freude machen können?" Also entschied sich die Linzerin noch während der Schwangerschaft für eine Adoption. "Mit dieser Option konnte ich meinen Seelenfrieden aufrechterhalten. Dachte ich zumindest."

Denn als Mirena F. am 8. Februar 2017 den kleinen Sebastian auf die Welt brachte, begann für die 44-Jährige erst recht ein Spießroutenlauf. Bei Mirenas Sohn wurde ein Gendefekt entdeckt: Downsyndrom. Eines von etwa 800 Neugeborenen jährlich kommt damit auf die Welt. Mit zunehmendem Alter steigt die Wahrscheinlichkeit solcher Chromosomendefekte extrem an. "Ich war trotzdem sehr zuversichtlich, dass mit dem Kind alles gut sein würde. Schließlich hatte ich ja schon zwei kerngesunde Kinder zur Welt gebracht. Warum sollte das bei dem Dritten nicht so sein?" Bis auf die Fruchtwasseruntersuchung ließ Mirena F. alle möglichen pränatalen Untersuchungen durchführen. Die Ärzte waren genauso zuversichtlich wie sie, dass das Kind gesund sein würde. Und dann kam doch alles ganz anders...

Auf in den Behördenkampf

Die Behinderung des Kindes sollte nur der Startschuss einer nervenaufreibenden Geschichte im Kampf mit den Behörden sein, wie die Mutter erzählt. Schon beim ersten Termin mit der Adpotivstelle eine kühle Ansage: "Keine Familie will ein behindertes Kind adoptieren. Wir suchen einen Pflegestelle."

"Von diesem Tag an haben unsere Probleme erst richtig begonnen", erinnert sich die Mutter. Der Grund dafür? Zwischen Pflege- und Adoptivfamilien gibt es nämlich einen großen Unterschied: Während bei einer Adoption das Kind wie ein leibliches Kind mit allen Rechten und Pflichten in die Familie integriert wird und die leibliche Mutter somit keine finanziellen Verpflichtungen hat, ist das bei einer Pflegefamilie eben nicht der Fall.

16 % des Nettoeinkommens muss die leibliche Familie Unterhalt für eine Pflegefamilie zahlen

Bei einer solchen Lösung, die zumeist auch nur temporär ist und jederzeit von beiden Seiten aufgelöst werden kann, zahlt die leibliche Familie Unterhalt. Bis zu 16 Prozent des monatlichen Nettoeinkommens. Für Mirena F. und ihren Mann eine untragbare Situation. "Das wussten wir ja vorher nicht! Wir haben mehrmals bei den Behörden interveniert, um die Suche nach einer Adoptivfamilie auf ganz Österreich auszuweiten - erfolglos", ärgert sie sich.

»Sie wollten mich dafür büßen lassen, dass ich ein behindertes Kind auf die Welt gebracht habe.«

Nicht nur die fehlenden Bemühungen seitens der Behörden kritisiert die dreifache Mutter. Sie hatte sich zu all den Problemen auch noch vor den Beamten für die ausgelassene Fruchtwasseruntersuchung zu rechtfertigen. Und als Krönung des Leidensweges: "Also mit null werden Sie aus der Situation nicht mehr rauskommen", so der Kommentar eines Mitarbeiters der oberösterreichischen Adoptivbehörde. "Sie wollten mich dafür büßen lassen, dass ich ein behindertes Kind auf die Welt gebracht habe. So habe ich das empfunden. Man ist den Behörden einfach ausgeliefert. Die schalten auf stur. Es ist für uns alle eine schrecklich belastende Situation." Vier Monate nach der Geburt kam der kleine Sebastian vorübergehend in eine Krisenpflege, das war am 2. Mai 2017. "Um objektiv beobachtet zu werden", so die Begründung, was die Weitervermittlung an eine Pflegefamilie vereinfachen sollte.

