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Wenn eine Ordensschwester auf eine Domina trifft

Zwei Frauen, zwei Missionen: Die eine will Liebe verbreiten und Glück von Gott erfahren. Die andere bringt Männer durch Schmerzen zur Ekstase und sieht ihre Arbeit dennoch als Therapie. Was aber befriedigt eine Domina und eine Ordensschwester? Ein Talk mit pikantem Inhalt.

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Ordensschwester und Domina Talk

Eine Diskussion über Liebe, Sex & Leidenschaft

© Marko Mestrovic

"Warum haben Sie solche Stacheln auf Ihrem BH?", fragt Katharina, 71. "Das gehört zum Style einer Domina", erklärt Vanessa, 38. "Na ja, solange sie nicht nach innen gerichtet sind", wundert sich die Ordensschwester dennoch. Sie ist seit 1998 bei den Dominikanerinnen und entschied sich nach dem Tod ihres Mannes, ins Kloster zu gehen. "Ich war sehr glücklich verheiratet und hätte mir nie einen anderen Partner vorstellen können. Das Kloster war meine zweite Wahl, um wieder sinnvoll beschäftigt zu sein und meinen Job an der Religions-Pädagogischen Hochschule ausüben zu können." Heute ist Katharina Deifel, Mutter eines erwachsenen Sohnes und zweifache Oma, in der Erwachsenenbildung tätig und hält Vorträge: "Nun suche ich mein Glück auf einer anderen Ebene: bei Gott!" Vanessa Newton hat da einen völlig anderen Zugang: "Ich bin befriedigt, wenn ich mein Gegenüber fesseln und demütigen kann." Seit 20 Jahren ist die Wienerin mit Lack und Leder vertraut, kam über befreundete Prostituierte zu Sadomaso und fand Gefallen daran. Wenn es auch auslaugt, anderen auf deren Wunsch hin Schmerz zuzufügen. "Deshalb mach ich das jetzt auch nur mehr alle paar Monate und schreibe sonst Erotikromane, Kinderbücher oder ich male und arbeite als Schauspielerin." Für WOMAN hat sich das ungleiche Frauen-Paar zum Talk getroffen:

»Jeder sollte die Lust ausleben können.«
Ordensschwester und Domina Talk
Als Vanessa von Katharina gefragt wurde, ob sie schon an einen Besuch beim Psychiater gedacht hat, lachte sie: "Nein, mir macht mein Job Spaß, und es passiert ja alles in gegenseitigem Einvernehmen."

WOMAN: Katharina wollte im Vorfeld wissen, was eine Domina denn überhaupt ist. Vanessa, möchten Sie's erklären?
VANESSA: Eine Domina ist eine Frau, die Männern Lustschmerz bereitet. Es gibt genug Sklaven oder Kunden, wie man sie eben nennen will, die das wirklich brauchen. Das ist eine Sucht, bei der das Verlangen krankhaft ist.
KATHARINA: Ich hab inzwischen schon gegoogelt. Das stuft auch Sigmund Freud als Perversion ein. Sie sind also in der sadistischen Richtung unterwegs, und die Männer, die zu Ihnen kommen, in der masochistischen.
VANESSA: Genau, aber nur wenn der Mann es selbst will, quäle ich ihn gerne. Es ist toll, zu sehen, dass er zur Ekstase kommt, ohne dass sexuell etwas passiert. Privat möchte ich aber keinen Partner, der auf allen Vieren vor mir am Boden kriecht.

Ordensschwester und Domina Talk

WOMAN: Mit welchen Wünschen kommen die Kunden zu Ihnen?
VANESSA: Viele wollen Natursekt, also angepinkelt werden, oder Klinikspiele, bei denen sie mit Nadeln durchstochen werden. Andere möchten nur fixiert werden und ausgepeitscht. Und wieder andere tragen eine Maske und sind glücklich, lediglich die Schritte ihrer Herrin zu hören. Es geht ums Ausgeliefertsein.

WOMAN: Gibt's denn auch Tabus für Sie?
VANESSA: Atemreduktion ist eines davon, da wird die Atmung durch Würgen oder Zuhalten von Nase und Mund für einen kurzen Moment völlig unterbunden. Ich spritze auch kein Propofol, um jemanden zu betäuben. Das ist mir beides zu gefährlich.
KATHARINA: Und Sie könnten da einfach so Spritzen geben?
VANESSA: Ja, mit Kochsalz mache ich das auch. Manche lassen sich die Hoden aufspritzen, das hält dann für 24 Stunden. Andere lassen sich Kochsalz in die Brust injizieren, weil sie als Frau da sein und mir dienen wollen. Dann gebe ich ihnen den Staubsauger in die Hand.

