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Österreichs bekanntester Trainer Christian Beer räumt mit Fitness-Lügen auf

Er ist Österreichs bekanntester Trainer und bringt in seinem Studio Vielbeschäftigte ebenso zum Bewegen wie Superfaule. Im WOMAN-Interview räumt er mit Fitness-Lügen auf und sagt, warum wir uns endlich eine Stunde täglich um uns kümmern sollen!


Österreichs bekanntester Trainer Christian Beer räumt mit Fitness-Lügen auf
© Monika Saulich

Er trainiert Faule und Motivierte, Promis und Normalos – für ihn sind alle gleich. Christian Beer, 44, hat eine Vision: dem Menschen seinen eigenen Körper näherzubringen; ihn nicht mehr zu quälen, sondern ihn endlich richtig zu behandeln. Im WOMAN-Gespräch räumt er auf mit Fitness-Irrtümern und sagt, was wirklich hilft ( www.beers.at , sein Blog erscheint unter www.beers.at/beersblog.html ).

Woman: Die erste Frage muss sein: Haben Sie heute schon geturnt, und was haben Sie gegessen?

Beer: Ich habe einen selbst gemachten Brei aus Haferflocken, Banane, Apfel, Birne, Cashewkernen und Mandelmilch gegessen und Kräutertee getrunken. Geturnt habe ich heute noch nicht, aber ich gehe später noch laufen.

Woman: In diesem Überangebot von Yoga, Pilates, dem Hype ums Laufen, Fitnesscenter – wie findet man als Laie das Richtige für sich selbst?

Beer: Oje, die schwierigste Frage am Anfang. Das Problem ist, dass der Markt das Geschehen bestimmt – und leider nicht mit dem physiologisch richtigen Programm. Die Leute sind völlig überfordert, das Richtige für sich persönlich auszuwählen. Ein Bewegungsprogramm sollte ja zum fixen Bestandteil des Alltags werden – und daher dem Körper nicht schaden. Ich mag das Wort „Training“ nicht so, denn das hat stets was von Wettkampf und Leistungssport. Bei mir geht es um die Beschäftigung mit dem eigenen Körper – die Hoffnung, dass ein Trainer die Arbeit für einen macht, wird sich nicht erfüllen.

Woman: Was raten Sie einer beruflich unter Druck stehenden Frau mit vielen Verpflichtungen, vielleicht Kindern, wenig Zeit, weder dick noch dünn, weder sportlich noch unsportlich – eben eine wie viele?

Beer: Moderat beginnen, aber endlich anfangen. Und dann dranbleiben. Optimal wäre dreimal die Woche je eine Stunde Grundlagenausdauer und zwei- bis dreimal Krafttraining, kombiniert mit Dehnungs- und Mobilisationstraining.

Woman: Haben wir nicht alle viel zu überzogene Wünsche und Anforderungen an unsere Körper? Besonders weibliche Frauen wollen androgyn sein; dünne Frauen wollen mehr Muskeln; große Popos sollen kleiner werden, kleine knackiger …

Beer: Das ist ja alles okay, wenn man die richtigen Übungen für seinen Körper kennt. Manche machen 100 Sit-ups täglich, weil sie glauben, ihr Bauch würde damit straffer werden. Stattdessen trainieren sie nur in ihren Buckel rein – und der Bauch bleibt gleich schlaff. Jeder Körper ist anders. Es geht also nicht nur darum, welche Übungen man macht, sondern auch, wie. Über die Leistungsverbesserung weiß die Fitnessindustrie ja einiges, über die Qualitätsverbesserung der Bewegungen leider wenig. Da kommt es beispielsweise auf die Zugrichtung der Muskeln und die physiologische Stellung der Gelenke an. Ein physiologisch richtig trainierter Körper sieht immer gut aus. Viele Frauen haben Vorurteile gegenüber Krafttraining. Aber nur intelligentes Krafttraining macht eine sichtliche Veränderung, eben einen knackigeren Körper. Durch extremes Laufen kriegt niemand einen schöneren Körper.

Woman: Was? Jetzt laufen wir Frauen, seit uns der berühmte Ulrich Strunz gesagt hat, wir sollen laufen – und das war alles umsonst?

Beer: Nein! Laufen ist die höchste Stufe unser menschlichen Fortbewegung. Wir sind fürs Laufen geboren, aber beispielsweise Frauen mit einem großen Busen oder mit Übergewicht würde ich zunächst vom Laufen abraten – auch wegen des weiblichen, weicheren Bindegewebes. Ergometer, Radfahren oder Schwimmen – immer gemeinsam mit Krafttraining – sind gute Alternativen. Zum Abnehmen muss man ohnedies als Erstes die Kalorienzufuhr reduzieren. Eine Stunde Laufen verbrennt ja nur die Kalorien von einem Liter Orangensaft.

