Ressort
Du befindest dich hier:

"Optimisten sind glücklicher"

Wir wollen nicht das halb volle Glas bemühen, aber: Welche Gedanken bestimmen deinen Alltag? Autorin Sandra Richter sagt: Zuversicht kann man lernen. Und erklärt auch gleich, wie das geht.

von

"Optimisten sind glücklicher"
© istockphoto.com

Nein, auch Sandra Richter ist nicht immer nur gut drauf. "Wenn man schlechte Laune haben will, muss man eigentlich nur die US-Nachrichten lesen", meint die deutsche Literaturwissenschafterin. "Das ist jeden Tag ein Ärgernis und sorgt für Irritation. Mir sind heute schon zwei Artikel dazu untergekommen, da muss man einfach schimpfen. Weil es so, wie es aktuell ist, einfach nicht laufen wird." Im gleichen Atemzug erzählt uns die 43-Jährige aber auch von ihren Erfolgserlebnissen: "Ich habe mich heute gefreut, weil ich das Manuskript für mein neues Buch abgegeben habe." In ihrem aktuellen Werk "Lob des Optimismus – Geschichte einer Lebenskunst" (Verlag C.H.Beck, € 11,95) will die studierte Germanistin uns alle mit ihrem positiven Lebensstil anstecken. Weniger raunzen, mehr weiterbringen. Klingt doch gut, oder? Also her mit den guten Vibes! Nur, wie wird man eigentlich Optimist? Wir haben bei der Expertin nachgefragt ...

WOMAN: Es ist Montag – bei den meisten der unbeliebteste Wochentag. Wie oft denken Sie sich: "Wann ist endlich Freitag?"

Richter: Ich freue mich auf den Montag, weil das heißt, dass ich in Ruhe an meinem Schreibtisch sitzen kann. Meine beiden Töchter sind nämlich im Kindergarten. (lacht)

WOMAN: Viele freuen sich aber bereits morgens auf den Feierabend. Ihr Tipp: Wie würden die Menschen optimistischer in den Arbeitstag starten?

Richter: Das ist von Typ zu Typ verschieden, da muss jeder seinen Ansatz finden. Die einen freuen sich eben mehr auf ihre Freizeit, die anderen wollen etwas leisten und im Job vorankommen. Aber jeder kann sich kleine Motivationspunkte setzen: die Mittagspause mit netten Kollegen oder auch das Ziel, dass man am Freitag bestimmt alles erledigt hat, wenn man Gas gibt.

WOMAN: Dazu gibt es einen bekannten Spruch: "Wenn du liebst, was du tust, wirst du nie wieder in deinem Leben arbeiten." Wie schafft man es, diese Mentalität in seinem Alltag umzusetzen?

Richter: Sich den Job zu erkämpfen, den man liebt, ist nicht immer so leicht. Es gibt eben auch jene Berufe, die die Miete bezahlen. Wer sich im Job nicht verwirklichen kann, braucht den positiven Ausgleich in der Freizeit oder in der Familie umso mehr.

WOMAN: Kann man sagen, wer erfolgreicher ist: Pessimisten oder Optimisten?

Richter: Es gibt psychologische Untersuchungen, die zeigen, dass jemand, der positiv an neue Aufgaben herangeht und meint, dass es zu schaffen ist, mehr hinbekommt als jemand, der selbstzerstörerisch ans Werk geht. Wer sich auf etwas freut, gerät automatisch in einen Flow-Prozess und macht Dinge, ohne ständig zu hinterfragen, ob langfristig alles gelingen wird. Und: Optimisten sind glücklicher – vorausgesetzt, dass ihr Zugang nicht unrealistisch ist. Wer nur mit der rosaroten Brille herumläuft, ist am falschen Weg.

WOMAN: Was wäre die richtige Dosis?

Richter: Eine optimistische Grundstimmung, gewürzt mit einer guten Note Pessimismus. Alles andere wäre naiv. Ein Optimist ist nur dann Optimist, wenn er um die Grenzen seines Optimismus weiß. Wenn ich etwa ein Projekt weiterbringen will und unsicher bin, ob sich das alles ausgeht, ist eine gewisse Skepsis gut, weil die mich voranbringt und vielleicht veranlasst, dass ich mir genaue Zeitpläne erstelle.

WOMAN: Gibt es noch mehr, das Sie an Pessimisten bewundern?

Richter: Ihre kathartische Kraft, mit der sie sich durch Schimpfen und Ärgern wieder Luft machen.