»Ich verstehe, dass körperliche Erfüllung etwas Schönes ist, nur brauche ich mich dafür nicht auspeitschen lassen.«
Ordensschwester und Domina Talk

WOMAN: Katharina, wenn Sie bei diesen Praktiken dabei sein müssten, wäre das ganz schrecklich für Sie?
KATHARINA: Ich tät's widerwärtig finden.
VANESSA: Ich glaub, Sie würden lachen.
KATHARINA: Eins von den zweien, ja, ich hab schon Humor auch, aber ich bin da ein zu normaler Mensch. Ich war in meiner Ehe sehr glücklich und verstehe, dass körperliche Erfüllung etwas Schönes ist, nur brauche ich mich dafür nicht auspeitschen lassen.
VANESSA: Oft ist bei meinen Kunden schon in der Kindheit was passiert. Im Erwachsenenleben suchen sie dann wieder diesen Schmerz. Die sind oft auch nicht therapierbar.
KATHARINA: Wenn ich sehe, dass wer leidet nein, deshalb wär das nichts für mich.
VANESSA: Ich bin auch oft ausgelaugt. Es ist körperlich und geistig anstrengend. Man wird ja total gefordert und muss ständig voll da sein, sonst entgleitet die Situation ganz schnell.
KATHARINA: Ihr Geschäft hat auch skurrile Züge, wenn ich mir das so anhöre. Die sind psychisch krank ...
VANESSA: Und sehen das aber nicht so. Für Sie bin ich vielleicht auch nicht ganz normal.
KATHARINA: Ein bissl schräg, würd ich es nennen.

Ordensschwester und Domina Talk
Obwohl sich Ordensschwester Katharina über manche Praktiken und Zugänge von Domina Vanessa wunderte, verstanden sich die beiden Frauen beim WOMAN-Talk gut.

WOMAN: Welchen Vorurteilen begegnen Sie in Ihren Jobs immer wieder?
KATHARINA: Ich bin meist in meinem Habit unterwegs, die Reaktionen darauf gehen von "reizend" bis "furchtbar". Mein Schimpfwortschatz hat sich erhöht, seit ich damit mit den Öffis fahre. Da höre ich auch mal "Teufelshure", wenn etwa die Leute grad wieder auf die Kirche böse sind. Zwei Mal bin ich auch schon tätlich angegriffen worden. Da haben mir Jugendliche einen Stein an den Kopf geworfen.
VANESSA: Eine Domina wird immer mit einer Nutte gleichgesetzt, obwohl sie keinen Sex hat mit ihren Kunden.
KATHARINA: Akzeptiert denn Ihr Mann Ihre Leidenschaft?
VANESSA: Ich bin Single, weil das akzeptiert keiner.
KATHARINA: Und wenn Sie heiraten wollten, würden Sie das Domina-Sein für Ihren Mann aufgeben?
VANESSA: Wenn der Richtige da ist, ja, aber ich treff immer nur Deppen.

WOMAN: Sie haben beide mit Leidenschaft zu tun, wenn auch auf sehr unterschiedliche Weise. Wie definieren Sie das Gefühl?
VANESSA: Für mich ist Leidenschaft, wenn mir etwas Lust bereitet, das auch meinem Gegenüber dieses Gefühl verschafft.
KATHARINA: Ich sehne mich zunächst einmal danach, absolut glücklich zu werden. Nachdem wir Menschen aber immer mehr Wünsche haben, als wir befriedigen können, glaube ich, dass wir nicht nur für die endliche Ebene bestimmt sind. Wir wollen unendliche Freiheit, Sicherheit, Liebe. Das krieg ich auf Erden nicht, also habe ich mich auf eine höhere Ebene ausgerichtet, zu Gott hin.
VANESSA: Ich gehe nicht in die Kirche, glaube aber an eine höhere Macht.

WOMAN: Und wie verhält es sich mit der körperlichen Leidenschaft?
KATHARINA: Sex in der Ehe finde ich sehr schön, nicht nur als Akt an sich, sondern als Ausdruck der Ganzheitlichkeit. Bei Ihrem Beruf, Vanessa, hätte ich ein Problem damit, dass die Lust vom Gesamtsinn - nämlich mit dem Partner glücklich zu sein und Kinder zu bekommen - abgetrennt wird.
VANESSA: Für mich ist es einfach eine Leidenschaft. Und ich finde es schade, dass Sadomaso in der Gesellschaft noch immer nicht akzeptiert wird. Jeder sollte das ausleben können, was er selbst als normal empfindet - wenn es innerhalb des legalen Rahmens liegt.

»Pornos finde ich grauslich. Ich hatte in der Ausbildung Übungssklaven, die ich damals in Zeitungen gesucht habe. Da melden sich genug.«

WOMAN: Katharina, Sie haben ja ein Gelübde abgelegt, das Ihnen Sex untersagt. Vermissen Sie ihn denn nie?
KATHARINA: Am Anfang schon, wenn ich geschlafen oder geträumt habe. Aber jeder Trieb wird stärker, wenn man ihn befriedigt - und jeder wird schwächer, wenn man es nicht tut. Ich kann heute gut leben mit der Enthaltsamkeit.
VANESSA: Das kann ich auch. Ich beschäftige mich dann mit anderen Dingen, die mir mehr geben. Oft ist das Schreiben eines Buches auch sexuell befriedigender als Sex selbst.