»Vielmehr hatte ich das Gefühl, dass man sich über uns lustig machte.«

Im Juni 2017 nahm Mirena F. wieder ihren alten Job auf und kämpfte weiter, um die Behörden von ihrem Wunsch nach einer Adoptivfamilie zu überzeugen - chancenlos. "Da war einfach überhaupt kein Interesse da, uns weiterzuhelfen. Vielmehr hatte ich das Gefühl, dass man sich über uns lustig machte." Schließlich wurde die Familie selbst aktiv und kontaktierte Adoptivbehörden in den restlichen Bundesländern. "Aber als Privatperson läufst du da gegen eine Wand." Erst der Kontakt mit diversen Familienberatungsstellen brachte etwas Zuversicht und Trost. "Dort sagte man uns, dass es durchaus Familien gibt, die sich auch ein beeinträchtigtes Kind wünschen. Die Nachfrage sei sehr groß. Warum soll es nicht auch für unseren Sebastian eine passende Familie geben, die ihn adoptiert? Gerade bei Kindern mit Downsyndrom ist ein stabiles, sicheres Umfeld von Anfang an sehr wichtig für seine weitere Entwicklung."

Zum Vergleich: In Amerika etwa gibt es privat organisierte Adoptionsagenturen, die sich auf die Vermittlung von Kindern mit Downsyndrom spezialisiert haben. Dort sind 220 Paare registriert, die sich explizit ein solches Kind wünschen. Aber hierzulande? Läuft es anders. Problematisch ist beispielsweise, dass die Adoptivstellen der Bundesländer nicht österreichweit miteinander vernetzt sind. Würde so etwas die Vermittlung denn nicht vereinfachen? "Das liegt am Gesetz", hört man dazu seitens der Behörden. "Die sehen sich nicht als Dienstleistungsbetrieb und haben halt viel um die Ohren," erklärt wiederum eine Mitarbeiterin einer Beratungsstelle für Pflegefamilien. In ganz Oberösterreich wurden im Jahr 2015 insgesamt elf Adoptionen abgewickelt, davon in Linz nur eine. Dazu gibt es aktuell 100 Pflegekinder, die auf ein neues Zuhause warten.

Achtung, Amtsverschwiegenheit

Dass die oberösterreichischen Behörden eher verhalten reagieren, bekamen wir bei unserer Recherche zu spüren. Erst nach mehrmaligem Nachfragen über das Familienministerium erklärte sich Magistratsdirektor Helmut Mitterer bereit, unsere offenen Fragen, wenn auch, aufgrund der Amtsverschwiegenheit, sehr ausweichend zu beantworten. "Es stimmt nicht, dass wir uns nicht bemüht haben. Meine Leute haben sehr wohl versucht, eine Adoptivfamilie für das Kind zu finden. Dabei wurden auch die anderen Bezirke und schließlich auch Niederösterreich und Wien miteinbezogen. Leider ist es uns nicht gelungen, geeignete Eltern zu finden", erklärt Mitterer.

Österreichweit wurde allerdings noch nicht gesucht. Was er zu den Vorwürfen sagt, dass seine Mitarbeiter Familien in Krisensituationen respektlos behandeln? Dazu am Telefon: "Das kann man alles so oder so auslegen. Dass jemand aus einer Sache nicht mit null rauskommt, kann ja auch als nüchterne Prognose interpretiert werden, oder? Es war bestimmt nicht wertend gemeint."

Achterbahn der Emotionen

Dem 70-jährigen Ehemann von Mirena F. setzten diese Aussagen so zu, dass er mittlerweile mit schweren gesundheitlichen Problemen zu kämpfen hat. "Wir fahren mit unseren Gefühlen eine Achterbahn. Es ist sehr schwer für uns alle, das zu ertragen." Am 17. August wurde das Baby von der Krisenpflege nach Wien in eine neue Pflegefamilie überstellt. "Die zuständige Sachbearbeiterin hat uns das am Telefon mitgeteilt. "Das Kind fährt jetzt nach Wien", so die Ansage. Aber wir konnten diese neue Pflegemutter nicht einmal kennenlernen. Und einen Vertrag dazu gab's auch nicht.