WOMAN: Kann es denn zu viel an Optimismus geben?

Richter: Ja! Der wird ins Gegenteil umschlagen und zu einem üblen Pessimismus werden. Weil all das, was man gehofft hat, nicht durchsetzbar sein wird. Ein gutes Beispiel sind Politiker, die meinen, man könnte alles sofort und im Alleingang umsetzen. Nach der Wahl sind die Anhänger dann enttäuscht, weil es diesen schlichten Weg nicht gibt. So ist es auch bei Donald Trump.

WOMAN: Es heißt, optimistische Menschen werden leichter mit Rückschlägen fertig. Dabei müssten die Pessimisten doch besser auf den Worst Case vorbereitet sein?

Richter: Trotzdem sind Optimisten besser in der Lage, wieder ein neues Feld zu sehen. Sie können Dinge, die nicht geglückt sind, schneller abhaken und weitermachen. Pessimisten verlieren sich oft in Misserfolgen.

WOMAN: Ist diese Haltung anerzogen?

Richter: Ein Großteil davon ja. Es hängt mit dem Urvertrauen zusammen, das Kinder im Umgang mit ihren Vertrauenspersonen erleben. Das kann man später schwer auf bauen.

WOMAN: Kann man Fehlendes erlernen?

Richter: Ganz wichtig sind dafür stabile Vertrauensverhältnisse mit Freunden, Familie ... So kann man das fehlende Urvertrauen zurückgewinnen. Manche Menschen sind aber auch von Grund auf eher skeptisch veranlagt. Sie haben ausgeprägte analytische Fähigkeiten und erkennen schnell jene Punkte, die nicht gut laufen. Trotzdem muss man seinen Blick aber immer wieder auf das richten, was funktioniert. Dazu gehört auch die Fähigkeit, zu sehen, dass man viel geschafft hat, selbst wenn man ein bestimmtes Ziel nicht erreicht hat. So kann man sich zumindest für einzelne Bereiche begeistern. Gedankenkontrolle ist da ganz wesentlich. Das zu trainieren, ist eine fordernde Aufgabe, der wir uns alle jeden Tag stellen müssen.

WOMAN: Sie meinen, man soll seinen Blick bewusst auf das Schöne richten. Was hilft außerdem dabei, sein Gehirn positiv zu programmieren?

Richter: Sport sorgt für Endorphinausschüttung. Manche brauchen den Marathon, manchen reicht der 100-Meter-Lauf – ich würde mich eher in die letzte Kategorie einordnen. (lacht) Auch gutes Essen, Urlaub oder Lob können helfen. Überhaupt sollten wir mehr daran arbeiten, dass wir von unserer Kultur der Kritik hin zum Lob steuern.

WOMAN: Sie schreiben auch in Ihrem Buch, dass das Lob in die Abstellkammer verbannt wurde. Warum ist das so?

Richter: Sport sorgt für Endorphinausschüttung. Manche brauchen den Marathon, manchen reicht der 100-Meter-Lauf – ich würde mich eher in die letzte Kategorie einordnen. (lacht) Auch gutes Essen, Urlaub oder Lob können helfen. Überhaupt sollten wir mehr daran arbeiten, dass wir von unserer Kultur der Kritik hin zum Lob steuern.

WOMAN: An die Stelle von Lob sind Shitstorms gerückt ...

Richter: Das Problem im Internet ist, dass es rechtlich noch zu wenig geregelt ist und dort jeder Anonymous alles loswerden kann. Soziale Medien können sehr hilfreich sein, sie können aber auch stark kontrollieren und manipulieren. Das ist wie mit einem Messer – es ist nicht per se ein Mordinstrument, aber man kann damit jemanden umbringen.

WOMAN: Es gibt die Theorie der "Self-fulfilling prophecy": Wer Gutes denkt, dem passiert es auch. Und umgekehrt auch mit dem Schlechten. Ist alles Anschichtssache?

Richter: Nein, es gibt klare Bereiche, die man schwer für positiv halten kann: Kriege, Konflikte, die Islam- Debatte. Eine positive Vorstellung ist kein Garant dafür, dass man alles bewegen kann. Aber man schafft es vielleicht, aus negativen Entwicklungen die Dynamik rauszunehmen und sie umzukehren.

WOMAN Community

Deine Meinung ist wichtig! Registriere dich jetzt und beteilige dich an Diskussionen.

Jetzt registrieren!

Schon dabei? .