WOMAN: Ist Sexualität auch Gesprächsthema in Ihrem Orden, Katharina?
KATHARINA: Es wird ausgeklammert. Ich kann mir vorstellen, dass das eher in Männerorden thematisiert wird.
VANESSA: Ich möchte nicht wissen, wie es dort zugeht
KATHARINA: Die reißen sich halt z'sam. Beim Tier hat der Trieb mit Aggression und Besitzdenken zu tun, das hat der Mann übernommen. Wir Frauen haben das Hingebungsvolle, müssen aufpassen, nicht ausgenutzt zu werden.

WOMAN: Man sagt ja: Männer wollen bei einer Frau am liebsten die Heilige und die Hure in einer Person.
VANESSA: Hausfrau, Mutter, Nutte - das wäre ihr liebstes Gesamtpaket. Heilig kann ich nicht sagen. Vielleicht scheinheilig.
KATHARINA: Wenn sie selbst fromm sind, dann stimmt das wohl schon so.

Ordensschwester und Domina Talk

WOMAN: Vanessa, Sie leisten auch einen Dienst für die Gesellschaft. Wo würden all die Kunden denn sonst ihre Perversionen ausleben?
VANESSA: Es ist eh wie eine Therapie. Du erfährst, wie lange die Männer verheiratet sind, warum sie zu dir kommen, was sie in der Kindheit erlebt haben. Ich habe mich oft geehrt gefühlt, dass sie mir alles erzählen. Mit vielen bin ich auch befreundet.
KATHARINA: Ist das den Männern nicht peinlich, Sie dann privat zu treffen?
VANESSA: Ich hab auch welche, mit denen geh ich ins Kino. Da wird nicht über Sadomaso geredet, sondern über ganz normale Dinge. Wenn sie Single sind! Wenn sie verheiratet sind, kenn ich sie auf der Straße nicht.
KATHARINA: Warum sagen sie ihrer Partnerin nichts von ihrer Lust?
VANESSA: Weil sie Angst haben, dass sie sich trennt. Und sie wollen die Beziehung ja nicht verlieren. Oft ist auch viel Geld im Spiel. Also bleiben sie lieber.

WOMAN: Themenwechsel: Was halten Sie von Pornos?
VANESSA: Nichts, obwohl ich sexuell aufgeschlossen bin. Und ich seh sie mir auch nicht an, finde sie grauslich.
WOMAN: Also kein Fortbildungsweg?
VANESSA: Nein, ich hatte Übungssklaven, die ich damals über Zeitungen gesucht habe. Da melden sich genug, die froh sind, wenn sie nichts zahlen müssen.
KATHARINA: Hat Sie das sexuell befriedigt?
VANESSA: Ja, ich kann es auch nicht erklären. Aber mir taugt das, wenn ich jemanden fesseln, auspeitschen, beschimpfen und demütigen kann.
KATHARINA: Das kann ich nicht nachvollziehen. Haben Sie schon mal mit einem Psychiater darüber gesprochen? Das würde ich mal machen. Mir macht es eher Freude, wenn Menschen achtungsvoll miteinander umgehen. Und bei Pornos muss ich passen. Ich habe einmal im Rahmen des neuen Sexualprogramms für Schüler das Aufklärungsvideo angesehen. Alles habe ich mir nicht angeschaut, denn ich verstehe nicht ganz, warum ein Kind in der Volksschule schon alles über Anal- und Oralverkehr, Homosexualität und Mann und Frau wissen sollte. Die Achtung vorm anderen ist doch das Wichtigste!

WOMAN: Aus Ihrer beider Sicht: Wie versext ist die Gesellschaft aktuell?
KATHARINA: Sehr, weil es eine Ersatzbefriedigung für andere Sachen ist. Wenn Menschen austauschbar werden, werden sie zur Sache. Dann kann man sich auch einen Liebesroboter nehmen.
VANESSA: Oder eine Gummipuppe.
KATHARINA: Ja, oder das. Wenn ich einen Partner liebe, brauche ich nicht den Kick des ständig Neuen. Da bringen sich Menschen um echtes Glück, um zehn Minuten Lust zu haben. Schade.

WOMAN: Vanessa, Sie haben mir im Vorfeld erzählt, dass Sie überlegen, für ein paar Wochen in ein Kloster zu gehen. Warum das?
VANESSA: Für mich wär's super, wenn ich ein oder zwei Wochen mal ohne Telefon sein könnte, ohne Facebook. Dann mache ich Gartenarbeit oder sonst was. Und ich würde mir erhoffen, dass mir bewusst wird, was ich an meinem Leben habe. Oft bin ich davon gelangweilt. Ich will mich wieder finden.
KATHARINA: Das kann ich mir gut vorstellen für Sie. Ich habe mich als Ehefrau auch immer wieder für einige Tage in ein Kloster zurückgezogen, um zur Ruhe zu kommen.
VANESSA: Sprechverbot sollt 's aber keines geben. Das halt ich, glaub ich, nicht aus Werde ich da eigentlich auch gefragt, was ich beruflich mache?
KATHARINA: Das würde ich nicht unbedingt sagen. Erzählen Sie halt, dass Sie Bücher schreiben, das stimmt ja auch.
VANESSA: Ich würd 's dort auch nicht sagen wollen.
KATHARINA: Naja, schauen Sie: Ich hab's ja auch verkraftet.