Ressort
Du befindest dich hier:

Helfen Sexualhormone gegen COVID-19?

Männer erkranken häufiger und schwerer an COVID-19. Schützen etwa weibliche Hormone vor einer Infektion mit dem Coronavirus? Und würde dieser Schutz dann auch in der Menopause nachlassen? Das untersuchen aktuell gleich zwei wissenschaftliche Studien.

von

Helfen Sexualhormone gegen COVID-19?
© iStock

Eine der großen Überraschungen rund um das Coronavirus ist, dass Männer etwa doppelt so häufig an COVID-19 versterben wie Frauen. Männer haben auch häufiger schwere Erkrankungsverläufe und eine größere Wahrscheinlichkeit an der Beatmungsmaschine zu landen. Stellt sich die Frage warum das sogenannte starke Geschlecht bei Coronavirusinfektionen so im Nachteil ist oder anders herum warum Frauen hier besser geschützt sind.

Warum erkranken Männer häufiger an COVID-19?

Anfangs dachte man, das hätte in erster Linie damit zu tun, dass Männer einen ungesünderen Lebensstil haben, häufiger rauchen und seltener zu Arzt oder Ärztin gehen. Mittlerweile mehren sich aber die Hinweise, dass andere Faktoren zu dem Geschlechterunterschied bei der COVID-19-Erkrankung beitragen.

Es dürften vor allem auch Unterschiede im Immunsystem dafür verantwortlich sein, wobei hier die Hormone und zwar insbesondere das Östrogen eine wichtige Rolle spielen.

Östrogen fördert bestimmte Immunantworten, indem es zum Beispiel die Produktion von Antikörpern anregt. Schon lange ist bekannt, dass Frauen nach Impfungen deutlich höhere Antikörper-Konzentrationen erreichen als Männer.

Unterstützen weibliche Hormone das Immunsystem?

Man vermutet, dass das Immunsystem von Frauen schneller auf manche Krankheitserreger reagieren kann, was gerade in der frühen Phase der Erkrankung besonders wichtig ist. Auf der anderen Seite scheinen Östrogen und vor allem das Gelbkörperhormon Progesteron eine überschießende Ausschüttung entzündlicher Botenstoffe (Zytokine) zu unterdrücken, wodurch bestimmte Entzündungsreaktionen weniger schwerwiegend ablaufen, was bei der COVID-Infektion mit einer günstigeren Prognose einhergeht.

Außerdem gibt es Hinweise, dass Östrogen möglicherweise die Aufnahme von Coronaviren in die Zelle hemmt, da Östrogen die Aktivität von Angiotensin Converting Enzyme (ACE2) reduziert, jenem Rezeptor über den Coronaviren in unsere Zellen gelangen. In einer Studie mit dem ersten SARS-Coronavirus fand man heraus, dass weibliche Mäuse seltener an dieser Viruserkrankung verstarben als männliche. Wenn man jedoch die Östrogenwirkung blockierte, ging dieser Vorteil verloren.

Wissenschaftliche Studien: Zusammenhang zwischen Östrogen oder Progesteron und COVID-19

In New York City und Los Angeles laufen gerade zwei Studien, in denen die Wirkungen weiblicher Sexualhormone bei COVID-19-PatientInnen untersucht werden sollen. Bei der Studie in NYC erhalten SARS-CoV2-positive Männern sowie Frauen in der Menopause ein östrogen-haltiges Pflaster oder Placebo für eine Woche, um zu testen, ob die Östrogengabe die Krankheitssymptome lindern kann.

Die Forschenden in Los Angeles hingegen legen ihre Hoffnung auf Progesteron und darauf, dass das Gelbkörperhormon eine überschießende Immunreaktion bei der SARS-CoV2-Infektion unterdrückt. Dabei erhalten Männer mit COVID-19 zweimal täglich eine Progesteroninjektion über fünf Tage, um dann den Erkrankungsverlauf zu beobachten.

In den nächsten Monaten sollten also neue Erkenntnisse vorliegen, ob weibliche Sexualhormone einen Schutz vor der COVID-19-Erkrankung bieten, was ein weiterer wichtiger Erklärungsansatz wäre, warum Frauen oft wenig schwer betroffen sind als Männer.

Über unseren Gast-Autor: Assoz.Prof. Priv.Doz. Dr. Florian Kiefer ist Oberarzt an der Abteilung für Endokrinologie und Stoffwechsel am Allgemeinen Krankenhaus Wien (AKH) und betreut PatientInnen aus dem Bereich Innere Medizin mit Schwerpunkt Stoffwechsel- und Hormonstörungen. Zudem ist er Leiter der Hormon- und Schilddrüsenambulanz am AKH.

Thema: Coronavirus