Ressort
Du befindest dich hier:

Kinderbetreuung in OÖ: "Wie kann man Mütter so hängen lassen?"

"Das heißt: Frauen müssen zurück an den Herd." Wie eine Mutter gegen die Pläne der OÖ-Landesregierung zur Einführung von Kindergarten-Gebühren ankämpft.


Kinderbetreuung in OÖ: "Wie kann man Mütter so hängen lassen?"

Ab 1. Februar 2018 soll die Nachmittagsbetreuung in OÖ kosten

© iSotckphoto

Nein, sie hat nicht viel Schlaf gefunden in den letzten 24 Stunden. "Das Feedback, das ich bekommen habe, ist unglaublich," sagt Christiane Seufferlein. Die Mutter einer kleinen Tochter hat mit einem offenen Brief an den oberösterreichischen Landeshauptmann Thomas Stelzer eine Debatte um die Kinderbetreuung am Land ausgelöst.

Aufgrund der von der schwarz-blauen Landesregierung im Rahmen eines Sparprogramms geplanten Kindergartengebühren für den Nachmittag (die Rede ist von 49 bis 150 Euro, sozial gestaffelt) würden Eltern ihre Kinder abmelden, und es werde in ihrem Ort künftig keine Betreuung mehr geben, fürchtet Seufferlein. Denn finanzielle Unterstützung bei der Kinderbetreuung gibt es für eine Gemeinde nur bei mindestens zehn für den Kindergarten angemeldeten Kindern, "und die zusammen zu bringen, ist in abgelegenen Regionen wie der, in der ich wohne, sowieso schon ein Kunststück."

Die Situation sei für sie existenzbedrohend, so die 41-Jährige, die neben ihrem Job im Marketing auch als Biobäuerin am hauseigenen Hof arbeitet. "Ich müsste meinen Beruf in Linz aufgeben, weil ich nicht mehr weiß, wo ich meine 3-Jährige sonst unterbringen soll."

Kindergarten-Debatte: Christiane Seufferleins Brief an OÖ-Landeshauptmann Stelzer:

Rund 3.500mal wurde ihr Schreiben auf Facebook geteilt, das Telefon steht seitdem nicht mehr still. "Ich habe mit meinem Brief einen Nerv getroffen," sagt Seufferlein. "Was mich besonders bewegt, sind die Nachrichten von anderen Müttern, die ich erhalten habe. Mittlerweile sind es fast 500 Einzelschicksale, Erzählungen von Frauen, vor allem viele Alleinerzieherinnen, die nicht wissen, wie es für sie bei Einführung der Kindergartengebühren für den Nachmittag weitergehen soll."

»Für mich ist das ein Signal: Die Frau soll zurück an den Herd«

WOMAN: 13 Millionen Euro jährlich will die oberösterreichische Landesregierung durch die Einführung von Kindergartengebühren für den Nachmittag einsparen. Wie das Modell aussehen soll, ist ja noch nicht bekannt. Warum haben Sie sich entschieden, einen offenen Brief zu schreiben?
Christiane Seufferlein:: Die Sache ist so langsam getröpfelt. Erst hieß es, dass es Gebühren geben wird. Aber wie und was, das wurde nicht bekannt gegeben. Also war da mal große Verwirrung, auch bei mir in der Gemeinde. Keiner hat so recht gewusst, was das jetzt bedeutet. Der Kragen ist mir geplatzt, als es dann auf einmal hieß: So, mit 1. Februar 2018 wird das umgesetzt. Für viele Mütter bedeutet das, dass sie sich mitten unter dem Jahr und innerhalb weniger Wochen, einen alternativen Betreuungsplatz suchen müssen. Das ist ein Minimalst-Vorlauf! In Linz gibt's ja viele Kindergärten, da ist das vielleicht kein so großes Problem. Aber am Land, da findet man nicht so schnell einen Kindergarten, der noch Kinder nimmt und auch nicht ewig weit weg liegt.

Christiane Seufferlein: "Mich macht es fassungslos, wie wenig Rücksicht auf die Situation der Eltern genommen wird."

WOMAN: Sie ärgert also die Vorgehensweise fast mehr als die Gebühren?
C. Seufferlein: Die Gebühren kann ich mir vermutlich auch noch irgendwie leisten. Aber andere können das nicht. Die müssen ihre Kinder am Nachmittag abmelden, damit kommen keine Gruppen mehr zustande. Und auf einmal habe ich niemanden mehr, der am Nachmittag auf meine Tochter aufpassen kann. Vor allem: In Österreich gibt es für alles Übergangsfristen, von der Einführung der Registrierkasse bis zu ich-weiß-nicht-was. Aber wir Eltern, wir sollen uns innerhalb von knappen sechs Wochen überlegen, wie wir unsere Kinder ab Februar unterbringen. Das macht mich und andere Mütter so fassungslos und betroffen!

WOMAN: Die für Kinderbetreuung zuständige Landesrätin Christine Haberlander meint in einer Stellungnahme zu Ihrem Brief, dass Gemeinden am Nachmittag die Gruppengrößen flexibler gestalten könnten oder man vermehrt gemeindeübergreifende Lösungen andenken kann. Wie stehen Sie dazu?
C. Seufferlein: Ich halte das für zynisch. Ich lebe in einem der größten oberösterreichischen Bezirke, in Rohrbach. Die Gemeinden liegen nicht so nah zusammen, ist der einzige übrige Kindergarten weiter entfernt, bin ich schon mal eine Stunde unterwegs. Das bedeutet, dass ich noch früher mit der Arbeit aufhören müsste, um mein Kind pünktlich aus der Nachmittagsbetreuung holen zu können. Auch die Idee, dass die Kinder mit einem Bus zu Mittag vom eigentlichen Kindergarten zur Nachmittagsbetreuung in einer Großgruppe in einem anderen Ort hingefahren und dann wieder abgeholt werden, ist absurd. Wo liegt da das Einsparungspotential? Die Konsequenz: Frauen müssen ab dem Nachmittag wieder an den Herd, weil sie ihre Kinder sonst nicht mehr betreut wissen.

WOMAN: Haberlander meint, flexiblere Modelle wie Tagesmütter könnten eine Lösung für das Betreuungsangebot am Nachmittag sein.
C. Seufferlein: Daran sieht man, wie wenig die Politik die Kinderbetreuungs-Situation am Land kennt. Im gesamten Bezirk Rohrbach gibt es genau 11 Tagesmütter, die bis unter die Haarwurzel belegt sind – vor allem auch mit Kindern unter drei Jahren, weil es ja kaum mehr Krabbelgruppen gibt.

WOMAN: Ihr Brief hat große Wellen geschlagen, viele Eltern stimmen Ihnen zu. Was ist jetzt Ihr Ziel?
C. Seufferlein: Ich will die kurze Zeit der medialen Aufmerksamkeit nutzen, um für andere Frauen die Stimme zu erheben. Mein Ziel: Frauen in Oberösterreich sollen sich auch ab dem 1. Februar 2018 keine Sekunde Sorgen machen müssen, wie sie Job und Kinder unter einen Hut bringen können. Wir Mütter haben es nämlich nicht verdient, uns neben der Doppelbelastung aus Beruf und Familie auch noch jeden Morgen überlegen zu müssen, wo wir unser Kind heute Nachmittag unterbringen.

Themen: Eltern, Kinder