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Online-Sucht bei Kindern

Spielen, shoppen, surfen: Kurosch Yazdi, Leider der Suchtabteilung an der Linzer Landes-Nervenklinik, schlägt Alarm gegen Online-Sucht bei Kindern.


Online-Sucht bei Kindern
© Corbis

Immer mehr Kinder und Jugendliche sind von Online-Sucht betroffen. Nun alamiert Kurosch Yazdi, 36, Primar der Suchtabteilung der Linzer Nervenklinik Wagner-Jauregg , in seinem ersten Buch "Junkies wie wir": „Verhaltenssüchte unterwandern die Gesellschaft. Die Wirtschaft hat die menschlichen Suchtmechanismen durchschaut und benützt sie, um ihre Produkte zu verkaufen. Die Social Media- oder auch Spiele-Industrie programmieren bereits Kinder auf ihre Produkte als Beziehungsersatz.“

Dies mit weitreichenden Folgen. „Wir leben derzeit in einer beziehungsarmen Gesellschaft“, sagt Yazdi, „tun wir nichts, leben wir in zwanzig Jahren in einer beziehungsunfähigen Gesellschaft, in der Verhaltenssüchte epidemischen Charakter wie jetzt Herz-Kreislauf-Erkrankungen haben.“

Kinder als Internet-Junkies

„In jedem von uns steckt ein Junkie“, schreibt Yazdi in seinem Buch. „Wir gestehen uns das nicht gerne ein, doch die Industrie nutzt gezielt Erkenntnisse über die Wirkungsweise klassischer Suchtmittel wie Alkohol, Nikotin oder Kokain, um diesen Junkie zu wecken. Sie spricht dabei mit Werbung und Produktgestaltung fundamentale menschlichen Instinkte an. Es geht ihr im Kern darum, biochemische Prozesse im Belohnungszentrum unseres Gehirns auszulösen. Wir sind so mit einer Welt konfrontiert, die ständig dieses Belohnungszentrum stimuliert, egal, was das körperlich, psychisch und sozial für uns bedeutet.“

Kinder umso stärker gefährdet

„Sucht ist immer die Suche nach Beziehung, weil Beziehung die ultimative Belohnung bringt“, betont Yazdi in seinem Buch. „Auf dem Weg dorthin nehmen wir schon von uns aus falsche Abzweigungen. Die allgegenwärtigen Konsumimpulse führen uns zusätzlich in die Irre. Kinder, die noch keine Impulskontrolle haben, lassen sich auf diese Art am leichtesten zu Konsumrobotern programmieren.“

Die Industrie fängt bereits die Kinder bei ihrer Suche nach Beziehungen mit ihren Ersatzangeboten ab. Als krasses Beispiel nennt Yazdi das Unternehmen „Blizzard Entertainment“ mit seinem Online-Rollenspiel „World of Warcraft“, das wie kein anderes Produkt Suchtmechanismen auslöse. Yazdi: „Indem die Industrie den Kindern permanent Pseudobeziehungen vorspiegelt, pflanzt sie ihnen Beziehungsunfähigkeit ein. Denn auf diese Art können die Kinder nie richtig lernen, was eine echte Beziehung ist.“

Werden wir alle Beziehungsunfähig?

„Logische Konsequenz dieser Entwicklung ist, dass viele Menschen in zwanzig Jahren gar nicht mehr wissen werden, was Beziehungen sind“, schreibt Yazdi weiter in „Junkies wie wir“. „Die Suchtanfälligkeit der Menschen wird enorm steigen. Sucht wird Bestandteil der sozialen DNA sein. Es wird immer mehr Suchtverschiebungen geben, etwa von Alkohol auf Shoppen, und von Spielen auf Drogen. Es wird normal sein, dass sich ein Mensch in seinem Leben mehreren Suchtbehandlungen unterzieht.“

Dies habe auch volkswirtschaftliche Konsequenzen. Yazdi: „Unser Gesundheitssystem ist schon jetzt überlastet. In Zukunft kommt noch eine Welle von Menschen hinzu, die sich von Suchterkrankungen erholen müssen. Das belastet sowohl den stationären und den ambulanten, als auch den niedergelassenen und den Rehab-Bereich.“

Lösung: Beziehungserziehung an den Schulen?

Allein die Industrie für die Entwicklung verantwortlich zu machen, wäre allerdings zu billig, meint Yazdi. Es läge an der Politik und an uns selbst, die Herausforderungen zu erkennen und damit umzugehen. Als wichtige Maßnahme empfiehlt er Eltern, ihren Kindern mehr Bezieungsangebote zu machen, sowie Beziehungsunterricht an den Schulen. Der wäre sinnvoller als das Lernen nutzlosen Wissens. „Beziehungsfähige Menschen sind nicht nur gegen Süchte und andere psychische Erkrankungen resistenter, sie sind automatisch auch ehrgeiziger, motivierter, neugieriger, sozialer, aktiver, kritischer und optimistischer. Beziehungsunterricht fängt damit an, dass Lehrer das kindliche Motiv der Provokation nicht als Angriff auf die eigene Autorität betrachten, sondern als das, was es ist: Ein Beziehungsangebot.“