Man hat uns einfach vor vollendete Tatsachen gestellt", erinnert sich Mirena F. wieder mit Tränen in den Augen. Auch diese Vorgehensweise kann Direktor Mitterer nicht bestätigen: "Das stimmt so einfach nicht! Natürlich verstehe ich, dass die finanzielle Situation mit den Unterhaltszahlungen für die Familie nicht unbedingt zufriedenstellend ist. Aber mit der neuen Pflegefamilie in Wien ist jetzt mal für das Wohl des Kindes gesorgt. Und das ist doch das Wichtigste, oder?"

»Vielleicht findet sich ja doch noch ein liebevolles Paar, das unseren Sebastian für immer ins Herz schließt?«

Zumindest vorübergehend. Die Hoffnung, dass sich vielleicht doch noch eine Adoptivfamilie findet, die den kleinen Sebastian aufnimmt, hat Mirena F. noch nicht aufgegeben. Sie wird weiterkämpfen. "Vielleicht findet sich ja doch noch ein liebevolles Paar, das unseren Sebastian für immer ins Herz schließt?"

Adoption oder Pflegefamilie?

Die wichtigsten Merkmale und Unterschiede zwischen Adoption und Pflegeelternschaft in Österreich im Überblick:

Was ist eine Adoption? Die elterlichen Rechte gehen bei dieser Rechtsform ganz auf die Adoptiveltern über. Als leiblicher Elternteil übernimmt man dabei keine Verpflichtungen mehr für das Kind.

Was ist eine Pflegeelternschaft? Hier gibt es so etwas wie Mindestrechte der leiblichen Eltern (z. B. Kontakt mit dem Kind zu haben, je nach Vereinbarung sind das ca. ein bis zwei Stunden im Monat). Oder das Recht, über schwere Erkrankungen und wichtige Ereignisse im Leben des Kindes informiert zu werden.

Der größte Unterschied? Besteht darin, dass Verträge mit den Pflegeltern auch temporär sein können und von beiden Seiten jederzeit aufgelöst werden können. Plus: Die leiblichen Eltern zahlen bis zum 18. Lebensjahr des Kindes circa 16 Prozent ihres Nettoeinkommens in Form von Alimenten an den Staat.

Wer darf das überhaupt? Zwei Personen dürfen ein Kind nur dann gemeinsam adoptieren, wenn sie miteinander verheiratet oder verpartnert sind. Seit Januar 2016 steht die gemeinschaftliche Adoption nicht leiblicher Kinder auch verpartnerten Paaren offen. Auf jedes Kind, das zur Adoption freigegeben wird, kommen bis zu zehn adoptionswillige Paare.

Neben Verheirateten und Personen in Lebensgemeinschaften dürfen auch Alleinstehende adoptieren. Bei Einzelpersonen tritt der jeweilige Adoptivelternteil an die Stelle des entsprechenden leiblichen Elternteils. Allerdings kommen auf Alleinstehende noch einige weitere Fragen in Bezug auf die alleinige Verantwortung, die Organisation mit Kind und Arbeit sowie Krankheitsfälle hinzu.

Verheiratete Paare haben in Österreich bessere Ausgangsbedingungen als Alleinstehende oder Paare in Lebensgemeinschaften. In Lebensgemeinschaften kann das Kind nur von einem Elternteil adoptiert werden.

Wie lange dauert das? Bis zu drei Jahre wartet man in Wien durchschnittlich auf ein Adoptivkind. Österreichweit kann es viel länger dauern. Das Verfahren dazu ist kostenlos.

Gibt es Alternativen? Werdende Mütter, die ihr Kind nicht behalten können, haben auch die Möglichkeit, es nach der Geburt in einem Babynest abzugeben oder es in einem Krankenhaus anonym zur Welt zu bringen.

Themen: Report, Eltern

WOMAN Community

Deine Meinung ist wichtig! Registriere dich jetzt und beteilige dich an Diskussionen.

Jetzt registrieren!

Schon dabei? .