Woman: Sie haben das sogenannte Impuls-Training erfunden. Extra für den Knackpopo?

Beer: (lacht) Extra für den ganzen Körper und unser Erleben. Im Grunde ist es eine Zusammenfassung aller guten Methoden zu einem fixen Prinzip. Das Programm hat einen systemischen und einen physiotherapeutischen Ansatz. Ziel ist es, lange, gesund und glücklich zu leben. Der eine Grundsatz ist, dass der Körper kein Bewusstsein hat und daher Umwelt für unser Erleben ist. Der andere bedeutet, dass wir bei jedem Programm nicht nur Leistung berücksichtigen, sondern die Physiologie des Bewegungsapparats. Ein Beispiel: Nach einer Stunde Laufen fühlen wir uns vielleicht ausgepowert, haben ein Glücksgefühl, sind euphorisch. Tatsächlich befindet sich der Körper aber in einer Form des Alarmzustandes, dem „Open-Window-Syndrom“, einer Art Lücke in unserem Immunsystem nach sportlich starker Belastung. Die Glücksgefühle werden von körpereigenen Opiaten hergestellt. Kurzes Glückserleben ist ja nicht gleichbedeutend mit Gesundheit. Permanenter Zuckerflash macht ja auch nur kurzfristig happy, aber nicht nachhaltig. Ziel sollte letztendlich sein, mit seinem eigenen Körpergewicht zu trainieren. Können Sie einen Handstand?

Woman: Wie? Ohne Anlehnen? Natürlich nicht!

Beer: Nach ein paar Monaten könnte das funktionieren. Natürlich nicht mit einem monotonen Aufbautraining, sondern mit einer Kombination von Kraft, Beweglichkeit und Konzentration.

Woman: Ziel ist doch auch, immer noch länger zu trainieren, mit noch mehr Wiederholungen, noch länger durchzuhalten.

Beer: Wozu? Der Versuch, andauernd die Leistung zu steigern, demotiviert viele. Bei mir geht es um Leistungserhalt auf einem bestimmten individuellen Niveau und das Aufhalten des körperlichen Verfalls ab einem bestimmten Alter. Dabei muss man wissen, welches Training länger und welches intensiver sein soll. Die Aufmerksamkeit beim Training ist weitaus wichtiger als die ewige Leistungssteigerung. Es geht um die Qualität der Bewegung.

Woman: Viele wollen aber mit dem Trainieren abnehmen.

Beer: Etwas Übergewicht heißt nicht automatisch ungesund. Es gibt Frauen, die ihr Leben lang abnehmen. Sie akzeptieren ihren Körpertyp nicht. Oft wird das Gewicht anhand des Body Mass Index berechnet. Besser wäre bei dickeren Frauen, die Körperzusammenstellung zu ermitteln, um dann gezielt zu arbeiten, ohne den Körper mit Diät und Training zu vergewaltigen.

Woman: Wozu raten Sie, wenn man abnehmen will? Dinner Cancelling, keine Kohlehydrate, nur alle fünf Stunden essen?

Beer: Ganz ehrlich: Ich halte das alles für Unsinn. Verzichten Sie einfach auf Industriezucker und auf Weizenmehlprodukte – und essen Sie möglichst viel von dem, wofür keine Werbung gemacht wird. Also Bio, saisonales Obst und Gemüse. Und vor allem: Kochen Sie selbst! Gekochte Nahrung ist für den Körper wahrscheinlich leichter zu verdauen.

Woman: Haben Sie eigentlich einen inneren Schweinehund, der Sie vom Trainieren abhält?

Beer: Ich habe dazu eine ganz andere Einstellung. Ich sehe diese Stunde täglich als meine ganz persönliche Zeit, in der ich mich mit mir beschäftige. Telefon aus, kein Internet, kein Gequatsche! Ich lenke meine Aufmerksamkeit auf meinen Körper und versuche, dabei auch nicht über etwas nachzudenken. Ich bemühe mich, mental bei mir und meinem Körper zu sein. Für manche ist das am Anfang eine Tortur, denn viele Menschen halten sich selbst nur schwer aus. Umso wichtiger ist diese eine Stunde am Tag mit mir selbst. Es geht um eine Stunde Konzentration nur auf uns selbst – das ist zu schaffen!

Interview: Euke Frank

Thema: Fitness