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Dieses Paar beweist: Gefühle sind stärker als Grenzen

Ihre Geschichten könnten kaum unterschiedlicher sein: Sie wuchs gut behütet in einem Dorf in der Steiermark auf. Er verbrachte seine Kindheit als Straßenjunge in Ecuador. Trotzdem haben Mirjam und Byron zueinandergefunden. Seit sieben Jahren sind die beiden ein Paar und leben jetzt gemeinsam in Wien.

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Mirjam und Byron

GROSSE LIEBE. Mirjam Körbler-Vera, 27, & Byron Vera, 28, führen eine österreichisch-lateinamerikanische Ehe. Trotz kultureller und gesellschaftlicher Unterschiede hält ihre Beziehung seit sieben Jahren.

© Matt Observe

"Meine Freunde und ich haben das ganze Geld, das wir tagsüber mit dem Verkauf von Süßigkeiten verdient haben, an einem dieser Spielautomaten verzockt", erzählt Byron Vera, 28, über seine Kindheit in Ecuador. Die war von Angst, Misstrauen und Lieblosigkeit geprägt. Er wuchs im Randviertel Flor de Bastion in der Hafenstadt Guayaquil auf. Noch immer fehlt es der Gegend an einer funktionierenden Infrastruktur. Der Großteil der Bewohner lebt nach wie vor unter der Armutsgrenze. So wie auch Byrons Familie.

Seit seinem siebten Lebensjahr musste er deshalb arbeiten, um die Familie zu unterstützen. "Als das Geld weg war, hab ich mich nicht mehr nach Hause getraut, weil ich Angst vor der Reaktion meines Vaters hatte. Er konnte sehr böse werden. Also schlief ich zusammen mit den anderen auf der Straße." Aus einer Nacht wurde schließlich ein ganzes Jahr. Bis der damals elfjährige Bub von der Polizei aufgegriffen und schließlich in das Don-Bosco-Programm "Chicos de la Calle" (dt.: Kinder der Straße) aufgenommen wurde. "Das war meine große Chance auf ein besseres Leben", blickt der Lateinamerikaner zurück. Auch wenn er diese anfangs nur schwer annehmen konnte.

"Wie alle anderen Kinder machte ich auch Probleme und hatte zu Beginn Schwierigkeiten, mich an die vorgegebenen Regeln zu halten. Ich kannte es zum Beispiel nicht, dass Männer auch im Haushalt helfen. In der Don-Bosco-Unterkunft war es allerdings selbstverständlich, dass alle kochten, putzten und sich gegenseitig halfen. Daran musste ich mich gewöhnen." Nach ein paar Anlaufschwierigkeiten entwickelte Byron großen Ehrgeiz und setzte sich ein Ziel: Er wollte ebenfalls Betreuer werden. Mit 16 bekam er schließlich die Möglichkeit, eine der Jugendgruppen zu leiten. Mit 17 absolvierte er im Rahmen des Projekts ein Volontariat. Kurze Zeit später wurde er als Erzieher angestellt.

Der erste Job: eine echte Challenge. "Die Kids sagten: ,Hey, du warst auch ein Straßenkind, wie sollen wir dich ernst nehmen?' Mit der Zeit aber akzeptierten sie mich, und schließlich zeigte sich, dass es eine meiner wertvollsten Qualitäten war, dass ich mich durch meine Erfahrungen in die Jugendlichen hineinversetzen konnte. Ich verstand sie und ihre Bedürfnisse dadurch oft besser als andere Betreuer." Parallel dazu wurde Byron an einer öffentlichen Schule aufgenommen, an der er die letzten drei Jahre bis zur Matura absolvierte. Danach begann er neben seinem Erzieherjob auch zu studieren.

CHANCEN & HERAUSFORDERUNGEN. Das Hilfsprojekt eröffnete Byron aber nicht nur berufliche Möglichkeiten. Im Programm traf er auch auf Mirjam, 27, seine jetzige Ehefrau. Die Steirerin war 2011 nach Ecuador gekommen, um für "Jugend Eine Welt" ehrenamtlich verarmten Kindern zu helfen: "Wir waren Kollegen, die durch die Arbeit viel Zeit miteinander verbracht haben. So haben wir uns besser kennengelernt, bis wir schließlich feststellten: Es ist Liebe."

Mirjam und Byron
ENGAGIERT. Im Rahmen eines Sozialprojekts in Ecuador lernten einander der ehemalige Straßenjunge Byron (li.). und Mirjam kennen. Zusammen unterstützten sie Kinder aus schwierigen Familienverhältnissen.


Nach einem Jahr ging Mirjam zurück nach Österreich. Byron blieb in Ecuador. Ihre Beziehung führten sie über das Internet weiter. Nach zwei Jahren aber war die Sehnsucht zu groß. Byron und Mirjam wollten endlich wieder zusammensein - und sich gemeinsam eine Zukunft auf bauen. Deshalb zog er schließlich zu ihr nach Wien. Die beiden heirateten. Aus Liebe - und aus bürokratischen Gründen, da Byron sonst keine Arbeitserlaubnis bekommen hätte.

"Er konnte damals noch kein Wort Deutsch. Die Chancen, ohne Sprachkenntnisse einen Job zu finden, waren gleich null. Deshalb musste ich während meines Pädagogikstudiums etwa 60 Stunden die Woche arbeiten, um genügend Geld für uns beide zu verdienen", so Mirjam. Byron ergänzt: "Das alles stellte unsere Partnerschaft ganz schön auf die Probe. In manchen Momenten wollte ich zurück nach Ecuador. Dort hatte ich eine fixe Arbeit, hier war ich mit so vielem überfordert."

Neben den für ihn schwierigen Bedingungen, einen Job zu finden, war es auch die Mentalität der Österreicher, mit der er sich erst anfreunden musste: "Die Menschen hier lachen so wenig und sind meistens sehr verschlossen. In meiner Heimat ist das anders. Da unterhält man sich auf der Straße ganz selbstverständlich mit Fremden. Wenn man das hier macht, wird man komisch angeschaut."

ZUKUNFTSPLÄNE. Mittlerweile fühlt sich Byron in Wien zu Hause. Zusammen mit seiner Frau lebt er in einer 63 Quadratmeter großen Wohnung im 2. Bezirk. "Der absolute Luxus", schwärmt der Ecuadorianer. "Wir sind gesund, haben fließend Wasser, eine Heizung im Winter und immer etwas zu essen, wenn wir hungrig sind." Auch Mirjam hat die Beziehung zu Byron noch bodenständiger gemacht: "Durch seine Vergangenheit weiß auch ich das, was wir haben, mehr zu schätzen als davor. Vieles relativiert sich, wenn einem bewusst wird, was im Leben wirklich zählt."

Ihr Geld verdienen beide als persönliche Assistenten für eine Frau, die im Rollstuhl sitzt und Betreuung braucht. Mirjam schließt demnächst ihr Studium ab, ist bereits auf der Suche nach einer Schule, an der sie Deutsch und Spanisch unterrichten kann. Byron träumt ebenfalls von einem Job als Lehrer. "Aktuell besuche ich einen Deutschkurs. Dieser und ein paar Ergänzungsprüfungen sind notwendig, damit ich mich inskribieren kann." Und sonst? Die Zukunftswünsche der beiden sind bescheiden: "In ein paar Jahren möchten wir eine eigene Familie gründen. Im Moment aber haben wir alles, was wir brauchen. Wir haben uns. Wir lieben uns, und wir halten zusammen. Der Rest wird sich weisen."

Mirjam und Byron
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